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Dienstag, 10. August 2021

Schlechte Strasse - gute Laune

 






 

Und plötzlich ist es anders

 

 

Nach der Grenzüberquerung in die Ukraine.

Eine Woche Polen reicht – Polen, du scheinst mir verlolen! Du bist langweilig. Die Begrüssung durch den Gummischwan mit den zwei Ausflugs-Mädchen war zwar vielversprechend und blieb mein einziger Aufschrei der Lust. Polen, du hast deinen Charakter verlolen, den du doch mal gehabt haben musst. Du bist gezeichnet vom Durchschnittsbrei, den dir das westliche Europa geschenkt hat. Du bist normiert und flach, auch in den bergigen Ausläufern der Karpaten. Du hast nichts Einladendes, nichts Lustvolles. In keinem deiner Häuser möchte ich wohnen (der Plattenbau- und der Hollywood-Chefdesigner scheinen ein gemeinsames Planungsbüro eröffnet zu haben). Deine Landschaft, deine Wiesen und Wälder sind schwer zugänglich. Wer während zwei Stunden Autofahrt dauernd nach einem Kaffee ausschaut, muss sich letztlich zu einer Tankstelle begeben. Automatenkaffe im Pappbecher, stehend vor dem Eingang zu geniessen (ist nur für Nichtraucher möglich). Wenn bestimmte Orte attraktiv sind (z.B. die kleinen Stauseen), dann sind sie kaum zugänglich oder es spielt sich dort eine Art Kufstein-Tourismus ab – ein sehr „lebendiger“. Kauf dir ein Schaffell oder etwas Holzgeschnitztes, und zahle fürs Parkieren!

Ach Polen, du bist in den letzten 30 Jahren von der einen Gleichmacherei in die nächste gerutscht. Könnte dies eine Erklärung dafür sein, dass du dich mit Mutter EU schwer tust?

Ich erreiche den kleinen Grenzübergang zur Ukraine und bin fast der Einzige dort. Man nimmt sich Zeit. Alles wird ruhig und freundlich abgewickelt. Und sorgfältig. Als die Idee auftaucht, dass der Hund auch deklariert werden muss, fehlt aber ein entsprechendes Formular. Man nimmt ein anderes, auf welchem ich unter dem Punkt „Personal goods and things of value“ „1 dog“ einzutragen habe. Masken trägt niemand (ist ok), aber ich müsse eine Krankenversicherung haben für den Fall einer Ansteckung mit Corona. Im nächsten Ort gäbe es eine Versicherungsagentur. Ja, die müsste auch sonntags geöffnet sein… „Stopp, noch etwas!“ – die blonde 180cm-Zöllnerin mit den langen, grasgrünen Fingernägeln und dem grossen Busen unter der weissen Blusen möchte mit dem Handy noch ein paar Photos des Chevrolets machen. Dann „Okay, you can go!“ – „Nein, noch etwas. Habe ich hier schon reingeschaut?“, fragt sie mich. „Yes, you have.“ „Okay, you can go. Enjoy Ucraina!“

Nach zwei Kilometern der erste Halt. An der ersten Tankstelle. Mit Laden im Sowjet-Stil. Ein Drittel Alkohol, ein Drittel Süssgetränke, der dritte Drittel Pommes Chips und Zigaretten. Nach weiteren zehn Kilometern das erste Dorf. Mit Menschen! Ich bin gespannt auf den Kaffee-Test. Klar! Ein kleines, gemütliches Lokal mit Tischen auch draussen. „Espresso, Cappuccino, Milchkaffee?“ Ein junger Mann mit coolem Hut und Marihuana-shirt spricht mich auf Englisch an. Er reise gern und sei schon in Spanien, Portugal, Frankreich, Grossbritannien und in Geneva und Zurich gewesen. Alles per Anhalter, er habe kaum Geld. Aber er hat den offenen Blick. Einer seiner Begleiter schützt seine Augen mit einer Sonnenbrille. Er habe zu viel getrunken gestern. Wodka? Nein, Whisky und Cognac seien inzwischen angesagt. Typus „Clever, aber was soll ich denn aus meinem Leben machen hier?“. Der zweite Begleiter wirkt etwas kindlich und naiv und weiss nicht viel zu sagen. In einer Plastiktüte trägt er die Bibel mit sich. Immer. Alle drei sind sie Suchende. Doch zwei von ihnen drehen sich im Kreis. Nur einer hat ein Funkeln in den Augen.

