Wo beginnen mit Erzählen? Mit dem Morgen, als das Gjumri-Fernsehen kam und um ein Interview bat? Mit dem Nachmittag im Oasenparadies? Mit dem Abend um zehn Uhr, als es plötzlich und heftig "Bumm" machte?
Oder mit nachts um zwei Uhr, als sie mich vom Spital zum halbkaputten Wohnwagen zurückgebracht haben? Oder mit der jetzt herrschenden Ruhe und Leere des morgengrauenden Hauptplatzes, nach einer Nacht, die mich keine Minute schlafen liess?
Inzwischen befinde ich mich schon zehn Tage in Gjumri, aber genug davon habe ich noch nicht. Oder wenn, dann höchstens wegen dem erwähnten nächtlichen Crash . Aber (auch) dieser zwingt mich ja, noch länger zu bleiben. Ich habe jetzt wirklich eine Aufgabe…
Es ist nicht einfach, darüber zu schreiben, was ich in diesen Tagen alles erlebt habe. Zu einem grossen Teil geht es auch nicht um Erlebnisse, sondern um Eindrücke. Und davon gibt es viele, dauernd, und sie sind exotisch, wahrscheinlich in ihrer Wirkung nicht anders als bei einem Spaziergang durchs afrikanische Ouagadougou. Allein schon, als Beispiel, die Beschriftungen faszinieren. Es genügt den Armeniern nicht, eine schwierige Sprache zu haben. Sie haben auch ihre eigene Schrift. Da frage ich mich oft, was ich wohl in diesem Laden oder hinter dieser Tür erhalten würde. Die „Ursel“ hat es mir leichter gemacht und sich namentlich zu erkennen gegeben…
Armenien ist ein Schmelzpunkt. Von West-Ost-Nord-Süd. Von Europa (überspringen wir mal das dazwischen liegende Törki-Reich), Aserbaidschan und den anschliessenden Kasach- und weiteren –stans, dem Briederchen Russland und seinem anhaltenden Sowjet-Flair und Arabien mit seinen Aya- und allen Tollas. Eine tolla Mischung eben. Dazu ist die Armut und das Zerfallene und Zerfallende die Kulisse, vor welcher auch mal und nicht selten ein teurer Mercedes- oder Porsche-Schlitten aufkreuzt. Wenn ich das alles sehen will, dann sehe ich`s. Wenn es mich interessiert, dann bewegt`s mich. Und wenn ich das täglich und auf jedem Meter verabreicht bekomme, dann füllt`s mich. Und wenn dann noch ein rennfahrendes Bubi mit seinem BMW in meinen Wohnwagen kracht, dann schüttelt`s mich.
Cool bleiben geht nicht, möchte ich auch nicht. Aber ruhig bleiben. Dafür ist der Park (auch eine Mischung verschiedenster Zutaten) der passende Ort. Er kann übrigens auch ziemlich belebt sein, wie heute am Sonntag. Ich sitze unter Löwe und Tiger an einem Tischchen im „Oasis“. – Ort des aufarbeitenden Schreibversuchs.
Vor einigen Tagen habe ich Gjumri zum bisher einzigen Mal für ein paar Stunden verlassen und bin ins 40km entfernte Spitak gefahren. Diese Kleinstadt war beim Erdbeben von 1988 (Armenien bleibt von nichts verschont) am meisten betroffen. Auf dem Weg dorthin fällt auf, was Armenien als Hauptsächliches ausmacht: Steine. Die Farbe der Berglandschaft ist zwar grün, aber Steine, aufgestellte, herumliegende, zusammengestürzte, weiss nicht von wann und von was stammende Steine. Als Mauern, als Grab- und Gedenkstätten, von hellgrau bis fast schwarz, klotzig und brockig – sie sind nur zum kleinsten Teil Zeugnis des Erdbebens. Sie sind Armeniens Basis, im wörtlichen, im kulturellen und wohl auch im übertragenen Sinn.
