Mamma Armenia winkt von einem Hügel auf Gjumri herab. Riesenhaft, das Schwert in fester Hand und mit straffen Brüsten.
Das ist kein Silikon – das ist hammerhartes Eisen. Was sie gegen hinten zeigt, halb Drache, halb Arsch, zeigt sie den Türken, deren Grenze über den wenig entfernten Hügelzug verläuft.
So soll es sein, sagt Hermine. Sie hat heute frei. Die Polizei-Uniform muss sie erst morgen wieder anziehen. Heute führt sie mich in der Stadt herum. Sie weiss, dass sie mich nicht in Museen oder Kirchen bringen muss. Aber Mutter Armenia musste sein. Und an Helden und deren Denkmälern ist eh kein Vorbeikommen. Armenien ist sehr gut bestückt mit Heavy-metal-Köpfen und –Statuen überall. Aber man spürt, auch überall, dass es nicht um eine tumbe Verherrlichung von Vaterlandskämpfern geht, sondern dass die Geschichte Armeniens und seine Situation heute ein dauernder Kampf und ein dauerndes Wehren für die Eigenständigkeit war und ist. Osmanen, Türken, Perser, Russen, Aserbaidschaner… Und der Genozid vor 100 Jahren. Das alles wirkt und ist spürbar. Wohltuend fällt aber auch auf, dass viele Statuen Personen aus der Kunst und Kultur darstellen. Eben: Die Söhne und Töchter müssen ringen und Gewichte heben können, sie müssen leiden können, aber sie können auch Anderes. Und sie haben Humor!
Zuerst führt uns der Weg durch den Markt, wo ich (Märkte sind doch überall Märkte) doch über Einiges staunen muss: Diese zähen Gummi-Fasern sind ein besonderer Käse, diese Lederstücke sind gepresste Früchte, diese Würste sind eine Süssigkeit mit Nüssen, diese Kuhfüsse sind Kuhfüsse, aber wozu? Und dass diese Aprikosen viel besser sind als die in der Türkei, ja, Hermine, ich werde das so schreiben und dazu auch, dass die Polizei viel besser ist als die vom Rest der Welt.
Stadtauswärts, am baufälligen Stadion des FC Shirak Gjumri vorbei, geht es dann zu Mamma Armenia, die eben ihren Hinterteil in Richtung der schlechten Aprikosen richtet. Vom nächsten Hügel aus, wo die Russky Army ihren Stützpunkt hat, sieht sie aus, als wollte sie sich selber als Rakete in die Luft schiessen. Zurück wieder am Stadion vorbei. Nächste Woche sei ein Spiel der Europa-League – freier Eintritt wird mir von zwei Halboffiziellen schon mal zugesichert.
Dann durch den Stadtpark. Da gibt es ein Riesenrad, Karusselle, eine Putsch-Auto-Anlage und andere Vergnügungsbahnen, alles scheint einsatzbereit, aber alles steht still, ist idyllisch veraltet, zum Teil halb überwachsen mit Gras, wunderschön anzusehen, und niemand will es benutzen. In der Telephonkabine telephoniert eine rosarote Schöne, aber ohne Arme, die arme. Doch, manchmal tauchen Eltern oder Tanten mit Zuckerwatte essenden Kindern auf. Sogleich erscheint zuständiges Personal aus einem Häuschen oder Busch heraus, und die Sache läuft und rattert für ein paar Minuten. Ein Duft von abgeriebenem Gummi erfüllt dann die Luft, die Vögel zwitschern weiter, ein jämmerlicher Affe in einem jämmerlichen Käfig versucht, unter dem Gitter durch ein paar Blätter zu ergreifen.
Der Knüller kommt noch! Eine grosse Halle, wie ein Gewächshaus, sieht von aussen nach nichts Besonderem aus.
„Oasis“ steht daran. Ein Restaurant. Mit Tischen auf verschieden hohen Plattformen, mit Palmen, Aquarien, Blumenbeeten am Boden und Pflanzen in der Luft, mit Wasser von Becken zu Becken hinabplätschernd, mit Galerien und Chambres séparées, mit grosser (leerer) Bühne, ein Flügel steht darauf, mit französischen Chansons von oben oder woher denn kommend, mit Sonnenstrahlen durchs Laub der hohen Decke eindringend, mit farbigen Neonröhren und mit Bar, über welcher hoch oben ein Löwe und ein Tiger in Würde und Geduld ihr ausgestopftes Dasein fristen.
Auch hier steht genug Personal bereit, wartend, wischend, die Pflanzen streichelnd, doch zwei ältere Damen sind die einzigen Gäste. Die blonde Lena mit der 60-er Jahre-Frisur hat heute Dienst an der Bar. Hinter ihr ein schwülstiger Spiegel und die Regale mit armenischem Cognac. Er heisst „Ararat“, wie ihr heiliger Berg, den ihnen die Türken geklaut haben. Im Moment ist mir ein Cognac lieber als ein 5-Tausender.
Lena, ich komme wieder – am liebsten mit 100 Gästen! Dies hier ist ein Ort, wo man geboren und beerdigt und alles dazwischen sein möchte. Und nochmals ein Danke (Շնորհակալություն - Shnorhakalut’yun) an deine quirlige Tochter, die versucht hat, mir die armenischen Zahlen beizubringen und noch, ihr gesamtes Englisch-Repertoire ausschöpfend, „I love you, from Anahid“ unten auf das Zettelchen geschrieben hat. Ich werde mich anstrengen, Anahid: Մեկ երկու երեք մեկ երկու երեք յոթ ութ ինը – mek yerku yerek ch’vors hing vets’ yot’ ut’ iny. Das wär`s mal bis 9 …