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Montag, 3. Juli 2017

Vom Spiel zum Bad




Halb vier, eine halbe Stunde vor dem Anspiel, das Stadion beginnt sich zu füllen, dunkle Wolken ziehen auf.






Man braucht diesmal – im Gegensatz von vor zwei Jahren – tatsächlich Billete für das Spiel. Wahrscheinlich weil es ein internationales ist. Aber sie wurden wohl gratis abgegeben, und die Eingangskontrolle ist entsprechend locker. Auch Madame Shirak Gjumri „kontrolliert“ an einem Eingang. Sie lächelt und drückt mir die Hand und drin bin ich.
Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff wird die Sprinkleranlage in Betrieb gesetzt, obwohl der Beginn des Gewitters ist eine Frage von Minuten. Aber das ist wohl internationale Vorschrift und vor allem: Man hat inzwischen eine in den Rasen eingelassene Sprinkleranlage. Tatsächlich beginnen Spiel und Gewitter pünktlich und gleichzeitig.
Für armenische Verhältnisse ist das Stadion gut gefüllt. 1`500 Zuschauer vielleicht. Wenn man alle Polizisten, die mit den einen, die mit den andern und die mit den nochmals andern Uniformen mitzählt. Die meisten von ihnen haben keine Aufgabe und mischen sich unters Publikum. Armenien ist ein „Polizeistaat“, die Schweiz ist ein Sozialstaat. Das ist aber nur eine Frage der Begriffe: In der Schweiz gibt es Arbeitslosenunterstützung und in Armenien gibt es Polizeijobs. Da die Arbeitslosenrate in Armenien weit höher ist als in der Schweiz, ist die Folge eben sichtbar: Überall Polizisten! Der Lohn und die Erziehung dieser Polizisten scheint immerhin so zu sein, so dass sie sich weder durch Arroganz noch durch Abzockerei hervortun. Doch, einer, ein dicker, mag nach der ersten Halbzeit nicht mehr in unserer gequetschten Gruppe unter dem Vordach stehen. Ich darf ihm über die kleine Abschrankung zur Reihe der Presseleute helfen, wo er einen schmächtigen Schreiberling anweist, den Sitz mit ihm zu teilen.
Übers Spiel gibt es nicht viel zu sagen. Der Gast aus Slowenien hat verdient gewonnen, weil er dank seiner technisch besseren Spieler Ball und Spiel besser kontrollieren konnte. Höchstens noch ein Tipp an den Shirak-Geldgeber: Einen (arbeitslosen…) Schweizer Torhüter holen!
Nach dem Match scheint wieder die Sonne und lässt das leere Stadion in gelbem Licht leuchten. Nur jemand schleicht noch herum: Mamma Shirak sammelt die herumliegenden Petflaschen zusammen. Als ich abfahre, winkt sie mir nach.




Nach dem Spiel ist nicht vor dem Spiel. Die Meisterschaft beginnt erst Mitte August, und zudem finden ja alle Spiele mit Ausnahme von Gjumri in Yerewan statt. Dorthin zieht es mich nicht. Yerewan ist Yerewan, und Armenien ist Armenien.
Ich verlasse Gjumri nach fast zwei Wochen Richtung Süden. Auf einer sehr schlechten Strasse durch Nichts-wie-durch-Landschaften sind es 120km nach Yerewan. Könnte man mit dem Auto allein 50 bis 60 fahren, bedeutet das oft nur 20 bis 30 mit dem Anhänger. Eine Inspektion bei einem Stopp zeigt, dass die reparierten Stellen zum Teil wieder aufgesprungen sind und vor allem, dass sich Türe und Türrahmen wieder so verzogen haben, dass sich die Tür nicht mehr schliessen lässt. Ich gedenke leise des Arschlochs, der das alles verursacht hat. Ich weiss: Wer am Verkehr teilnimmt, riskiert, dass er allenfalls für den Orgasmusdrang eines zu kurz Kommenden und dann eben zu schnell Kommenden bezahlen muss. Was Arschlöchlein nicht gemacht hat, mache ich jetzt: Ich binde das fragliche Stück mit einer Schnur zurück. So geht es weiter, am Moloch Yerewan vorbei, an Aprikosenständen vorbei, an Coca Cola- und Forellen-Bassin-Ständen vorbei.





Noravank ist eine alte Klosterkirche, einsam in der steinigen und felsigen Berglandschaft stehend. Ich freue mich über das danebenstehende Restaurant, das Barbecue und Wifi anbietet, sowie auf die Übernachtung inmitten der eindrücklichen Kulisse. Später, als die Besucher gegangen sind, wird`s dann richtig schön. Der Sonnenuntergang taucht die ganze Szenerie in goldgelbes Licht, so dass ich sogar von Steinen und Steinmauern und noch mehr Steinen und Kreuzsteinen und Steinen in Form einer Kirche artig verzückt sein kann.





Klare Zielvorgabe für den nächsten Tag: Eine Oase. Da bin ich doch auf meiner letzten Reise auf einen Campingplatz gestossen, der sich kurz vor Yeghegnadzor befindet. Er war damals noch im Entstehen. Armeniens zweiter Campingplatz. Der andere ist in der Nähe Yerewans.
Er wird allen Hoffnungen gerecht. Armens Tochter empfängt mich. Sie spricht sehr gut Englisch und Französisch und freut sich auf die bevorstehende Reise nach Deutschland, wo sie sich nach Studienmöglichkeiten umsehen möchte, und auf den geplanten Ausflug in die Schweiz. Ich habe ihr mal Olten, Chiasso, Emmen und Brüttisellen empfohlen. Und eine Wanderung entlang der A1 bei Oensingen fürs Gefühl der Weite.
Mit einfachen Mitteln, mit Phantasie und Herz ist aus dem Campingplatz wirklich eine Oase mit allen Annehmlichkeiten entstanden. Weglein, Teichlein, kleine Kanäle zur Bewässerung der Pflanzen, Schatten spendende Baumgruppen mit Hängematten, saubere WC- und Waschanlage, Waschmaschine und . . . ein Swimming Pool! Das alles für mich allein, da ich der einzige Gast bin.
In der Kargheit auf Rosinen stossen – this makes my heart schwing! Badehose montieren und „ich mache Ferien“ für ein paar Tage.