Kaum vorstellbar, dass jemand in Kreta einem etwas
verweigert, und dies mit der Begründung: „Das ist das Gesetz.“
Mit Gesetzen identifiziert man sich dort
nicht. Man nimmt sie nur insofern zur Kenntnis, als man sie zu umgehen
versucht.
Jetzt bin ich aber nicht in Kreta, sondern im
United-this-is-the-law-Kingdom. THE law. Und rules und regulations und the
policy und private und this is not und only und don`t. Oder einfach NO.
So wie die Kreter sich übers
Gesetze-nicht-Respektieren definieren, definieren sich auch die
Engländer. Nur eben gegenteilig. Die
Gesetze bewahren sie im Alltag vor eigenverantwortlichem Handeln. Wie die
Ameisen in ihrem Bau: Das höhere Gesetz lenkt sie. Der Bau ist perfekt
organisiert und funktioniert. Aber frag mal eine Ameise nach ihrem Befinden
(„Bist du glücklich?“). Oder nach ihrem Verständnis für anders Ameisende.
Dieses Ameisenbaumässige erlebt man ein- und erdrücklich,
wenn man wie ich auf den Strassen unterwegs ist. Eigentlich beginnt es schon
bei der Landschaft. Sie gibt durch alte Landbesitzverhältnisse, Biegungen,
Krümmungen, Hecken, Hügel und enge Passagen vor, wie die Strassen in diesem
Labyrinth zu verlaufen haben. Mit diesen
natur- und England-bedingten Vorgaben ist das Land mit einem sehr dichten
Strassennetz überzogen worden. Also ist alles gezwungenermassen meist sehr eng.
(Daher auch der Name „Eng“-Land. Zweite Klammer: Die Landschaft präge die
Menschen, heisst es ja.)) Nicht von ungefähr sind es die Eng-Länder, die für
Strassenkreuzungen das System der Kreisel erfunden haben. Die folgen oft
viertelmeilenweise aufeinander. Und sie stehen sinnbildlich für „the law“. Noch
schnell in den Kreisel einfahren oder darin zu stark innen oder aussen fahren,
führt sicher zu einer Reaktion des Unverständnisses. Es wird zumindest als
Versuch betrachtet, sich nicht an „the law“ zu halten. Ein ortsunkundiger
Ausländer mit Wohnwagen darf keine Milde erwarten. Auch nicht, wenn dieser auf
einem abgelegenen, grossen und leeren Parkplatz über Nacht stehen bleiben
möchte („No overnight parking“). Wenn man sich auf Diskussionen einlässt oder
schlicht nur nachfragt, ist die Reaktion ähnlich wie wenn man einen Kreter
fragt, was denn auf der Insel mit dem Kehricht geschehe: „Sorry, diese Frage
ist in meinem Raster nicht vorgesehen“.
Um ein Abweichen vom vorgegebenen Weg zu verunmöglichen
(z.B. wenn ich für einen Pinkel-Stopp kurz ein paar Meter von der Strasse
abgehen möchte), haben die Engländer auch eine griffige Lösung gefunden: die
Gates. Irgendwie lässt sich dieses Wort nicht zufriedenstellend und der
Gewichtigkeit Rechnung tragend auf Deutsch übersetzen. Ein Gate ist ein Gate.
Und viele Gates sind viele Gates. Und überall Gates sind überall Gates. Und
wer`s noch nicht glaubt, für den sind sie manchmal zusätzlich mit einem Schild
versehen: etwas mit „Gate“ und dazu „Don`t“ oder „strictly“. „Private“ steht
sowieso überall. Die Steigerung davon heisst „Strictly private“. Wo liegt der
Unterschied? Gibt es auch noch einen Superlativ? „Royally private“ oder „Fuckly
private“?
Ich liebe es schon wieder, dieses England, kaum bin ich da.
Eine On-off-Beziehung. Man weiss, dass man diese Beziehung nur für eine gewisse
Zeit leben kann, aber man sucht sie
immer mal wieder, weil man sie möchte. Man kann dabei besser sagen, was einem hindert
an einer grösseren Liebe als was einem wirklich gefällt.
Und warum denn genau in den Wintermonaten nach England? Weil
die Temperatur nicht in den
Minus-Bereich absinkt. Dies überzeugt vielleicht halbwegs, und die gesetz- und
kreisellosen Kreter hätten diesbezüglich ein Paradies zu bieten. Doch immerhin:
Jedes Grad weniger Kälte bedeutet den Kopf einen Millimeter weniger einziehen
zu müssen. Also lassen sich da schon mal 1-2cm Halslänge herausholen. Auch die
Seele wird`s danken.
Der zweite Grund – der Keep-on-moving-Grund – ist der
Fussball. In welchem andern Land werden sonst Spiele über Weihnacht, Neujahr
und über den ganzen Winter ausgetragen? Und in welchem andern Land tragen die
Clubs den Namenszusatz „Rovers“, „Wanderers“, „United“ oder wenigstens „City“
oder „Town“? Und in welchem andern Land mobilisiert ein Club der dritten Liga
eine Anhängerschaft wie in der Schweiz die oberste Liga?
So bestimmt der Spielplan der dritten Liga (der League One,
wie sie heisst) die Reiseroute. Sie führt dann nicht nach London oder
Manchester, sondern nach Southend, nach Milton Keynes, nach Peterborough, nach
Rutherford, nach Fleetwood, nach Rochdale usw. Daran eben noch „Rovers“ oder
„United“ anhängen, und die Zunge schnalzt!
Zwischen den Spielen (das sind jeweils 3 – 6 Tage) bleibt
genug Zeit um den Wohnwagen warm zu halten und den Hund auszuführen. Auf dem
„Public footpath“. Es ist ja nicht so, dass alles „private“ und „forbidden“
ist. Es wird ebenso fleissig beschildert, was man darf und wo man sich
aufhalten darf. Und man hält sich natürlich auch daran und wandert und hundelt
diese Wege (auch fleissig) hin und her und öffnet und schliesst gehorsam die
entsprechenden Gates. Hier dürfen wir und wir tun es! Auch wenn die Wege oft
„muddy“ und die Tümpel daneben Kloaken sind, der Engländer tut so, als wäre es
„nice“. Er nimmt sogar eine Fischrute mit. Man lernt: Fürs „fishing“ braucht es
nicht unbedingt Fische. Man tut so, wie wenn.
Dieses „Man tut so, wie wenn“ ist auch eine Eigenschaft und
eine Fähigkeit der Engländer. Klar findet sich dieses Charakteristikum auch in
andern Ländern, mit der entsprechenden Ausprägung. Nur nimmt man es als
Reisender in dem jeweiligen Land stärker wahr. Was unternehmen die Ukrainer,
was tun die Kreter, woran erquicken sich die Italiener, und woran erfreuen sich
die Engländer?
Und woran erquickt sich ein Schweizer im Januar in England?
Er freut sich, wenn er einen Stellplatz für sein fahrendes Zuhause findet, wenn
immer mal wieder die Sonne scheint, und wenn morgen in Sheffield ein
Fussballspiel stattfindet.
Bisher:
Southend
United – Milton Keynes Dons 2 : 2
Milton
Keynes Dons – Portsmouth 3 : 1




















