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Samstag, 4. Januar 2020

United by law









Kaum vorstellbar, dass jemand in Kreta einem etwas verweigert, und dies mit der Begründung: „Das ist das Gesetz.“ 


Mit Gesetzen identifiziert man sich dort nicht. Man nimmt sie nur insofern zur Kenntnis, als man sie zu umgehen versucht.
Jetzt bin ich aber nicht in Kreta, sondern im United-this-is-the-law-Kingdom. THE law. Und rules und regulations und the policy und private und this is not und only und don`t. Oder einfach NO.
So wie die Kreter sich übers  Gesetze-nicht-Respektieren definieren, definieren sich auch die Engländer. Nur eben  gegenteilig. Die Gesetze bewahren sie im Alltag vor eigenverantwortlichem Handeln. Wie die Ameisen in ihrem Bau: Das höhere Gesetz lenkt sie. Der Bau ist perfekt organisiert und funktioniert. Aber frag mal eine Ameise nach ihrem Befinden („Bist du glücklich?“). Oder nach ihrem Verständnis für anders Ameisende.
Dieses Ameisenbaumässige erlebt man ein- und erdrücklich, wenn man wie ich auf den Strassen unterwegs ist. Eigentlich beginnt es schon bei der Landschaft. Sie gibt durch alte Landbesitzverhältnisse, Biegungen, Krümmungen, Hecken, Hügel und enge Passagen vor, wie die Strassen in diesem Labyrinth zu verlaufen haben.  Mit diesen natur- und England-bedingten Vorgaben ist das Land mit einem sehr dichten Strassennetz überzogen worden. Also ist alles gezwungenermassen meist sehr eng. (Daher auch der Name „Eng“-Land. Zweite Klammer: Die Landschaft präge die Menschen, heisst es ja.)) Nicht von ungefähr sind es die Eng-Länder, die für Strassenkreuzungen das System der Kreisel erfunden haben. Die folgen oft viertelmeilenweise aufeinander. Und sie stehen sinnbildlich für „the law“. Noch schnell in den Kreisel einfahren oder darin zu stark innen oder aussen fahren, führt sicher zu einer Reaktion des Unverständnisses. Es wird zumindest als Versuch betrachtet, sich nicht an „the law“ zu halten. Ein ortsunkundiger Ausländer mit Wohnwagen darf keine Milde erwarten. Auch nicht, wenn dieser auf einem abgelegenen, grossen und leeren Parkplatz über Nacht stehen bleiben möchte („No overnight parking“). Wenn man sich auf Diskussionen einlässt oder schlicht nur nachfragt, ist die Reaktion ähnlich wie wenn man einen Kreter fragt, was denn auf der Insel mit dem Kehricht geschehe: „Sorry, diese Frage ist in meinem Raster nicht vorgesehen“.
Um ein Abweichen vom vorgegebenen Weg zu verunmöglichen (z.B. wenn ich für einen Pinkel-Stopp kurz ein paar Meter von der Strasse abgehen möchte), haben die Engländer auch eine griffige Lösung gefunden: die Gates. Irgendwie lässt sich dieses Wort nicht zufriedenstellend und der Gewichtigkeit Rechnung tragend auf Deutsch übersetzen. Ein Gate ist ein Gate. Und viele Gates sind viele Gates. Und überall Gates sind überall Gates. Und wer`s noch nicht glaubt, für den sind sie manchmal zusätzlich mit einem Schild versehen: etwas mit „Gate“ und dazu „Don`t“ oder „strictly“. „Private“ steht sowieso überall. Die Steigerung davon heisst „Strictly private“. Wo liegt der Unterschied? Gibt es auch noch einen Superlativ? „Royally private“ oder „Fuckly private“?

Ich liebe es schon wieder, dieses England, kaum bin ich da. Eine On-off-Beziehung. Man weiss, dass man diese Beziehung nur für eine gewisse Zeit leben kann, aber  man sucht sie immer mal wieder, weil man sie möchte.  Man kann dabei besser sagen, was einem hindert an einer grösseren Liebe als was einem wirklich gefällt.
Und warum denn genau in den Wintermonaten nach England? Weil die Temperatur  nicht in den Minus-Bereich absinkt. Dies überzeugt vielleicht halbwegs, und die gesetz- und kreisellosen Kreter hätten diesbezüglich ein Paradies zu bieten. Doch immerhin: Jedes Grad weniger Kälte bedeutet den Kopf einen Millimeter weniger einziehen zu müssen. Also lassen sich da schon mal 1-2cm Halslänge herausholen. Auch die Seele wird`s danken.
Der zweite Grund – der Keep-on-moving-Grund – ist der Fussball. In welchem andern Land werden sonst Spiele über Weihnacht, Neujahr und über den ganzen Winter ausgetragen? Und in welchem andern Land tragen die Clubs den Namenszusatz „Rovers“, „Wanderers“, „United“ oder wenigstens „City“ oder „Town“? Und in welchem andern Land mobilisiert ein Club der dritten Liga eine Anhängerschaft wie in der Schweiz die oberste Liga?
So bestimmt der Spielplan der dritten Liga (der League One, wie sie heisst) die Reiseroute. Sie führt dann nicht nach London oder Manchester, sondern nach Southend, nach Milton Keynes, nach Peterborough, nach Rutherford, nach Fleetwood, nach Rochdale usw. Daran eben noch „Rovers“ oder „United“ anhängen, und die Zunge schnalzt!
Zwischen den Spielen (das sind jeweils 3 – 6 Tage) bleibt genug Zeit um den Wohnwagen warm zu halten und den Hund auszuführen. Auf dem „Public footpath“. Es ist ja nicht so, dass alles „private“ und „forbidden“ ist. Es wird ebenso fleissig beschildert, was man darf und wo man sich aufhalten darf. Und man hält sich natürlich auch daran und wandert und hundelt diese Wege (auch fleissig) hin und her und öffnet und schliesst gehorsam die entsprechenden Gates. Hier dürfen wir und wir tun es! Auch wenn die Wege oft „muddy“ und die Tümpel daneben Kloaken sind, der Engländer tut so, als wäre es „nice“. Er nimmt sogar eine Fischrute mit. Man lernt: Fürs „fishing“ braucht es nicht unbedingt Fische. Man tut so, wie wenn.
Dieses „Man tut so, wie wenn“ ist auch eine Eigenschaft und eine Fähigkeit der Engländer. Klar findet sich dieses Charakteristikum auch in andern Ländern, mit der entsprechenden Ausprägung. Nur nimmt man es als Reisender in dem jeweiligen Land stärker wahr. Was unternehmen die Ukrainer, was tun die Kreter, woran erquicken sich die Italiener, und woran erfreuen sich die Engländer?
Und woran erquickt sich ein Schweizer im Januar in England? Er freut sich, wenn er einen Stellplatz für sein fahrendes Zuhause findet, wenn immer mal wieder die Sonne scheint, und wenn morgen in Sheffield ein Fussballspiel stattfindet.

Bisher:
Southend United – Milton Keynes Dons  2 : 2
Milton Keynes Dons – Portsmouth  3 : 1
Doncaster Rovers – Oxford United  1 : 0














 Ja, 1879 !