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Freitag, 2. Juli 2021

Familie Feuerstein

 

 






Pyrovolopetra – zu Deutsch: Feuerstein

 

Vom Ruinendörfchen Skafidia läuft man eine knappe halbe Stunde auf dem Natursträsschen durch Olivenhaine (was denn sonst?) und erreicht (was denn sonst?) einen weiteren Olivenhain. Aber es ist a hain with a view! Eine kleine Terrasse, und die Bäume stehen weniger eng als anderswo beieinander. „Wau!“, sagt der Hund zu mir, „das wird doch ab morgen a room with a view“. Der Weg ist aber zum Teil schlecht und eng, und zwischendurch gibt es ein paar steile Stücke. Mit dem Anhänger… „Wau!“, sagt er wieder, „dafür haben wir doch 4x4 mit Untersetzung. Ich renne dann voraus und markiere die heiklen Punkte“.

Und jetzt sind wir da. (Ein abgeknicktes Positionslicht als einziger Schaden) Schon fast zwei Wochen inzwischen. Genug Zeit um Duftmarkierungen zu setzen.




Wir müssen uns nämlich abgrenzen gegen Eindringlinge, die behaupten, dies sei ihr Land! Der eine heisst Jorgos (wie denn sonst?), der andere Sakis. Fast täglich kommen sie hier herauf, ausgerüstet mit Beil und Hacke. Und Motorsäge. Und mit Wasser und kaltem Kaffee. Einmal sogar mit einem selbstgebackenen Kuchen (von Jorgos!).

Es dauerte schon ein Weilchen, bis wir uns gegenseitig trauten. Zehn Minuten sicher. Und jetzt sind wir hier die Feuerstein-Familie. Oder eher die Feuerstein-Brigade, denn die zwei arbeiten hart und fast ohne Pause, und der pensionierte Tourist ist am Abend mit nicht halb so vielen Arbeitsstunden müder als sie. Sie arbeiten mit Jacke und Mütze, ich im T-shirt.

Die Olivenernte ging anfangs Februar zu Ende, und jetzt werden die Bäume geschnitten. 460 (tetrakosia exinta) sind es! Unter jedem Baum liegen nun Äste und Zweige. Diese müssen zusammengenommen werden. Dickere Stücke werden als Brennholz ins Dorf gebracht, die Zweige werden auf Haufen direkt verbrannt. Also stolpere ich im abschüssigen Gelände über kantige Steine und ziehe das Zeug zum Weg heran. Bei angenommenen sieben Ästen pro Baum gibt das mehr als 3`000, und pro Baum zweimal laufen = 1`000 mal, bei je einem Weg „Leerlauf“ sind es dann 2`000 Male Auf und Ab. Es geht hier weder um Eigenlob noch um den Ruf nach gewerkschaftlicher Hilfe, sondern um die Anerkennung der harten Arbeit , die für ein paar Liter Olivenöl geleistet wird.

Natürlich sind es mehr als ein paar Liter. Dies bringt mich zur nächsten Rechnung: Für einen Liter sehr gutes biologisches Öl (ich habe natürlich welches geschenkt bekommen) erhält Jorgos hier 6 Euro. Für wie viel würde der Liter in der Schweiz verkauft? Man überlege und rechne… Sakis meint: „Let`s start The Green Gold Company!“ Auf fairerer Preisbasis, ergänze ich.




Die running-gag-Frage: Ist es dir nicht langweilig?! – Ich stelle fest, wie kurzweilig und intensiv die Tage sind. Weggehen, nach Kreta gehen, vor dem Wohnwagen die Wärme und die zehnte Tasse Kaffee trinken, das war mal die Idee und der Hauptantrieb. Und jetzt? Vor wie vielen Tagen bin ich das letzte Mal auf dem Campingstuhl gesessen?

Die Kontakte zur Schweiz beschäftigen mich über mail und Telephon und sind sehr anregend. Was im Hain von Firestone vorgeht, habe ich beschrieben. Weiter stehe ich in regem Austausch mit meinem armenischen Freund Ara. Er schildert mir die festgefahrene, gefährliche und fast ausweglose Situation in seinem Land. Mit der ganzen Familie abhauen? Wohin und wie? Nix einfach Caravan packen und losfahren. Wer stellt den Privatjet zur Verfügung, und welches griechische Amt erteilt die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung?

Ja, inzwischen arbeitet auch der Kopf, nicht nur das Gemüt.



