Auf keiner Karte ist er verzeichnet, der Freistaat Karibu.
Keine Tom-Tom-Tum-Tum-Navi-Stimme führt dich an dieses Ziel. Keine tumbe
„Der-Weg-ist-das-Ziel“-Philosophie lotst dich hin. Man findet Karibu zufällig,
und Zufälle gebe es ja scheint`s nicht.
Du gehst einfach, weil ein Pfeil es so vorgibt:
Und du folgst den weiteren Pfeilen, ohne ein Ziel zu
erwarten. Aufwärts:
Und wieder hinunter, wo eine Schlucht dich wieder aufwärts
zwingt. Kein Weg, aber one way only:
Bleib stehen, wenn du magst. Höre einen auffliegenden Vogel
oder aus der Höhle das Jammern einer Ziege:
Alles ist wild und für die Ewigkeit angelegt:
Ein Blick zurück und ein Schluck aus der Wasserflasche:
Windigen Abhängen entlang, wo Bäume, nur noch hüfthoch, sich
an Steine krallen:
Die Hochebene ist erreicht. Sie kennt Jahreszeiten, ohne die
Zeit zu zählen. Ein Ort zum Sterben – nicht jetzt, aber wenn, dann hier:
Unter diesem Baum sich auf den harten Boden legen:
Und unter diesem vorher noch Wurst und Brot essen, und das
letzte Bier mit kalten Händen wärmen:
Ende und ewig. „Der Weg ist das Ziel“! Ohne Navi erreichbar:
Doch der Fels ruft. Mehrstimmig gleich. „Wanderer, wohin des
Wegs?“ Fast hätte ich`s gesagt, „nach Karibu!“, obwohl ich`s gar nicht wusste:
Er schaut nur. Und spricht nicht. Oder sehr selten. „Nach
200 Metern im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen.“ „Ich heisse Tom-Tom“,
sagt er noch ohne sich umzudrehen:
Am nächsten Vorposten ein freudiger Empfang. Jedoch stumm.
Bin ich gemeint? Weiter:
Er kläfft. Tiefrohrig. Und zerrt an seiner Kette. Darf ich
näherkommen? Er zieht sich zurück, fast ergeben. War wohl nur eine
routinemässige Gesichtskontrolle:
Kurz danach stehe ich vor dieser Tafel. Da hinten muss
Karibu sein. Was für ein Name! Passt zu jeder Sprache: Carrieborough, Caribure,
Karlsburg, Carboros, Garburetto, Karabutowo, Charenburchelen, Gaari-Bulubulu,
…Karibu!
Eine Kultstätte? Stehe ich schon auf kariburischem Boden?
Muss ich etwas tun oder auf keinen Fall tun? Ich müsste dringend pinkeln. Ich
halte mich aber zurück und werfe einen Euro in den ersten Ring:
Links unten erscheint das Meer. Und dieses Plateau? Landeplatz?
Gemeindeversammlungsplatz? Oder einfach Erholungsplatz für klettermüde Ziegen?
Herrliche Aussicht jedenfalls:
Rubbish… garbage… rabbits… - Keine Hasereien wegwerfen! Ja,
rettet unseren Blanetten! :
Komme ich in ein Land von Installationskünstlern? Kunst in
der Landschaft, die zum Nachdenken anregen soll? Radikale Öko-Freaks, die sich
demonstrativ der stromfressenden Kühlgeräte entledigen? „Stop use electrical
rabidge!“ :
Ja, von dieser Art Willkommensgruss habe ich mal etwas gelesen:
Für den durstigen Ankommenden wird in eigens dafür gestanzten Flaschen,
durchsichtig wie Glas, aber unvergänglicher, Wasser an die Zweige gehängt. Spezielles
Wasser – ist ziemlich scharf im Hals:
Kurz danach diese Verteilanlage. Es glutscht und blubbert. Der
gleiche Geruch. Später sollte ich erfahren, dass dieses heilige Wasser, mit dem
das ganze Land versorgt wird (keiner soll darben) in der Einheimischensprache
„Raki“ genannt wird. Es kann zur Not die feste Nahrung ersetzen:
Dann der Grenzzaun. Die Hinweistafel mit den Angaben der im
Land geltenden Inner- und Ausserortsgeschwindigkeiten ist verwittert und
unlesbar:
Aber in deutlichen Lettern: „KARIBU“ :
Dann eine offensichtlich neu angebrachte Tafel, mehr als ein
Hinweis. Darf man hier denn gar keine Kleider tragen, nicht mal die
abgebildeten? :
Der Hauptort (bin ich denn im Hauptort?) besteht aus nur
wenigen Häusern. Das grösste ist das Verwaltungsgebäude.
„Bezirkshauptmannschaft“ würde es in Österreich heissen. Oder in England
„Ministery for silly talks“. Ich werde freundlich empfangen von Stefania:
Dann nimmt sich der Capo persönlich Zeit für mich. Selbstverständlich
kommt ein Fläschchen Raki auf den Verandatisch. Seine offene Redseligkeit und
seine metallen-laute Stimme zeigen, dass Raki das Leben hier bestimmt. Er
heisst Kari – Kari in Karibu. K A R I, dieselben Buchstaben wie R A K I. Die
andere Bezeichnung für ihr Land sei tatsächlich Rakibu:
Wie andere Könige von Kornkammern und Waffenarsenalen
schwärmen, erzählt er von der Raki-Herstellung. Der dort oben, der . . . (der
Olymp und der Ararat von Rakibu), liefere das beste Wasser dazu. (Der Rest des
Rezeptes bleibt geheim – „potion magique“.)
Er führt mich hinter das Haus, von wo aus man einen
grandiosen Blick auf das tiefblaue Meer hat, und zeigt auf riesige Behälter:
„Unsere Raki-Vorräte!“ Er spricht nicht von Litern, auch nicht von Tonnen. Er
braucht eine eigene Masseinheit. Der Raki müsse bei möglichst gleichbleibender
Temperatur gelagert werden. Kühlschränke in allen Häusern seien aber inzwischen
out. Out in the green. Die gemeinschaftlichen Silberzylinder, deren grösserer
Teil sich unsichtbar unter dem Meeresspiegel befinde, seien in jeder Hinsicht
eine epochale Verbesserung. – Ich staune:
STOP THROW RAKIDGE AWAY !





























