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Donnerstag, 29. Juni 2017

Yes, Master!






Das nimmt seinen armenischen Gang. Wenn das Schweizer Auge mitschaut, gibt es schon Unerklärliches.



Dass es zum Beispiel hier schwierig ist ein Schloss zu kaufen – ich rede von einem Türschloss! – ist verständlich. Wir befinden uns nicht im Reich der Hobby- und Do-it-yourself-Fachmärkte, und ein teures Qualitätsfachgeschäft ist wohl keines grad um die Ecke. Unweit meines Wohn- und des Crash- Tatortes ist die Strasse mit den Gebrauchtwarenständen, wo lieblich auf Kisten oder am Boden ausgebreitet auch viele Werkzeuge und dergleichen feilgeboten werden. Rostige Schraubenzieher, Hämmer, Zangen, Bohrereinsätze und, und. Das Allermeiste zum Vergessen. So gesehen ist es auch verständlich, dass viele Leute, die mir helfen wollten, eingeschlossen von ihnen angeschleppte andere, die sich angeblich gut auskennen, eingeschlossen die lieben Polizisten, die für mich auf die Pirsch gingen, dass also alle keine Möglichkeit sahen, zu einem Türschloss zu kommen. Der Helferandrang hat dann auch entsprechend von Tag zu Tag abgenommen. Aber – und jetzt kommt`s, das für mich Unverständliche – etwa 200 Meter nach den Trödlern gibt es ein grosses Fachgeschäft mit einem vielfältigen Angebot an . . . Türschlössern! Das weiss ich seit heute. I was there! Erklärung? Es fällt mir nur die ein, dass so ein Laden wegen seiner Preise für viele normale Leute ausserhalb ihrer Besorgungs-Jagdgründe liegt, auch ausserhalb einer theoretischen Möglichkeit. Immerhin kostet so ein Sowjet- oder Törki-Fabrikat umgerechnet um die zehn Euro.  Und trotzdem , die smarten Polizisten, die wissen, wie „reich“ ich bin und täglich dienstlich durch die Stadt promenieren, alle die, die schon in Deutschland gearbeitet haben, alle – niemand  weist mich auf dieses Geschäft hin. Alle betrachten sie das kaputte Schloss, betasten und inspizieren es, überlegen und sinnieren, finden heraus, dass es wirklich irreparabel ist, dass es ein neues bräuchte, aber eben . . .
Gleich verhält es sich auch mit dem grundsätzlichen Problem, nämlich die schlimmsten Schäden am Wohnwagen reparieren zu lassen. Das könnte nur ein „Master“ machen. Immer wieder fällt das Wort „Master“. Aber nicht mit „kann machen“ in der Möglichkeitsform, sondern mit „könnte machen“ in der Unmöglichkeitsform. Werkstätten und Handwerksbetriebe, die als solche bekannt und erkennbar sind, scheinen nicht nur dem Fremden unerreichbar zu sein. Da müsste man schon jemanden kennen, der jemanden kennt . . .
Ich kenne jemanden, der jemanden kennt. Unfälle öffnen Türen und ebnen den Weg zu Freundschaften. Das ist eben auch wieder das exotische Armenien. Karen, der Versicherungsagent, (des Täters, wohlverstanden). Er hat mich zu zwei Mastern gebracht, ausserhalb der Stadt. Mit Kühen und Kartoffelacker und Hühnern. Und einem Nebengebäude. Mit einem Haufen Altmetall davor.
Und die haben inzwischen zwei Tage geschwitzt und gezaubert. Und alles hingekriegt.




Diese Zeit habe ich bei grosser Hitze Kaffee und Wasser trinkend in der Stadt verbracht und mir die Luxus-Frage gestellt, ob es hier wohl ein Schwimmbad gibt.
Es gibt eines. Gab eines. Könnte eines sein. Knietief befindet sich noch verschmutztes Wasser im Becken. Mit wenig Aufwand wäre es in Stand zu stellen. Zwei Masters und zwei Tage würden genügen . . .


Im italienischen Strassencafé finde ich Begegnungs-Futter. Zuerst ein Backpacker-Paar. Er Kurde, sie Türkin. Können Englisch. Türkische Touristen! „Klar, und wir wollen in Yerewan das Genozid-Museum besuchen!“ Sie sagen es in derselben Selbstverständlichkeit, wie man in Paris den Eiffelturm besucht. An einem andern Tisch sitzen Männer in kurzen Hosen mit muskulösen Beinen. Marko und Aleksandar sind aus Serbien, Advan ist Armenier. Marko ist Innenverteidiger, Aleksandar Stürmer. Ich kriege ein Update über den Stand des armenischen Fussballs. Die Liga wird in der beginnenden Saison nur noch sechs Teams umfassen, fünf aus Yerewan plus Shirak Gjumri. Grandzasar aus Kapan (über Pässe und schlechte Strassen beschwerlich erreichbar) hat sich auch in Yerewan niedergelassen. Ich stelle mir vor, wie der FC Lugano nach Zürich zieht und seine Spiele in Oerlikon austrägt. Gehören tun die Clubs, wie die Grossen aus Spanien oder England, einem Politiker oder Vetternwirtschafter. Der stellt eine Mannschaft zusammen aus Spielern von Armenien, Serbien und der Elfenbeinküste, und wenn er nicht mehr will oder kann, reduziert sich halt die Liga. Hopp FC Wil!