Auf jeden „a“ gehört ein Schnörkel und unter den „t“ auch.
Wenn man nun diese Schnörkel-„a“ als kurzes, offenes „e“ wie in „lachen“ ausspricht, ergibt das „Hedere“. Das Schluss-„i“ wird verschluckt (nur kurz angehaucht, behaupten die Aboriginies), so dass sich das Ende als „uz“ anhört. Also: „Hedereuz“.
Viele Grüsse also aus dem sonnigen Hâdârâuţi. Mein aktuelles Feriendorf liegt ganz im Norden Moldawiens, den berühmten Steinwurf von der ukrainischen Grenze entfernt. Ich bin der einzige Feriengast hier auf dem Campingplatz, und sicher auch der erste. Da gibt es nämlich gar keinen Campingplatz, im Dorf vorne auch kein Restaurant, geschweige denn ein Hotel. Einen kleinen, ruinierten Krämerladen habe ich gesehen, eingangs Dorf eine Tankstelle, und Naturstrassen, die von der Hauptstrasse abgehen und die Häuser erschliessen. Die Hälfte der Häuser sind in gutem Zustand, haben gepflegte Gärten mit Gemüse und Blumen, und von den Pergolas hängen die reifenden Trauben.
An der Grenze werde ich freundlich behandelt. Interessant ist jeweils, an welcher Grenze welche Kleinigkeit zum grossen Thema wird. Ist das Auto ein Auto oder ein Truck? Ist der Hund eine Ware oder ein Passagier? Ist der mitgeführte Tabak aus der Ukraine oder aus der Schweiz? Warum ist die Kopie der Grünen Versicherungskarte weiss? Auch hier wird ein Covid-Zertifikat verlangt. Aber niemand trägt eine Maske. Easy, isn`t it?
Ich fahre der Grenze entlang und halte Ausschau nach einem Wäldchen als Übernachtungsplatz. Nicht easy, da die flache Landschaft aus Korn-, Sonnenblumen- und Maisfeldern besteht. Dann entdecke ich dieses Eingangstor:
Immerhin Rumänisch, müsste ich verstehen, aber doch unklar. Weiter hinten steht ein einfaches Haus. Ein imkernder Imker kommt heran. Er sei hier nicht der „Schefu“, aber er telephoniere ihm mal. Nach einer halben Stunde klappert ein klappernder Lada heran. Ion, der Chef, bzw. „Şefu“. „Nici o problema“, klar dürfe ich da bleiben. Schnell ist eine Verbindung zu einem Sohn, der in der Hauptstadt Chisinau lebt, hergestellt. Papa freut sich, wie er und ich zusammen auf Englisch plaudern. Dann geht`s mit dem Lada ab ins Dorf. Sein Haus und seine Familie sehen. Nadja, seine Frau, Adelina, die Schwiegertochter und Ottilia, die kleine Enkelin. Kaffee trinken, Maiskolben knabbern und selbergemachten Schafkäse degustieren. Der andere Sohn (der Mann von Adelina) arbeitet zur Zeit in Germania. Was und wo genau wissen sie nicht. Weil es für sie nicht wichtig ist, denke ich. Hauptsache, er bringt ein paar Euro nach Hause. In zwei Tagen soll er eintreffen. Ich erfahre, dass Ion 21 Jahre lang der Primar des Dorfes war, der Gemeindepräsident. Jetzt hält er sich am liebsten in seinem kleinen Landhaus auf, auf dessen Zufahrt ich gestossen bin. Hier hat er ein Schwein und Milka, die Kuh. Und viel Arbeit, wie er immer betont, wenn er zu mir eine Zigarette rauchen kommt. Sicher ist es mehr Arbeit als ich – ich mache ja „Ferien auf dem Bauernhof“.
Ein Ausflug ins 100km entfernte Soroca zeigt mir mehr vom Norden Moldawiens. Aber immer dasselbe. Lange Hügelzüge, Felder, Obstplantagen und wenig Wald. Auch die Dörfer sind immer gleich. Kein Zentrum, kein Dorfleben, eine zu grosse Kirche, ein Gemeindehaus mit Flagge, eine Statue eines Helden, ein Laden, Kruzifixe und Marienbilder. Soroca ist eine unbedeutende Stadt am Dnister, an der Grenze zur Ukraine. Es hat immerhin eine Burg zu bieten (wer hatte wem zu trotzen?), einen Park mit Springbrunnen, ein paar Verkaufsstände für Bier und Pappbecherkaffee, sowie einen Markt mit dem üblichen Angebot von Plastik bis Gemüse. Ein grosser Anteil der Einwohner sind Roma. Die kühnsten unter ihnen haben am Stadtrand ihre Prunkpaläste errichtet, von denen kaum einer fertiggestellt und bewohnt ist. Schwer verständlich. Das Bedürfnis zu zeigen, was man hat und was man könnte. Weiter geht die Planung wohl nicht. Weiter fallen die Agenturen auf, die Arbeit in andern Ländern offerieren: „Oferte de munca pentru toti“ (Arbeitsangebote für alle). Auf einem grossen Platz steht eine grosse Werbetafel für Flüge mit touristischem Ziel. Was man könnte, wenn man könnte… Die Zeichen für die Zukunft stehen auf Flucht.











