Halb vier, eine
halbe Stunde vor dem Anspiel, das Stadion beginnt sich zu füllen, dunkle Wolken
ziehen auf.
Man braucht diesmal – im Gegensatz von vor zwei Jahren –
tatsächlich Billete für das Spiel. Wahrscheinlich weil es ein internationales
ist. Aber sie wurden wohl gratis abgegeben, und die Eingangskontrolle ist
entsprechend locker. Auch Madame Shirak Gjumri „kontrolliert“ an einem Eingang.
Sie lächelt und drückt mir die Hand und drin bin ich.
Eine Viertelstunde vor dem Anpfiff wird die Sprinkleranlage
in Betrieb gesetzt, obwohl der Beginn des Gewitters ist eine Frage von Minuten.
Aber das ist wohl internationale Vorschrift und vor allem: Man hat inzwischen
eine in den Rasen eingelassene Sprinkleranlage. Tatsächlich beginnen Spiel und
Gewitter pünktlich und gleichzeitig.
Für armenische Verhältnisse ist das Stadion gut gefüllt.
1`500 Zuschauer vielleicht. Wenn man alle Polizisten, die mit den einen, die
mit den andern und die mit den nochmals andern Uniformen mitzählt. Die meisten
von ihnen haben keine Aufgabe und mischen sich unters Publikum. Armenien ist
ein „Polizeistaat“, die Schweiz ist ein Sozialstaat. Das ist aber nur eine
Frage der Begriffe: In der Schweiz gibt es Arbeitslosenunterstützung und in
Armenien gibt es Polizeijobs. Da die Arbeitslosenrate in Armenien weit höher
ist als in der Schweiz, ist die Folge eben sichtbar: Überall Polizisten! Der
Lohn und die Erziehung dieser Polizisten scheint immerhin so zu sein, so dass
sie sich weder durch Arroganz noch durch Abzockerei hervortun. Doch, einer, ein
dicker, mag nach der ersten Halbzeit nicht mehr in unserer gequetschten Gruppe
unter dem Vordach stehen. Ich darf ihm über die kleine Abschrankung zur Reihe
der Presseleute helfen, wo er einen schmächtigen Schreiberling anweist, den
Sitz mit ihm zu teilen.
Übers Spiel gibt es nicht viel zu sagen. Der Gast aus
Slowenien hat verdient gewonnen, weil er dank seiner technisch besseren Spieler
Ball und Spiel besser kontrollieren konnte. Höchstens noch ein Tipp an den
Shirak-Geldgeber: Einen (arbeitslosen…) Schweizer Torhüter holen!
Nach dem Match scheint wieder die Sonne und lässt das leere
Stadion in gelbem Licht leuchten. Nur jemand schleicht noch herum: Mamma Shirak
sammelt die herumliegenden Petflaschen zusammen. Als ich abfahre, winkt sie mir
nach.
Nach dem Spiel ist nicht vor dem Spiel. Die Meisterschaft
beginnt erst Mitte August, und zudem finden ja alle Spiele mit Ausnahme von
Gjumri in Yerewan statt. Dorthin zieht es mich nicht. Yerewan ist Yerewan, und
Armenien ist Armenien.
Ich verlasse Gjumri nach fast zwei Wochen Richtung Süden.
Auf einer sehr schlechten Strasse durch Nichts-wie-durch-Landschaften sind es
120km nach Yerewan. Könnte man mit dem Auto allein 50 bis 60 fahren, bedeutet
das oft nur 20 bis 30 mit dem Anhänger. Eine Inspektion bei einem Stopp zeigt,
dass die reparierten Stellen zum Teil wieder aufgesprungen sind und vor allem,
dass sich Türe und Türrahmen wieder so verzogen haben, dass sich die Tür nicht
mehr schliessen lässt. Ich gedenke leise des Arschlochs, der das alles
verursacht hat. Ich weiss: Wer am Verkehr teilnimmt, riskiert, dass er
allenfalls für den Orgasmusdrang eines zu kurz Kommenden und dann eben zu
schnell Kommenden bezahlen muss. Was Arschlöchlein nicht gemacht hat, mache ich
jetzt: Ich binde das fragliche Stück mit einer Schnur zurück. So geht es weiter,
am Moloch Yerewan vorbei, an Aprikosenständen vorbei, an Coca Cola- und
Forellen-Bassin-Ständen vorbei.
Klare Zielvorgabe für den nächsten Tag: Eine Oase. Da bin
ich doch auf meiner letzten Reise auf einen Campingplatz gestossen, der sich
kurz vor Yeghegnadzor befindet. Er war damals noch im Entstehen. Armeniens
zweiter Campingplatz. Der andere ist in der Nähe Yerewans.
Er wird allen Hoffnungen gerecht. Armens Tochter empfängt
mich. Sie spricht sehr gut Englisch und Französisch und freut sich auf die
bevorstehende Reise nach Deutschland, wo sie sich nach Studienmöglichkeiten
umsehen möchte, und auf den geplanten Ausflug in die Schweiz. Ich habe ihr mal
Olten, Chiasso, Emmen und Brüttisellen empfohlen. Und eine Wanderung entlang
der A1 bei Oensingen fürs Gefühl der Weite.
Mit einfachen Mitteln, mit Phantasie und Herz ist aus dem
Campingplatz wirklich eine Oase mit allen Annehmlichkeiten entstanden. Weglein,
Teichlein, kleine Kanäle zur Bewässerung der Pflanzen, Schatten spendende
Baumgruppen mit Hängematten, saubere WC- und Waschanlage, Waschmaschine und . .
. ein Swimming Pool! Das alles für mich allein, da ich der einzige Gast bin.
In der Kargheit auf Rosinen stossen – this makes my heart
schwing! Badehose montieren und „ich mache Ferien“ für ein paar Tage.