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Mittwoch, 4. August 2021

Durch Südpolen


 

 

 

 

 Was für eine Begrüssung!

 

Nach der Überquerung der Grenze fahre ich südwärts Richtung Ausläufer der Karpaten. Umfahrung des Flachlandes also. An einem kleinen See nahe der tschechischen Grenze mache ich den ersten Halt und werde gleich zu einem (?) Wodka eingeladen. Zwei junge Girls sind auf einem Wochenendausflug. Sie haben ein billiges Zelt und Brot, Würstchen, Ketchup  und eben eine Flasche Wodka mitgenommen. Und einen grossen aufblasbaren Schwan, auf dem sie sich beide räkeln können. Ja, er schmeckt gut, der Wodka, was ich (wie in allen Ländern bei angebotenem Alkohol) bestätigen muss. Schade, dass es am nächsten Tag regnet. Natalia und Zara hätten einen sonnigen Sonntag verdient. Mit einem Milchkaffee nach Art des Hauses verabschiede ich sie. „Warum bist du nicht auf facebook?“, fragen sie noch.

Von dieser Begegnung sollte ich noch ein paar Tage zehren. Alles kommt mir unzugänglich vor. Es gibt kaum Feld- oder Waldwege, die von der Strasse wegführen. Die Dörfer laden nicht zu einem Stopp ein. Alte, verlotterte Häuser vermischen sich mit neuen, sterilen wie aus dem Jedem-sein-Haus-Katalog. Menschen sieht man wenige. Mal eine Frau mit Einkaufstasche, mal ein Mann auf einem Fahrrad. Jedes Dorf hat einen Kinderspielplatz mit den immer gleichen gelben, roten und blauen Schaukeln und Rutschbahnen. Aus dem Made-in-China-Katalog. Ein Kind auf einem dieser Plätze habe ich nie gesehen. Und wo sind die Dorfkneipen? Es gibt Spuren davon: Heruntergekommene Gasthäuser, die nur noch als solche angeschrieben sind.


 Auffällig sind die zahlreichen Möbelhäuser, die eben auch keine mehr sind. Es scheint mal eine „meble“-Hochblüte gegeben zu haben. Nichts mit Hochblüte und Niedergang zu tun haben die Kruzifixe und Marienbilder. Sie bringen aber auch kein Leben auf die Kinderspielplätze und in die geschlossenen Restauracjas, sie harren einfach aus, und man lässt sie.



 Immerhin treffe ich in einem Dorf die Rittergutsbesitzersgattin Veronika Himml. Natürlich habe sie damals die Werke von Karl Marx gelesen und sich dabei gedacht, so komme das nicht gut heraus, denn der Kapitalismus sei nun mal stärker, weil naheliegender. Und jetzt sähen wir ja, was das für eine Farbe gibt, wenn der westliche Pinsel über die östliche Fläche streicht. Da nützten auch gelbe Schaukeln aus China nichts. Ob ich ihr noch einen Gefallen tue, fragt sie mich (sie sei ja ans Grab gebunden), ob ich ihr im Spirituosengeschäft gegenüber (hat sie Alkomat gesagt?) ein Fläschchen Wodka besorgen könne.



 In Frau Rittergutsbesitzergattins Gegend wurde früher deutsch gesprochen. Davon zeugen die Ortstafeln, die den deutschen Namen mit angeben. Manchmal sind diese amüsant: „Schwesterwitz“ oder „Langlieben“.

So nehme ich wahr, was ich sehe, und kann mir etwas denken oder ausdenken dazu. Nur ein Bild will sich mir bisher nicht erschliessen: Da befindet sich unter den Werbeplakaten der Landstrasse entlang (von Supermäkten und Autogaragen) eines mit einem gross dargestellten Fötus… und sonst nichts.




Hier nachgeliefert die traurige Auflösung des Fötus-Plakates:

https://taz.de/Konservative-Kampagne-in-Polen/!5764983/