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Montag, 3. Juni 2019

"Eitsching" (4)










 So lautet der moderne Begriff auf Englisch.



Und „Anti-eitsching“ der hoffnungslose Gegenbegriff.
Wenn ich meine Photos der letzten Wochen durchsehe, stelle ich fest, dass erstens die Ausbeute mager ist und zweitens alles Abgebildete etwas mit Alt-Sein zu tun hat. Eingeschlossen der hinter der Linse Stehende: Auch er ist mager (was zwar ein erfolgreiches Anti-Eitsching wäre). Sein Hunger hat abgenommen. Hirschsprünge sind Hundespaziergängen gewichen. Beschauliches Dasein an Stelle von Entdeckungsdrang. Seit sieben Wochen stehe ich am selben Ort. Er ist wunderbar und es gibt keinen Grund zum Aufbruch. – Zu-Frieden-heit.


Altes und Alterndes bietet Kreta genug. Fast nur. Alte Natur (schön), Zerfallendes-Verrottendes (meist nicht schön) und Zerfallenes (genannt Kultur). Symbolische Bilder dafür gibt es genug. Wie zum Beispiel der in archaischer Felslandschaft angekettete Hund auf dem Blechdach, über ihm der aufgepflockte Memento-mori-Ziegenkopf. Und Autos, auf deren Motorhaube sich kein schönbeiniges, kussmundiges Fräulein räkeln möchte. Die Autos sind hier nicht sexy, sie dürfen Beulen und Falten haben. Es gibt keine pingelige Jung-und-gesund-sein-Kontrolle wie in der Schweiz. Oder sie wird kretisch umgangen.


                   
Die Bäume wollen alt sein, so scheint es. Uralt. Altern in Würde – hier passt die Formulierung. Mit grünen Blättern, und als wollten sie den kühlen Schatten sich selber spenden. Kreta ist Bäume und Steine. Knorrig und kantig.


                                          
Die Kirchlein und die Klöster! In rauen Mengen. Heiliger Niklaus, Heiliger Georg - Aghio… hier und Aghio… dort. Gesponsertes Leben als  Mönch. Die herrlichsten und oft die kühlsten Plätze, mit frischem Quellwasser. Und eben auch alt. Die Mönche zwar nicht alle (das gesponserte Dolce-far-niente ist auch für Junge attraktiv – im Klosterladen Wohlriechendes von Honig bis Kosmetika verkäuferlen und das Kerzenschmelzen in den dunklen Gruften in Gang halten, im Gegenzug die Mönchskutte im Innenhof spazieren führen und die zweifelhaft attraktiven Wir-sind-auf-Urlaub-Aufmachungen der besuchenden Rentner und -Innen über sich ergehen lassen).



Klöster sind Oasen. Was keine erschütternde Erkenntnis ist. Aber wenn Oase, Fruchtbarkeit, Stille, Weihrauch, Abstinenz, Fülle, Heilige und Geilige, Dämonen und Gecken, sich zu einer kleinen und heilen Welt zusammenfinden, wird das Altern zeitlos. „No-eitsching“.




Was mich nicht oder anders fasziniert, ist das Altern meiner eigenen Oase, meiner „rolling sweet oasis“. Es stehen mehr als schönheitschirurgische Eingriffe an. Es sieht nach künstlichen Gelenken und Organtransplantation aus. Aber noch funktioniert alles. „Slow-eitsching“, bei fürsorglicher Behandlung. Mehr mit Eitelkeit zu tun hat der „refresh“, der Wiederfrisch, des Zugpferdes. „Polish, how much?“ Ich kann ja immer noch nicht Griechisch. Brot = psomi, Wein = krassi, Raki = raki. Älter werden = chronos maki.