Bulgarien & Bergoase.
Ich erinnere mich an die 70-er Jahre, als wir mit dem
Renault 4 den Balkan hinunter nach Griechenland fuhren. Zwei Länder galt es
damals zu umgehen: Das hermetisch abgeriegelte Albanien im Westen und das als
gefährlich eingestufte Bulgarien im Osten. Da hat sich doch etwas geändert
seither. Öffnung, Vermischung, Verbrüderung hat stattgefunden. Teilweise
zumindest. Und allen geht`s besser. Teilweise. Die Verkäuferinnen in den
Schweizer Supermärkten tragen albanische Namenschildchen, die Hälfte einer
Schulklasse besteht oft aus albanischen Kindern und… die Schweizer
Fussballnationalmannschaft war noch nie so gut wie heute, wo sie auch zur
Hälfte aus Spielern aus Albanien besteht. Bulgarien, das dunkle und unbekannte,
das man damals wegen seiner gefürchteten Strassen und der Gefahr von Überfällen
meiden sollte, löst bei mir heute das Gefühl aus, in der „heilen Welt“
eingetroffen zu sein.
Meine Eindrücke, von denen ich schreibe, sind ja nicht
Beurteilungen und Beschreibungen aus höherer politischer und wirtschaftlicher
Warte gesehen. Es sind Eindrücke des Unterwegs-Seins, „on-the-road“-Eindrücke
und von abseits der road.
Immer interessant – visitenkartenmässig – ist das Verhalten
des Grenzpersonals beim Eintritt in ein Land. Von Erdoganien nach Bulgarien
kommend – es ist wie die Ankunft im Land des Lächelns! Die gute Welt, die Welt,
die es so gut meint mit uns, zeigt sich bei der ersten Durchfahrt durch eine Kleinstadt.
Mit vielen Schildern weist sie den Weg zu „Lidl“, „Billa“ und „Kaufhaus“. „Lidl
1,8km geradeaus“, „Lidl 1,1km geradeaus“, „Lidl 300m rechts“. Kundenfreundlich,
menschenfreundlich. Dass dort auch bettelnde Kinder, die Kinder der
Ausgeschlossenen, auf dem grossen Parkplatz anzutreffen sind, ist die andere
Seite.
Wegen der drückenden Hitze im Flachland fahre ich direkt in
die Berge. Ich weiss, dass sie zwar nicht sehr hoch sind, aber landschaftlich
sehr schön und ziemlich unberührt. Oben erwartet mich eine herrliche Rundsicht
und, als Zugabe, zwei monumentale XXXL-Skulpturen aus der Sowjet-Zeit. Die eine,
aus Eisen gegossen, ist immun gegen den Zerfall und auch ihre Botschaft scheint
mir verständlich: „Genossen, tragen wir gemeinsam mit starker Hand das Feuer
der Gerechtigkeit nach irgendwo!“ Oder so. Das zweite Ding, zuoberst auf dem
Gipfel, ist ein gigantisches Unikum. Ein betonierter Witz, ein überdimensionales
UFO, ein mutiger und jetzt vor sich hinsiechender Entwurf eines
Dreh-Bergrestaurants, ein in Beton gehülltes Nichts. Die Message? – „Die Leere
ist schwer und rund und hässlich!“
Ein paar Kurven unterhalb der Passhöhe finde ich, was ich
suche: Eine Waldlichtung. Und Bäume und Stille und Bäume und nichts sonst. Wie
auch schon auf dieser Reise, ganz wenige Male, habe ich gleich das Gefühl von
Oase. Wald, einfach Wald, stinknormaler Wald, wie es davon Tausende von
riesigen Flächen zwischen Portugal und Russland gibt, einfach eine Stelle
abseits des Bergsträsschens, wo ich meinen Wagen unter den langen, ausladenden
Ästen einer Buche hinstellen kann, wo ich mich davor setzen, vor mich
hinschauen oder die Bäume und einfach nur Bäume und vielleicht noch das Spiel
von Sonnenlicht und Schatten anschauen kann, aber wo mich weder Schmutz, noch
Abfall, noch Lärm, noch Leere, noch Schwere, noch Arroganz, noch
Hoffnungslosigkeit umgeben. Was ist eigentlich eine Oase? Nichts Aussergewöhnliches.
Ein bisschen Wasser, ein paar Pflanzen und ein wenig Schatten. Aber dass man
dies lange nicht gehabt hat, dass man es sich gewünscht hat, macht die Oase zur
Oase und damit zum Aussergewöhnlichen.
