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Freitag, 2. Juli 2021

Macht Glück dumm?

 


 

 

 

 

 

… und bleibt doch Glück?

 

Seit wie langer Zeit bin ich nun schon in diesem Olivenhain? Ohne bisher das Gefühl gehabt zu haben weiterziehen zu wollen. Alle paar Tage weg für einen Einkauf, das reicht. Für Milch, Käse, vielleicht mal eine Wurst. Gemüse und Früchte kriege ich geschenkt. Vor allem Orangen und Zitronen kaufe man doch nicht, wurde mir gesagt, die hängen an den Bäumen, zur Genüge. Im Gegensatz eben zu den Würsten. Eine Milchkuh habe ich auf Kreta noch nicht gesehen. Das gute einheimische Olivenöl ist nochmals eine Sache für sich. Ob im Kanister, in der Glasflasche oder in der Cola-Petflasche – alles geschenkt, und es wird mir bis Winter reichen. Sogar das morgendliche Croissant wird frei Haus geliefert – Jorgos, der Herr der Oliven, bringt`s für die gemeinsame 11 Uhr Pause. Die Ladebrücke seines Pick-ups wird zur Frühstücksbar (Kaffee, Croissant, Zigarette), oder, wenn das Wetter mal schlecht ist, lassen sich er und Zakis in den Wohnwagen locken zu Tomaten, Oliven, Feta-Käse, Peperoni, Brot, …und reichlich Olivenöl darüber.

Vorgestern habe ich einen entscheidenden (?), verhängnisvollen(?), jedenfalls mich selber irritierenden Schritt gemacht. Einen Schritt auf der Liste „Das erste Mal“. Auch im 68. Lebensjahr ist ein solcher punkto Fruchtbarkeit und Fortpflanzung noch möglich. Samen! Ich habe Samen in den Boden gesteckt. Falls einer von ihnen das Rennen macht, wird`s eine Tomate geben. Schön, kann man sagen, ein Schritt zum Selbstversorger. Anders betrachtet: Ein Schritt Richtung Landnahme. Mit dem Sesshaft-Werden begann das Besitz-Nehmen – die Geschichte der Menschheit. Mein Land!

Ja, mir gefällt es hier. Ich habe einen wunderschönen Platz gefunden. Ich habe kein Bedürfnis, nach nunmehr einigen Wochen, weiterzuziehen. Es geht mir gut, ich fühle mich zu Hause, ich bin glücklich. Und dann das! Ich ertappe mich bei der Landnahme.

Ach, wegen ein paar Tomaten (wenn`s denn überhaupt klappt) solche Selbstzweifel, eine Selbstanklage! Es geht eben noch weiter.

Überall auf Kreta liegen Steine herum. Mehr wie Sterne am Himmel. Diese klotzigen, kantigen, unförmigen, nutzlosen, harten und doch zerbrechlichen Steine. Sie lösen sich von den Hängen und kullern auf Wege und Felder. Und sie werden toleriert – wie die Touristen im Sommer.

So kam ich auf die Idee, bzw. es geschah einfach mit mir, diese herumliegenden dummen Klötze einzusammeln und aus ihnen ein Mäuerchen um mein Heim zu ziehen. Sieht ganz schön aus fürs Auge, dieser Grenzwall. Ist Ausdruck des Glücks! Hier bin ich! Glücklich hinter meiner Grenzmauer.

Macht Glück dumm?

„Misstraue der Idylle – sie ist ein Mörderstück

 Schlägst du dich auf ihre Seite – schlägt sie dich zurück“ (André Heller)