Was für eine Begrüssung!
Nach der Überquerung
der Grenze fahre ich südwärts Richtung Ausläufer der Karpaten. Umfahrung des
Flachlandes also. An einem kleinen See nahe der tschechischen Grenze mache ich
den ersten Halt und werde gleich zu einem (?) Wodka eingeladen. Zwei junge
Girls sind auf einem Wochenendausflug. Sie haben ein billiges Zelt und Brot, Würstchen,
Ketchup und eben eine Flasche Wodka
mitgenommen. Und einen grossen aufblasbaren Schwan, auf dem sie sich beide
räkeln können. Ja, er schmeckt gut, der Wodka, was ich (wie in allen Ländern
bei angebotenem Alkohol) bestätigen muss. Schade, dass es am nächsten Tag
regnet. Natalia und Zara hätten einen sonnigen Sonntag verdient. Mit einem
Milchkaffee nach Art des Hauses verabschiede ich sie. „Warum bist du nicht auf
facebook?“, fragen sie noch.
Von dieser Begegnung sollte ich noch ein paar Tage zehren. Alles kommt mir unzugänglich vor. Es gibt kaum Feld- oder Waldwege, die von der Strasse wegführen. Die Dörfer laden nicht zu einem Stopp ein. Alte, verlotterte Häuser vermischen sich mit neuen, sterilen wie aus dem Jedem-sein-Haus-Katalog. Menschen sieht man wenige. Mal eine Frau mit Einkaufstasche, mal ein Mann auf einem Fahrrad. Jedes Dorf hat einen Kinderspielplatz mit den immer gleichen gelben, roten und blauen Schaukeln und Rutschbahnen. Aus dem Made-in-China-Katalog. Ein Kind auf einem dieser Plätze habe ich nie gesehen. Und wo sind die Dorfkneipen? Es gibt Spuren davon: Heruntergekommene Gasthäuser, die nur noch als solche angeschrieben sind.
Auffällig sind die zahlreichen Möbelhäuser, die eben auch
keine mehr sind. Es scheint mal eine „meble“-Hochblüte gegeben zu haben. Nichts
mit Hochblüte und Niedergang zu tun haben die Kruzifixe und Marienbilder. Sie bringen
aber auch kein Leben auf die Kinderspielplätze und in die geschlossenen
Restauracjas, sie harren einfach aus, und man lässt sie.
Immerhin treffe ich in einem Dorf die Rittergutsbesitzersgattin
Veronika Himml. Natürlich habe sie damals die Werke von Karl Marx gelesen und
sich dabei gedacht, so komme das nicht gut heraus, denn der Kapitalismus sei
nun mal stärker, weil naheliegender. Und jetzt sähen wir ja, was das für eine
Farbe gibt, wenn der westliche Pinsel über die östliche Fläche streicht. Da
nützten auch gelbe Schaukeln aus China nichts. Ob ich ihr noch einen Gefallen
tue, fragt sie mich (sie sei ja ans Grab gebunden), ob ich ihr im
Spirituosengeschäft gegenüber (hat sie Alkomat gesagt?) ein Fläschchen Wodka
besorgen könne.
In Frau Rittergutsbesitzergattins Gegend wurde früher deutsch gesprochen. Davon zeugen die Ortstafeln, die den deutschen Namen mit angeben. Manchmal sind diese amüsant: „Schwesterwitz“ oder „Langlieben“.
So nehme ich wahr, was ich sehe, und kann mir etwas denken
oder ausdenken dazu. Nur ein Bild will sich mir bisher nicht erschliessen: Da
befindet sich unter den Werbeplakaten der Landstrasse entlang (von Supermäkten
und Autogaragen) eines mit einem gross dargestellten Fötus… und sonst nichts.
Hier nachgeliefert die traurige Auflösung des Fötus-Plakates:
https://taz.de/Konservative-Kampagne-in-Polen/!5764983/









