Komfort und Einfachheit. Beides mag ich.
Und beides habe ich. Am jetzigen Lebensort zeigt sich beides deutlicher und intensiver.
Ich habe einen Wohnanhänger mit grossem Bett, grossem Tisch,
mit Sofa, mit Kochherd, mit fliessendem Wasser, mit Kühlschrank, mit (z.Zt.
sommerschlafender) Heizung, mit WC und Dusche, mit Strom, mit Schränken für
alles, mit grossen Fenstern (mit Mückengittern), mit mitgeführtem Fahrrad und
mit gemütlichem Ambiente. Eben: Ein rolling sweet home.
Ich habe einen benzinsaufenden, ruhig säuselnden Kampfhund
als Zugfahrzeug, das überall durchkommt, wo es die Mindestbreite von 2.5m (für
den Wohnwagen) vorfindet.
Ich will nicht angeben damit, sondern sagen, dass dies
erstens ein Komfort ist, den ich sehr schätze, und dass ich zweitens
ganzjährlich in einer Wohnung lebe, die aus 18m2 besteht. A chacun son luxe!
Die Hauptstrasse der Südküste entlang verläuft meist vom
Meer entfernt auf einer Höhe von einigen hundert Metern. Zu viele zerklüftete
und steil abfallende Berge machen eine Küstenstrasse nicht möglich. Von der
Hauptstrasse aus führt manchmal eine Strasse höher hinauf ins Bergland und in
kleine Bergdörfer.
Von Pefkos (an der Hauptstrasse) aus gibt es eine solche.
Ins kühle Kato Simi, mit noch kühlerem, frischem Quellwasser. Nachher folgt
kein Ort mehr, obwohl eine gute Strasse sich weiter steil den Berg hinauf
schlängelt. Nach einigen Kilometern wird die Strasse eng und steinig. Wer
diesen zweiten Streckenabschnitt auf unbefestigter Unterlage und mit
Haarnadelkurven, durch Kiefern- und Eichenwald, auch auf sich nimmt, wird
belohnt. Man gelangt nämlich auf eine atemberaubend schöne Hochebene, auf 1400m
gelegen, eingekreist von grauen Steinkolossen, die aussehen, als wären sie
schon lange dort. Omalos! Auch die Schafe und Ziegen als ihre Bewohner tun so,
als wären sie schon immer hier zuhause
gewesen. Das einzige, was sich hier ändert, sind die Jahreszeiten: Im Sommer
einigermassen warm, im Winter windig und kalt. Im Frühling bildet sich in der
Mitte ein knietiefer See, im Herbst ist er ausgetrocknet. Das Faszinierendste
sind die Bäume, die am Rand der Ebene stehen. Ewigkeits-Bäume. Feingliedrig
zäh, knorrig selbstversunken oder dickstämmig erhaben. Allein oder in kleinen
Gruppen. In der Selbstverständlichkeit,
dass es sich hier leben lässt. Ohne Zeitrechnung.
Ich habe einen Wohnanhänger mit grossem Bett, grossem Tisch, (…), mit 18m2 Komfort. Und hier oben soll das Ding zu stehen kommen. Im Schritttempo bergan. Allenfalls in der Steilkurve anhalten und ein paar Steine wegräumen. Wenden ist keine Option. 10km können sehr lang sein.
Komfort und Einfachheit. Das mobile Haus steht jetzt da, wo
nichts passiert. Bzw. nur das Elementarste. Bäume stehen oder Bäume rauschen,
die Sonne kommt oder geht, Vögel pfeifen oder nicht, Bienen summen (sehr laut)
oder eben auch nicht. Die tägliche Abwechslung sind die drei, vier
vorbeifahrenden Pick-ups der Schaf- und Ziegenbauern. Also drei, vier mal
winken, wenn ich es nicht verpasse.
Aber: „Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück.
Schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück“ (André Heller). Ein
Rattern, Donnern, Quietschen und Schnauben nähert sich von unten. – Ach, es war
nur ein kleiner, gelber Bulldozer. Winki-winki!
Was ist denn das Wohltuende an dieser Einfachheit, an dieser
Art von reduziertem Er-Leben? – Ich möchte kein Philosoph oder Buddhist oder
sonstiger Grossgeist sein, ich bin ein Chevrolet-Wohnwagen-Reisender mit
Schweizer Pass und Schweizer Rente. Was ich aber klar spüre an Orten wie
diesem: Was fehlt! – Kein Lärm, keine Emsigkeit, keine Hast, keine schlechten
Gerüche, keine irritierenden Lichter, keine eilenden Menschen (eigentlich: gar
keine Menschen), nichts Aufgesetztes, nichts Wertloses, nichts Absurdes.
Das Absurde muss man schon selber erfinden, dann ist es auch
lustig: Wenn ich vor dem Wagen sitze (stundenlang) und immer denselben Baum vor
mir habe, dessen eigentümlich verrenktes Gewachsen-Sein von jahrelanger autistischer
Vergangenheit zeugt, dessen Auswüchse mir mehr und mehr vertraut werden, in
dessen verhärteten Geschwülsten ich mit der Zeit Fratzen erkenne, dann ist es
ein kleiner Schritt bis zur Einbildung, eine dieser geckenhaften Fratzen
strecke mir die Zunge heraus.
Damit das Zelebrieren dieser elementaren irdischen
Herrlichkeit nicht auf eine Heilslehre hinausläuft, braucht es ein gerüttelt
Mass an Vernunft und Selbstkontrolle. (Ikarus lässt grüssen!) Die Hilfe kam vom
Himmel herab (nicht im Sturzflug wie Ikarus, sondern mit der Edelweiss-Air).
Ich erhielt für einige Zeit Besuch aus der Schweiz. Täglich gutes Essen und
Wein trinken bewahrt vor religiöser Verklärung. Wenn man denn genug zu sich
nimmt davon. In jedem Baum sitzt ein Schalk. Also soll auch einer in uns selber
sitzen.