Funkeln tun auch die Kirchtürme mit ihren goldigen Blechkuppeln. Die farbigen Häuser sind meist alt, aber mit Hingabe gepflegt. Kinder bieten am Strassenrand selbstgepflückte Waldhimbeeren an. Die Friedhöfe sind bunt und laden zur letzten Ruhe ein. Heile Welt?  







In einem Dorf biege ich ab in eine Nebenstrasse. Strasse? Nach 50 Metern mit tiefen Löchern frage ich nach. Ja, das sei die Strasse nach Nyzni Vorota. Bis Roztoka, dem nächsten Dorf, seien es 20km. Ich brauche mehr als eine Stunde dafür. Oft im Schritttempo. Eine friedliche Landschaft mit Hügeln, Weiden, Wäldern und Bächen. Kaum ein Auto kommt entgegen. Wenn doch, hält man an und begrüsst sich.    





Endlich Roztoka, ein Drittel der Gesamtstrecke. Auf der „Strasse“ vor einem der Häuser und im Vorgarten tummeln sich viele Kinder. Als Polen-Geschädigter schaue ich einfach mal und setze ein gütiges und verklärtes Lächeln auf. Schon kommt eine Mamma und winkt mich heran. Sie bringt etwas zu trinken. Sie bringt auch einen Teller mit Kartoffelstock, Wurst und Kohl. Das kleine Haus scheint voller Leute zu sein, vor allem die Kinderschar inklusive Teenagers ist unüberblickbar. Es plärrt Musik. Manchmal kommt auch eine erwachsene Person aus einer Türe um durch eine andere wieder hineinzugehen. Ein Kinderheim? Ich bekomme zwei weitere Teller hingestellt. Im einen sind Wurst und Speck, im andern Kohlwickel, wie ich sie aus Rumänien kenne. Ein Mann tritt aus dem Haus, kurzgeschorene Haare und dicker Bauch. Der Heimvater? Er kann Deutsch – ein Wort zwar nur – „Schnaps“. Die Heimmutter versteht und bringt eine Karaffe und drei Gläschen. Eines auch für sie selber. Der Dickbauch schenkt auch gleich nach, stösst dabei ein Glas um, wischt dessen Inhalt mit einer Handbewegung weg, so wie man Brosamen, für die man ja auch nichts kann, vom Tisch wischt und sagt (sinngemäss…) etwas von alle Menschen gehörten doch zusammen, die Slowaken, die Tschechen, die Ukrainer, die Schweizarskis, alle eben. Wir sind doch eine grosse Familie. Dann beginnt er im Takt des scheppernden Lautsprechers die Hüfte zu schwingen. Peace, love and music. Ich verlasse die Fiesta, ohne herausgefunden zu haben, wo ich denn eigentlich war. Egal – es war!





Ein Übernachtungsplatz auf einer Wiese, umgeben von Tannenwald, ist schnell gefunden. Am nächsten Tag zieht es mich nicht weiter. Ich warte auf den Fuchs und den Hasen. Und es kommt Pavel. Es folgen zwei Stunden mit zwei Menschen, die sich kaum verständigen können, aber irgendwie verstehen. Pavel kennt auch nur ein einziges deutsches Wort, jedoch nicht „Schnaps“, sondern „Massstab“! Da er die Welt im Umkreis von 30km zu kennen scheint, will er mir auf der Strassenkarte 1 : 800`000 die umliegenden Dörfer zeigen. Und die Distanzen zwischen ihnen. Er verlangt Lineal, Papier und Bleistift. Wie ein Schüler bei den Hausaufgaben misst, rechnet und stöhnt er. Wenn ich im falschen Moment etwas sage, gebietet er mir, ihn nicht zu unterbrechen. Wenn ich ein Zwischenresultat nickend anerkenne, gibt es ein kräftiges Shakehands. Und Putin spinne, erwähnt er am Schluss beim Abschied.