Spitak ist wieder aufgebaut und präsentiert sich als Unort, als Resultat nächstenliebenden Je-ka-mi-Aufbaus verschiedener beteiligter Länder. In einer Café-Schnellimbiss-Bäckerei esse ich einen armenischen Hotdog und kann zuschauen, wie eine Frau hinter einer grossen Glasscheibe das Lavasch-Brot bäckt. Ist in der kalten Jahreszeit sicher ein attraktiver Arbeitsplatz… Dann noch ein paar Fotos machen von der neu erbauten Kirche und dem fürs Leben untauglichen Hauptplatz. Die österreichischen, französischen, schweizerischen und was auch immer Wohnbaublüten lasse ich stehen und verschwinde zurück nach ugly-lovely Gjumri.
Gregor, der Polizist, Kollege von Aram, Robert, Albert, Samuel …. und Hermine, kommt mit seinem Töchterchen vorbei. Beim Abendspaziergang im Park machen ein paar Jungmänner Fotos von ihren Girls. Gerne helfe ich mit. Auf dem Hügel neben dem Shirak-Gjumri-Stadion entsteht eine Hotel-oder-was-das-werden-soll-Anlage. In einem farbig angestrichenen Käfig darf ein Bär auf dem Eisenboden hin- und her tapsen. So oft er will. Er sieht die Farben nicht. Während ich mit ihm spreche, kommt ein Kampfhund heran und interessiert sich zum Glück nicht wirklich für mich. Am Stadioneingang steht SIE und mag erst nicht lächeln: Madame Shirak Gjumri FC. Geblendet von der Abendsonne präsentiert sie sich im langen Schwarzen beim Eingangseisentor. Was Mother Armenia fürs Land ist sie für den Fussball-Club. Wäscherin, Putzerin, gute Seele, und während der matches ist sie Gerantin in der VIP-Lounge. Tee und Néscafé standen zur Auswahl, als ich vor zwei Jahren hier an einem Spiel war. Das heisse Wasser dazu stand in mitgebrachten Thermoskrügen bereit.
Wieder zurück beim „Campingplatz“ folgen die nächsten Überraschungen. Wieder Besuch von der Polizei. Aram bringt mir ein frisch gesegnetes Lavasch-Brot vorbei. „Blessed bread“. Ich reichere es mit dem aus der Shveycaria mitgebrachtem „Le Parfait“ an. Ungesegnetem. Frisch gesegnet ist auch das Brautpaar, das es sich leistet, sich an ihrem schönsten Tag im Leben, eskortiert von billig hupenden Mitglücklichen, in einer Stretch-Limousine Marke „Hammer“ um den Hauptplatz chauffieren zu lassen. Die zweite Variante von Hammer wird mich dann später am Abend stretchen.
Kurz, in slow-emotion: Überall auf der Welt gibt es Bubis, die mit ihren Autos gemeingefährlich über die Strassen orgasmen. Hier auf Gjumris zentralem Platz, viereckig und vierspurig angelegt, wird am späteren Abend, wenn es kaum mehr Fussgänger, nur noch wenig Verkehr und keine lieben Polizisten mehr hat, oft mit einem mehr oder weniger potenten Raketchen am Limit quietschend und röhrend eine Runde gedreht. – Ein BMW tat es über dem Limit, es kreischte und krachte. Auch eine Art Erdbeben. Der Bewohner lag zwischen der eingestürzten Inneneinrichtung am Boden seines Wägelchens. Die zwei BMW-Bubis, einer zu lang und einer zu kurz geraten, standen mit leerem Blick in der Menschentraube. „I am sorry“, brachte der eine über die Lippen. Es folgten zwei Stunden Unfallaufnahme durch die Polizei und anschliessend eine Gratis-Fahrt (auch in BMW) ins Spital. Nur Quetschungen, eine Schmerzspritze in den Arsch und back home…
Am Morgen früh bei Sonnenaufgang – sehe das Schöne! – versammeln sich junge Männer in Trainingsanzügen neben dem Tatort. Es sind die Spieler des FC Shirak Gjumri, die (auch wieder in BMW`s) nach Yerevan gebracht werden sollen, um die Visa für das Rückspiel in Slowenien zu machen. Man kennt sich, man freut sich, man wünscht sich alles Gute.
Und: Trost wird gespendet – Reparatur wird schwierig…