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Freitag, 26. April 2019

Nach Karibu (1)










Auf keiner Karte ist er verzeichnet, der Freistaat Karibu.


Keine Tom-Tom-Tum-Tum-Navi-Stimme führt dich an dieses Ziel. Keine tumbe „Der-Weg-ist-das-Ziel“-Philosophie lotst dich hin. Man findet Karibu zufällig, und Zufälle gebe es ja scheint`s nicht.
Du gehst einfach, weil ein Pfeil es so vorgibt:  


Und du folgst den weiteren Pfeilen, ohne ein Ziel zu erwarten. Aufwärts:


Und wieder hinunter, wo eine Schlucht dich wieder aufwärts zwingt. Kein Weg, aber one way only:


Bleib stehen, wenn du magst. Höre einen auffliegenden Vogel oder aus der Höhle das Jammern einer Ziege:


Alles ist wild und für die Ewigkeit angelegt:


Ein Blick zurück und ein Schluck aus der Wasserflasche:


Windigen Abhängen entlang, wo Bäume, nur noch hüfthoch, sich an Steine krallen:


Die Hochebene ist erreicht. Sie kennt Jahreszeiten, ohne die Zeit zu zählen. Ein Ort zum Sterben – nicht jetzt, aber wenn, dann hier:


Unter diesem Baum sich auf den harten Boden legen:


Und unter diesem vorher noch Wurst und Brot essen, und das letzte Bier mit kalten Händen wärmen:


Ende und ewig. „Der Weg ist das Ziel“! Ohne Navi erreichbar:


Doch der Fels ruft. Mehrstimmig gleich. „Wanderer, wohin des Wegs?“ Fast hätte ich`s gesagt, „nach Karibu!“, obwohl ich`s gar nicht wusste:


Er schaut nur. Und spricht nicht. Oder sehr selten. „Nach 200 Metern im Kreisverkehr die dritte Ausfahrt nehmen.“ „Ich heisse Tom-Tom“, sagt er noch ohne sich umzudrehen:


Am nächsten Vorposten ein freudiger Empfang. Jedoch stumm. Bin ich gemeint? Weiter:


Er kläfft. Tiefrohrig. Und zerrt an seiner Kette. Darf ich näherkommen? Er zieht sich zurück, fast ergeben. War wohl nur eine routinemässige Gesichtskontrolle:


Kurz danach stehe ich vor dieser Tafel. Da hinten muss Karibu sein. Was für ein Name! Passt zu jeder Sprache: Carrieborough, Caribure, Karlsburg, Carboros, Garburetto, Karabutowo, Charenburchelen, Gaari-Bulubulu, …Karibu!


Eine Kultstätte? Stehe ich schon auf kariburischem Boden? Muss ich etwas tun oder auf keinen Fall tun? Ich müsste dringend pinkeln. Ich halte mich aber zurück und werfe einen Euro in den ersten Ring:


Links unten erscheint das Meer. Und dieses Plateau? Landeplatz? Gemeindeversammlungsplatz? Oder einfach Erholungsplatz für klettermüde Ziegen? Herrliche Aussicht jedenfalls:


Rubbish… garbage… rabbits… - Keine Hasereien wegwerfen! Ja, rettet unseren Blanetten! :


Komme ich in ein Land von Installationskünstlern? Kunst in der Landschaft, die zum Nachdenken anregen soll? Radikale Öko-Freaks, die sich demonstrativ der stromfressenden Kühlgeräte entledigen? „Stop use electrical rabidge!“ :


Ja, von dieser Art Willkommensgruss habe ich mal etwas gelesen: Für den durstigen Ankommenden wird in eigens dafür gestanzten Flaschen, durchsichtig wie Glas, aber unvergänglicher, Wasser an die Zweige gehängt. Spezielles Wasser – ist ziemlich scharf im Hals:


Kurz danach diese Verteilanlage. Es glutscht und blubbert. Der gleiche Geruch. Später sollte ich erfahren, dass dieses heilige Wasser, mit dem das ganze Land versorgt wird (keiner soll darben) in der Einheimischensprache „Raki“ genannt wird. Es kann zur Not die feste Nahrung ersetzen:


Dann der Grenzzaun. Die Hinweistafel mit den Angaben der im Land geltenden Inner- und Ausserortsgeschwindigkeiten ist verwittert und unlesbar:


Aber in deutlichen Lettern: „KARIBU“ :


Dann eine offensichtlich neu angebrachte Tafel, mehr als ein Hinweis. Darf man hier denn gar keine Kleider tragen, nicht mal die abgebildeten? :


Der Hauptort (bin ich denn im Hauptort?) besteht aus nur wenigen Häusern. Das grösste ist das Verwaltungsgebäude. „Bezirkshauptmannschaft“ würde es in Österreich heissen. Oder in England „Ministery for silly talks“. Ich werde freundlich empfangen von Stefania:


Dann nimmt sich der Capo persönlich Zeit für mich. Selbstverständlich kommt ein Fläschchen Raki auf den Verandatisch. Seine offene Redseligkeit und seine metallen-laute Stimme zeigen, dass Raki das Leben hier bestimmt. Er heisst Kari – Kari in Karibu. K A R I, dieselben Buchstaben wie R A K I. Die andere Bezeichnung für ihr Land sei tatsächlich Rakibu:


Wie andere Könige von Kornkammern und Waffenarsenalen schwärmen, erzählt er von der Raki-Herstellung. Der dort oben, der . . . (der Olymp und der Ararat von Rakibu), liefere das beste Wasser dazu. (Der Rest des Rezeptes bleibt geheim – „potion magique“.)


Er führt mich hinter das Haus, von wo aus man einen grandiosen Blick auf das tiefblaue Meer hat, und zeigt auf riesige Behälter: „Unsere Raki-Vorräte!“ Er spricht nicht von Litern, auch nicht von Tonnen. Er braucht eine eigene Masseinheit. Der Raki müsse bei möglichst gleichbleibender Temperatur gelagert werden. Kühlschränke in allen Häusern seien aber inzwischen out. Out in the green. Die gemeinschaftlichen Silberzylinder, deren grösserer Teil sich unsichtbar unter dem Meeresspiegel befinde, seien in jeder Hinsicht eine epochale Verbesserung. – Ich staune:


STOP THROW RAKIDGE AWAY !