Die Enge Englands lockert sich.
Ich
musste herausfinden, wie man sich ihr entziehen kann. Nämlich mit technischen
Mitteln. Mit Elektronik und Satellitenhilfe. Erstens nur mit Navi fahren, und
zweitens mit einer Äpp, die mich an freie Plätze äppelt. In die kleinen
Freiheiten. Tatsächlich gibt es sie, die lauschigen und abgeschiedenen Orte –
overnight und gratis.
Die „Rubrik Verbote“ soll aber vorerst mal weiterleben. Die
ganze Verschilderung hat ja auch etwas Erheiterndes an sich. Oder Kafkaeskes.
Sumpf, ein Gate, dahinter auch Sumpf und undurchdringliches Gebüsch: „No
entry“! Und das Schild kann dazu noch so gestaltet sein, als müsste es einen
vor radioaktiver Verseuchung schützen oder von einem Raketentestgelände
fernhalten. Auf einem kleinen Parkplatz sitzt ein älteres Ehepaar im Auto,
trinkt Tee aus der Thermosflasche und findet den Blick aufs Rutland Water just
nice. Allerdings muss dieser (der Blick) den Weg durch die Stäbe des Gates und
vorbei an zwei Warnschildern finden: „Nehmt euch vor Dieben in Acht, und wagt
keinen Schritt zum Ufer hin!“ A nice cup of tea, ist es nicht?
Darf man eigentlich nicht hinein oder nicht hinaus? Führen
die zahllosen „No entry“-Verbote nicht letztlich zu einer „No exit“-Ohnmacht? –
Brentry oder Brexit? Ist den Thermoskrug-Trinkern klar, woraus sie austreten
möchten? Aus einer überbeschilderten Enge vielleicht? Und ist ihnen klar, wohin
sie eintreten möchten? Wie wäre es, einfach alle Tore einzutreten? Gate bashing!
Dann braucht es no entry und no exit. „Nentry and Nexit!” Schwingt eure
Thermosflaschen, schleift die Hecken, und geht baden! Und geniesst euer
country, es ist very nice!
Und immer wieder ist Matchday. Sicher am Saturday, oder am
Sunday, oft auch am Tuesday oder Wednesday, und seltener auch am Monday oder
Friday.
Sheffield United spielt im Bramall Lane Stadium. Es ist das
älteste Stadion, in welchem bis heute professioneller Fussball ausgetragen
wird. Seit 1862 wird hier gespielt.
Das Spiel ist (diesmal) boring. Aber früh genug dort sein
und sich 90 Minuten Zeit nehmen, das Stadion von aussen zu beschnuppern, lohnt
sich immer. Vor allem bei den älteren Stadien, die mitten in den oft slighty
heruntergekommenen Häuserreihen stehen. Die Matchbesucher, die nach und nach
die inzwischen gesperrten Strassen ums Stadion herum füllen und sich um
Burger-Imbisswagen, Fisch&Chips shops und Biertheken versammeln, scheinen
solchen Häusern zu entstammen – Glamour sieht anders aus. Unter ihnen sind
viele Frauen jeden Alters, einzeln, in kleinen Gruppen oder mit ihrem
„Hausband“.
Was ein richtiges Stadion, bzw. ein Club mit Historie sein
will, hat seinen metallgegossenen Helden auf einem Sockel vor dem Haupteingang
stehen (mit sicherem Gang und Blick voraus), sowie ein Memorial-Gärtchen für
die namentlich genannten Von-uns-Gegangenen.
Vom Rutland Water und von Sheffield zu den „Posh“ – zu den
Vornehmen und Schicken. Dies ist der Übername für den FC Peterborough United.
Hier werden die Spieler, wenn sie das Feld betreten, mit Frack und Zylinder
begrüsst.
Diese Übernamen sind Kult bei den englischen Clubs. Bisher habe ich gesehen:
The
Shrimpers – the Dons – the Vikings – the Pompeys – the Blades – the Coasters –
the Gills – und eben the Posh
Der beim Eingang geparkte Luxuswagen des Managers ist
tatsächlich posh. Und da man scheinbar in England die Autonummer selber wählen
kann, ist der schwarze Schlitten kurz und klar mit POS II gekennzeichnet. Gar nicht
vornehm ist das Stadion. Es ist abbruchreif. Und genau deswegen eine Augenweide.
Die Katakomben versprühen den Charme einer psychiatrischen Klinik Rumäniens,
und im Clublokal fühlt man sich wie in einem alten, umgenutzten
Kleintheatersaal. Theke, geschwungene Holzgeländer, eine Bühne, in einer Ecke
ein Kickertisch und dazu schlechtes Licht.
Auf dem Vorplatz wird natürlich Erlesenes aus der englischen
Strassenküche angeboten (very posh), und eine Frau sammelt mit einem
Plastikeimer Geld für ein Altersheim. Auch dieser Eimer liesse sich
gegebenenfalls umnutzen…
Sheffield
United – AFC Fylde 2 : 1
Peterborough
United – FC Gillingham 0 : 0
Wir
marschieren weiter.
























