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Mittwoch, 26. Juni 2019

Die Heiligen George (7)










Die Lassithi-Hochebene ist fruchtbar und bewohnt.


Daher sind die etwa zehn Dörfer im Kreis am Fuss der kargen Berge um das Ackerland herum angeordnet. Angebaut werden Kartoffeln, Kohl und Salat. Ein olivenbaumfreies Gebiet, da auf knapp 1000m gelegen.





Weiter oben haben die Götter eine weitere, kleinere Hochebene ausgebreitet. Dort gibt`s nur Schafe und Ziegen, dornigen Boden und das erfüllende Nichts. Und (natürlich) ein kleines Kirchlein, eingezäunt von metallenen Pfählen und Maschendrahtzaun. Ob es dadurch auch den Status der Ewigkeit erreicht?



Ein Dorf heisst Agios Giorgios. Das Leben besteht aus über die Dorfkreuzung ratternden Pick-ups (den griechischen Toyota- und Nissan-Arbeitstieren), aus Warten auf Kundschaft im kleinen Supermarkt oder aus Warten auf Ausflugstouristen in den paar sommers geöffneten Tavernen. Leicht erhöht (bester Bauplatz) steht die viel zu grosse Kirche. Sie muss ja wohl dem Heiligen Georg gehören, ihm geschenkt worden sein. Man muss sich mal vor Augen halten, was Herr Agios Giorgios alles für Immobilien besitzt! Im Schatten grosser Bäume gelegene, mit Rosenbüschen gespickte, mit weissen Mäuerchen umgebene, oder auf Bergspitzen einsam trotzende. Alles gratis. Da musste sich im Vergleich der rotblonde Mann im Weissen Haus doch die Hände (oder Anderes) schwarz machen, um zu seinem Immobilien-Imperium zu kommen. Der Georgy kriegt`s einfach geschenkt. Seine Fans sammeln für ihn.





Wenn man von Holly-George-Village aus auf einem der vielen Landwirtschaftssträsschen an den militärisch ausgerichteten Gemüse- und Salatfeldern vorbei in die Ebene hineinfährt, kommt man mit etwas Glück zum Versammlungsort aller Heiligen George. In einer Kurve der sonst schnurgeraden Wege, die durch die Ebene führen, steht eine Kantina. Ein Verkaufsstandlieferwagen mit angebautem Zeltdach. (Das ist für den Betreiber steuergünstiger als eine Taverna, aber er darf nur – muss! – Plastic-Geschirr verwenden.) Wie heisst der Betreiber? – Giorgios! Wie heisst seine Frau (sie ist ja eigentlich die Betreiberin, sie macht die meiste Arbeit)? – Giorgia! Und wie heisst der Gast, der mehrmals täglich vorbeikommt, mal mit Pick-up, mal mit Motorrad, mal mit Jacke, mal ohne (weil er sie vergisst), mal mit einer Flasche Wein für mich, mal mit getrockneten Bohnen? – Giorgios! Dass auch die Hälfte der andern wilden Schnäuze und Bärte Giorgios heissen, macht es nicht leichter, da es eben nur die Hälfte ist. Giorgia rennt zwischen Grill, Friteuse und Kühlschrank hin und her (was auch mit dem Handy am Ohr geht) und hat immer die Übersicht. Auch über den Betrag, den ich bezahlen muss: Was vom Haus spendiert ist, was von welchem Giorgios oder Nicht-Georgios, und wieviel für mich zu bezahlen übrig bleibt. Man gehört schnell zur „Familie“. Weil man eben genau hier anhält und nicht in einer der üblichen einladend schmucken Tavernen. Urlauber mit ihren Rent-a-cars, wenn sie sich denn mal auf solche Strässchen wagen, sind Vorbeifahrende. Für Pick-ups oder knatternde Motorräder ist es aber schwierig vorbeizufahren, denn man kennt sich und wird mit lautem Gejohle herbeigerufen. „Komm einen Raki trinken, du Memme!“ Und schon sitzt ein Weiterer mit von der Ackerarbeit schmutzigen Schuhen und vom Bewässerungsleitungen Auf- und Zudrehen schwarzen Händen am Tisch vor einem Raki oder Bier und einem Schälchen mit Gurken- und Käsestücken. Dann wird laut geredet und gescherzt. Aber nicht nur die Zunge ist locker, auch der Umgang. Die Gesichter sind entspannt und man spürt die Herzlichkeit. Die Arbeit auf den Feldern von morgens bis manchmal zum Eindunkeln ist hart, da will man die Pausen nicht mit Jammern verbringen. Wer etwas viel Alkohol getrunken hat, wird nicht mühsam, sondern er beginnt vielleicht ein Tänzchen oder macht sich ohne grosse Verabschiedung auf den Heimweg.
Mein Lieblings-Georg ist der Belivanis. Immer zufrieden, immer strahlend, immer aufmerksam. Er beschäftigt seit Jahren die gleichen zwei Arbeiter, einen Albaner und einen Rumänen. Er betont, wie streng sie arbeiten und wie sehr er sie schätze. Ihm ist klar, dass die Wertschätzung auch mit dem Lohn ausgedrückt wird. Daneben wohnen sie gratis, der Albaner links und der Rumäne rechts im Haus. Seine Frau kocht täglich für alle. Seine zwei Söhne seien für den Handel und das „Büro“ zuständig. (Die getrockneten Bohnen werden bis nach Frankreich verkauft.) Wie hart ist denn die Arbeit der Söhne? Sie müssten wohl im gleichen Alter sein wie der Albaner und der Rumäne. Sie schauen aber nie in der Kantina vorbei. Der Albaner und der Rumäne übrigens auch nicht. Sie trinken am Abend in ihrem Häuschen. Der eine links und der andere rechts…     




Und adio Criti!