Transkarpatien, Galizien, Buchowina oder einfach Westukraine…
Von Kolocava aus kann man eine Nebenstrasse nehmen, die über einen kleinen Pass in ein anderes Tal führt. Kein Auto begegnet mir auf der ganzen Strecke. Diese Verbindung wird sicher deswegen kaum benutzt, weil die Strasse in einem sehr schlechten Zustand ist. Entsprechend lange dauert auch die Fahrt. Wenn man es am Schluss auch noch über die schmale Holzbrücke schafft, hat man den hintersten Ort des Tales erreicht – Nimezka Mokra. Oder, wie es eigentlich heisst: Deutsch Mokra.
Vor etwa 250 Jahren haben hier Menschen aus Österreich diese Siedlung gegründet. Weiter unten im Tal befindet sich Königsfeld. Hier finde ich einen Laden, der immer noch mit „Genossenschaft Königsfeld“ angeschrieben ist. Die Ladenbesitzerin spricht Deutsch. Sie, ihr Mann und noch jemand seien die einzigen, die noch das (österreichische) Deutsch sprechen. Bis der Krieg im Donbass ausgebrochen sei, hätten sie immer wieder Zivildienstler aus Österreich hier gehabt. Einige Mädchen des Dorfes hätten sich einen solchen Zivi angelacht und lebten jetzt verheiratet in Österreich. Königsfeld Hin und Zurück!
Ich fahre weiter ostwärts. Wegen den Bergketten und Tälern verläuft die Route im Zickzack. Die Strassen sind immer wieder eine Überraschung. Mal mit unzähligen Flicken und riesigen Löchern, mal neu gemacht mit perfektem Belag. Bei kurzen Halten trifft man immer auf freundliche Leute. Vor allem junge Menschen sind offen für Kontakte. Andrii, der auch schon kurze Zeit in der Schweiz und in Dänemark gearbeitet hat, sagt: „Wir brauchen noch fünf Jahre, dann haben wir es geschafft“.
Die Gebiete, die ich von Polen her kommend durchquere, haben
historische Namen. Erst war ich in Galizien, jetzt in der Buchowa, und nun
nähere ich mich Bessarabien. Und die Geschichte ist eine komplizierte – ein
Kommen und Gehen (und Vertrieben-Werden) von Menschen verschiedensten
Ursprungs. Polen, Russen, Ukrainer, Österreicher, Juden, Ungaren, Deutsche,
Rumänen, Türken. Die Stadt Cernivci (Czernowitz, Tschernowitz) gilt als Ort, wo
das Zusammen der Kulturen gut funktioniert hat und die von Hitler und Stalin
vergleichsweise verschont worden ist. In einem Lebensmittelgeschäft werde ich
gefragt, ob ich denn ukrainische oder polnische Milch wolle. Sogar griechisches
Joghurt haben sie im Sortiment! Es komme vom Lidl aus Rumänien… Vor dem Laden
steht ein Napf mit Wasser für Hunde. Das ist die Ukraine – man schläft nicht!
(„In fünf Jahren haben wir es geschafft!“)
Auf der letzten Etappe zur moldawischen Grenze wird nochmals alles rausgehauen, was man an zu grossen Kirchen mit glitzernden Kuppeln, Kruzifixen und Marienstatuen zu bieten hat.


















