Die
Lassithi-Hochebene ist fruchtbar und bewohnt.
Daher sind die etwa zehn Dörfer
im Kreis am Fuss der kargen Berge um das Ackerland herum angeordnet. Angebaut
werden Kartoffeln, Kohl und Salat. Ein olivenbaumfreies Gebiet, da auf knapp
1000m gelegen.
Weiter
oben haben die Götter eine weitere, kleinere Hochebene ausgebreitet. Dort
gibt`s nur Schafe und Ziegen, dornigen Boden und das erfüllende Nichts. Und
(natürlich) ein kleines Kirchlein, eingezäunt von metallenen Pfählen und
Maschendrahtzaun. Ob es dadurch auch den Status der Ewigkeit erreicht?
Ein
Dorf heisst Agios Giorgios. Das Leben besteht aus über die Dorfkreuzung
ratternden Pick-ups (den griechischen Toyota- und Nissan-Arbeitstieren), aus
Warten auf Kundschaft im kleinen Supermarkt oder aus Warten auf
Ausflugstouristen in den paar sommers geöffneten Tavernen. Leicht erhöht
(bester Bauplatz) steht die viel zu grosse Kirche. Sie muss ja wohl dem
Heiligen Georg gehören, ihm geschenkt worden sein. Man muss sich mal vor Augen
halten, was Herr Agios Giorgios alles für Immobilien besitzt! Im Schatten
grosser Bäume gelegene, mit Rosenbüschen gespickte, mit weissen Mäuerchen
umgebene, oder auf Bergspitzen einsam trotzende. Alles gratis. Da musste sich
im Vergleich der rotblonde Mann im Weissen Haus doch die Hände (oder Anderes)
schwarz machen, um zu seinem Immobilien-Imperium zu kommen. Der Georgy kriegt`s
einfach geschenkt. Seine Fans sammeln für ihn.
Wenn
man von Holly-George-Village aus auf einem der vielen Landwirtschaftssträsschen
an den militärisch ausgerichteten Gemüse- und Salatfeldern vorbei in die Ebene
hineinfährt, kommt man mit etwas Glück zum Versammlungsort aller Heiligen
George. In einer Kurve der sonst schnurgeraden Wege, die durch die Ebene
führen, steht eine Kantina. Ein Verkaufsstandlieferwagen mit angebautem
Zeltdach. (Das ist für den Betreiber steuergünstiger als eine Taverna, aber er
darf nur – muss! – Plastic-Geschirr verwenden.) Wie heisst der Betreiber? –
Giorgios! Wie heisst seine Frau (sie ist ja eigentlich die Betreiberin, sie
macht die meiste Arbeit)? – Giorgia! Und wie heisst der Gast, der mehrmals
täglich vorbeikommt, mal mit Pick-up, mal mit Motorrad, mal mit Jacke, mal ohne
(weil er sie vergisst), mal mit einer Flasche Wein für mich, mal mit
getrockneten Bohnen? – Giorgios! Dass auch die Hälfte der andern wilden
Schnäuze und Bärte Giorgios heissen, macht es nicht leichter, da es eben nur
die Hälfte ist. Giorgia rennt zwischen Grill, Friteuse und Kühlschrank hin und
her (was auch mit dem Handy am Ohr geht) und hat immer die Übersicht. Auch über
den Betrag, den ich bezahlen muss: Was vom Haus spendiert ist, was von welchem
Giorgios oder Nicht-Georgios, und wieviel für mich zu bezahlen übrig bleibt.
Man gehört schnell zur „Familie“. Weil man eben genau hier anhält und nicht in
einer der üblichen einladend schmucken Tavernen. Urlauber mit ihren
Rent-a-cars, wenn sie sich denn mal auf solche Strässchen wagen, sind
Vorbeifahrende. Für Pick-ups oder knatternde Motorräder ist es aber schwierig
vorbeizufahren, denn man kennt sich und wird mit lautem Gejohle herbeigerufen.
„Komm einen Raki trinken, du Memme!“ Und schon sitzt ein Weiterer mit von der
Ackerarbeit schmutzigen Schuhen und vom Bewässerungsleitungen Auf- und Zudrehen
schwarzen Händen am Tisch vor einem Raki oder Bier und einem Schälchen mit
Gurken- und Käsestücken. Dann wird laut geredet und gescherzt. Aber nicht nur
die Zunge ist locker, auch der Umgang. Die Gesichter sind entspannt und man
spürt die Herzlichkeit. Die Arbeit auf den Feldern von morgens bis manchmal zum
Eindunkeln ist hart, da will man die Pausen nicht mit Jammern verbringen. Wer
etwas viel Alkohol getrunken hat, wird nicht mühsam, sondern er beginnt
vielleicht ein Tänzchen oder macht sich ohne grosse Verabschiedung auf den
Heimweg.
Mein
Lieblings-Georg ist der Belivanis. Immer zufrieden, immer strahlend, immer
aufmerksam. Er beschäftigt seit Jahren die gleichen zwei Arbeiter, einen
Albaner und einen Rumänen. Er betont, wie streng sie arbeiten und wie sehr er
sie schätze. Ihm ist klar, dass die Wertschätzung auch mit dem Lohn ausgedrückt
wird. Daneben wohnen sie gratis, der Albaner links und der Rumäne rechts im
Haus. Seine Frau kocht täglich für alle. Seine zwei Söhne seien für den Handel
und das „Büro“ zuständig. (Die getrockneten Bohnen werden bis nach Frankreich
verkauft.) Wie hart ist denn die Arbeit der Söhne? Sie müssten wohl im gleichen
Alter sein wie der Albaner und der Rumäne. Sie schauen aber nie in der Kantina
vorbei. Der Albaner und der Rumäne übrigens auch nicht. Sie trinken am Abend in
ihrem Häuschen. Der eine links und der andere rechts…
Und adio Criti!






