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Sonntag, 9. Juni 2019

Omalos (5)








Komfort und Einfachheit. Beides mag ich.

Und beides habe ich. Am jetzigen Lebensort zeigt sich beides deutlicher und intensiver.
Ich habe einen Wohnanhänger mit grossem Bett, grossem Tisch, mit Sofa, mit Kochherd, mit fliessendem Wasser, mit Kühlschrank, mit (z.Zt. sommerschlafender) Heizung, mit WC und Dusche, mit Strom, mit Schränken für alles, mit grossen Fenstern (mit Mückengittern), mit mitgeführtem Fahrrad und mit gemütlichem Ambiente. Eben: Ein rolling sweet home.
Ich habe einen benzinsaufenden, ruhig säuselnden Kampfhund als Zugfahrzeug, das überall durchkommt, wo es die Mindestbreite von 2.5m (für den Wohnwagen) vorfindet.
Ich will nicht angeben damit, sondern sagen, dass dies erstens ein Komfort ist, den ich sehr schätze, und dass ich zweitens ganzjährlich in einer Wohnung lebe, die aus 18m2 besteht. A chacun son luxe!
Die Hauptstrasse der Südküste entlang verläuft meist vom Meer entfernt auf einer Höhe von einigen hundert Metern. Zu viele zerklüftete und steil abfallende Berge machen eine Küstenstrasse nicht möglich. Von der Hauptstrasse aus führt manchmal eine Strasse höher hinauf ins Bergland und in kleine Bergdörfer.
Von Pefkos (an der Hauptstrasse) aus gibt es eine solche. Ins kühle Kato Simi, mit noch kühlerem, frischem Quellwasser. Nachher folgt kein Ort mehr, obwohl eine gute Strasse sich weiter steil den Berg hinauf schlängelt. Nach einigen Kilometern wird die Strasse eng und steinig. Wer diesen zweiten Streckenabschnitt auf unbefestigter Unterlage und mit Haarnadelkurven, durch Kiefern- und Eichenwald, auch auf sich nimmt, wird belohnt. Man gelangt nämlich auf eine atemberaubend schöne Hochebene, auf 1400m gelegen, eingekreist von grauen Steinkolossen, die aussehen, als wären sie schon lange dort. Omalos! Auch die Schafe und Ziegen als ihre Bewohner tun so, als wären sie schon immer hier  zuhause gewesen. Das einzige, was sich hier ändert, sind die Jahreszeiten: Im Sommer einigermassen warm, im Winter windig und kalt. Im Frühling bildet sich in der Mitte ein knietiefer See, im Herbst ist er ausgetrocknet. Das Faszinierendste sind die Bäume, die am Rand der Ebene stehen. Ewigkeits-Bäume. Feingliedrig zäh, knorrig selbstversunken oder dickstämmig erhaben. Allein oder in kleinen Gruppen.  In der Selbstverständlichkeit, dass es sich hier leben lässt. Ohne Zeitrechnung.





Ich habe einen Wohnanhänger mit grossem Bett, grossem Tisch, (…), mit 18m2 Komfort. Und hier oben soll das Ding zu stehen kommen. Im Schritttempo bergan. Allenfalls in der Steilkurve anhalten und ein paar Steine wegräumen. Wenden ist keine Option. 10km können sehr lang sein.
Komfort und Einfachheit. Das mobile Haus steht jetzt da, wo nichts passiert. Bzw. nur das Elementarste. Bäume stehen oder Bäume rauschen, die Sonne kommt oder geht, Vögel pfeifen oder nicht, Bienen summen (sehr laut) oder eben auch nicht. Die tägliche Abwechslung sind die drei, vier vorbeifahrenden Pick-ups der Schaf- und Ziegenbauern. Also drei, vier mal winken, wenn ich es nicht verpasse.



Aber: „Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück. Schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück“ (André Heller). Ein Rattern, Donnern, Quietschen und Schnauben nähert sich von unten. – Ach, es war nur ein kleiner, gelber Bulldozer. Winki-winki!


Was ist denn das Wohltuende an dieser Einfachheit, an dieser Art von reduziertem Er-Leben? – Ich möchte kein Philosoph oder Buddhist oder sonstiger Grossgeist sein, ich bin ein Chevrolet-Wohnwagen-Reisender mit Schweizer Pass und Schweizer Rente. Was ich aber klar spüre an Orten wie diesem: Was fehlt! – Kein Lärm, keine Emsigkeit, keine Hast, keine schlechten Gerüche, keine irritierenden Lichter, keine eilenden Menschen (eigentlich: gar keine Menschen), nichts Aufgesetztes, nichts Wertloses, nichts Absurdes.
Das Absurde muss man schon selber erfinden, dann ist es auch lustig: Wenn ich vor dem Wagen sitze (stundenlang) und immer denselben Baum vor mir habe, dessen eigentümlich verrenktes Gewachsen-Sein von jahrelanger autistischer Vergangenheit zeugt, dessen Auswüchse mir mehr und mehr vertraut werden, in dessen verhärteten Geschwülsten ich mit der Zeit Fratzen erkenne, dann ist es ein kleiner Schritt bis zur Einbildung, eine dieser geckenhaften Fratzen strecke mir die Zunge heraus.



Damit das Zelebrieren dieser elementaren irdischen Herrlichkeit nicht auf eine Heilslehre hinausläuft, braucht es ein gerüttelt Mass an Vernunft und Selbstkontrolle. (Ikarus lässt grüssen!) Die Hilfe kam vom Himmel herab (nicht im Sturzflug wie Ikarus, sondern mit der Edelweiss-Air). Ich erhielt für einige Zeit Besuch aus der Schweiz. Täglich gutes Essen und Wein trinken bewahrt vor religiöser Verklärung. Wenn man denn genug zu sich nimmt davon. In jedem Baum sitzt ein Schalk. Also soll auch einer in uns selber sitzen.