Am nächsten Morgen arbeiten die Hände. Denn in der Nacht hat es geregnet, dazu gab es starke Windböen. Das Häuschen hat an dieser exponierten Lage ganz schön geschüttelt. Sich unter der Decke begraben und es vorbeiziehen lassen, so die Devise . Aber am Morgen sehe ich die Überraschung: Der Wind hat es geschafft, das zwar geschlossene, aber nicht arretierte Dachfenster anzuheben. Alles war nass, vom Laptop auf dem Tisch bis zum Teppich am Boden. Den Teppich kann man ja in die Sonne hängen, doch der Bildschirm hat durch die Nässe ein geflecktes Hintergrundbild erhalten.

Das war der Fucking Mittwoch. Es folgte der Grillrauch-Donnerstag (Übersetzungsversuch von „Tsiknopempti“).

Der Religion verdanken wir ja viele Feiertage. In der Mehrheit sind dies Fress- und Sauftage. Man feiert. Oft werden sie auseinandergehalten von bescheideneren Perioden. Ausgelassen feiern davor, und ausgelassen feiern danach. Es muss sich dabei nicht nur um je einen Tag handeln, es lassen sich auch mehrere rechtfertigen.

Da gibt es eben den Tsiknopempti – gestern gab es ihn. Und hier wurde er begangen, hier auf Pyrovolopetra, auf Feuerstein, vier Olivenbäume unter dem RollingSweetHome.

Am Morgen kriecht der erste Pick-up den zerfurchten Weg herauf. Mit dem Material für einen improvisierten Tisch, mit Säcken als Sitzgelegenheiten, mit reichlich Wein und Fleisch, mit Plastikgeschirr (…) und der ersten Bouzuki, bzw. Baglama (kleinere Form).

Es wurde eine 12-Std-Freiluft-Party daraus. Erst im Schatten des grossen Olivenbaums, dann an der Sonne und nach Sonnenuntergang ums Feuer herum. Eindrücklich war für mich, wie die Atmosphäre unter den 20 Leuten war, und was mir dazu erklärt worden ist.

Um Letzteres zu verstehen, muss ich ein neues Wort lernen: „Malaka“ heisst „Arschloch“. Da auch Kreta mit der Zeit geht, gibt es immer mehr Menschen, die sich für nichts mehr verantwortlich fühlen und deren Raki-Konsum sie nur noch laut und dumm reden lässt. Die besonneneren Menschen beginnen nun, die andern möglichst zu meiden und wollen unter sich sein. Man will keine Hahnenkämpfe, keine Aggressionen, keine billige Schunkelmusik, keine Anmacherei und keine Angeberei. Man trifft sich abseits, und die „malakas“ sollen nichts davon wissen.

Es wird viel Wein getrunken, aber es wird nie laut, man hört einander zu, jeder hat wohl bis am Schluss trotz schwerer werdender Zunge mit jedem gesprochen, statt Musik aus der Konserve werden alte Lieder gespielt, diese gleichzeitig weltschmerzig klagenden und lebendig lustvollen, die die kretische Volksmusik hervorgebracht hat. Alle nehmen wirklich teil, der Aussteiger aus Athen („Mein Leben dort war ein Desaster“), die Angeschwemmte aus Thessaloniki („Ich kam für einen Urlaub hierher und bin nicht mehr zurückgegangen“), der Auswanderer aus Brasilien („Mein Vater war aus Kreta, und jetzt arbeite ich eben, was und wo ich kann“), das wilde Original aus der Gegend („Komm am Sonntag an meine Ausstellung“ – geht es um biologisches Gemüse oder um seine sperrigen Dichtungen?), der Alte, der in jungen Jahren herumgereist ist („Du bist kein Tourist, du bist ein Reisender“), die junge Gestylte („Das oberflächliche Getue schmerzt mich“), der bekannteste Anpflanzer von biologischen Früchten (er sagt wenig, seine Art der Präsenz strahlt genug aus) und mein „landlord“ (er sorgt still für die Zufriedenheit der Gäste und fragt ab und zu: „Ti kanis?“ und möchte sicher sein, dass man sich wohlfühlt).

Am Schluss, als alles zusammengeräumt und der Abfall eingesammelt wird, sagt der Älteste mit dem weissesten Bart zu mir: „Teile deine Erlebnisse mit uns nicht auf Facebook und Ähnlichem, denn die andern sollen nichts davon wissen. Wir lassen sie in Ruhe, und sie sollen uns in Ruhe lassen“.