Der nächste Satz müsste heissen: Ich geniesse es. Stimmt
aber nicht. Geht nicht. Ich bin noch zu stark geprägt vom an Lieblosigkeit
leidenden Armenien und von der die Lieblichkeit unterdrückenden Türkei. Ich
erhole mich, ich finde Ruhe, ich lasse die Dinge sich setzen oder „bearbeite“
sie nochmals wie eine wiederkäuende Kuh. Ich warte.
Und ich lese. Ein Buch über Armenien. Armenien sitzt in
meinen Knochen. Armenien ist eine Nummer zu gross, um damit fertig zu werden.
Kann ich auf das Schicksal der Türkei noch mit Gefühlen von tiefer Enttäuschung
und grosser Wut reagieren, so spüre ich das Schicksal Armeniens betreffend eine
gefühlsmässige Ohnmacht. Weder Kopf, noch Seele sind fähig, dieses Zuviel an
Schlimmem einzuordnen. Was das armenische Volk in den letzten hundert und
aktuell in den letzten 25 Jahren erleben und über sich hat ergehen lassen
müssen, ist schlicht un-fassbar. Keimte mal für kurze Zeit eine Hoffnung auf,
wurde sie vom nächsten Schlag wieder erstickt. Es sind dies Schläge von aussen
(Türkei, Aserbaidschan, Russland, der Westen), Schläge von innen (nicht
funktionierende Demokratie und Wirtschaft, Oligarchie, die Bergkarabach-Frage),
und über allem schwebt der dunkle Schatten des nicht verarbeiteten Genozids von
1915.
Ich belasse den geschichtlichen und politischen Exkurs bei
diesen paar Zeilen. Darüber gibt es wie erwähnt genug entsprechende Literatur.
Die Frage, die mich beschäftigt, ist die: Was macht „man“ mit diesem Zuviel an
Tragik und Tragödien, an Hoffnungslosigkeit und Lähmung? Beziehungsweise: Was
macht es mit einem?
Mir kommt die irische Sängerin Sinéad O`Connor in den Sinn,
deren Volk mit der grossen Hungersnot (welche nur zum kleineren Teil
naturbedingt war) ähnlich Schlimmes widerfahren ist. Sie vergleicht „the big
famine“ und dessen Folge, dass ein grosser Teil des Volkes jämmerlich
dahingerafft worden ist, mit dem Schicksal einer vergewaltigten Frau. Kann sie
darüber hinwegkommen, kann sie seelisch gesunden, wie viel Schmerz und Wut und
Trauer und Zeit sind nötig, um geheilt und erstarkt daraus hervorzugehen? Eine
allzu grosse Dezimierung eines Volkes wirke sich auf dieses über Generationen
aus wie das erwähnte Verbrechen an einer einzelnen Person. Die Seele reagiert
mit Trotz und mit Lähmung.
Ich stelle mir nun – Armenien vor Augen – vor, dass dieser
Frau gegenüber nicht nur ihr Vergewaltigt-Worden-Sein geleugnet oder mindestens
unter den Tisch gekehrt wird, sondern dass sie zusätzlich und immer wieder mit
schlimmsten Schlägen verschiedener Art drangsaliert und gequält wird. Dass sie
nie und auf keine Art zur Ruhe kommen kann. Das Unmöglichste, stelle ich mir
weiter vor, ist dann doch, zum Weiterleben verurteilt zu sein…
Was habe (hätte) ich als Armenier heute für Möglichkeiten? –
Ich komme auf drei:
Exit 1: Ich fliehe (wie schon vier Fünftel vor mir) ins
Ausland. Auch wenn mir dort nicht alle Tore zu allen Paradiesen sperrangelweit
offen stehen. Zu Brüderchen Russland wenigstens oder zu Feindchen Türkei…
Exit 2: Der sanfte Abschied ins Nirwana. Allein? Oder allenfalls
mit Familie? – Ich weiss… – die Einwände… – aber ich meine es nicht zynisch –
ich bin in Armenien durch Orte des ewigen Zerfalls und der andauernden
Depression gefahren – ich möchte den Gedanken an dieser Stelle einfach erwähnt
haben.
3. No exit: Bleiben, ausharren, hoffen oder auch nicht,
überleben…
Und genau dieser dritten Variante, den gelähmt oder mit
wenig Überzeugung Ausharrenden, habe ich in einem vorderen Beitrag freundlich
und bestimmt empfohlen, ihre Umgebung doch ein bisschen zu verschönern,
vielleicht ein Blumenbeet der Hauswand entlang anzulegen.
War das zynisch? Oder war es nur ein Ausdruck von Ohnmacht
und Verzweiflung meiner kleinen Seele angesichts der armenischen
Ausweglosigkeit?
In der letzten Nacht hat es geregnet. Daher ist es jetzt
besonders frisch und angenehm an meinem B&B-Plätzchen. Ich lehne zurück im
bequemen Campingstuhl, trinke Kaffee und… geniesse es…