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Mittwoch, 26. Juli 2017

B & B








Bulgarien & Bergoase.





Ich erinnere mich an die 70-er Jahre, als wir mit dem Renault 4 den Balkan hinunter nach Griechenland fuhren. Zwei Länder galt es damals zu umgehen: Das hermetisch abgeriegelte Albanien im Westen und das als gefährlich eingestufte Bulgarien im Osten. Da hat sich doch etwas geändert seither. Öffnung, Vermischung, Verbrüderung hat stattgefunden. Teilweise zumindest. Und allen geht`s besser. Teilweise. Die Verkäuferinnen in den Schweizer Supermärkten tragen albanische Namenschildchen, die Hälfte einer Schulklasse besteht oft aus albanischen Kindern und… die Schweizer Fussballnationalmannschaft war noch nie so gut wie heute, wo sie auch zur Hälfte aus Spielern aus Albanien besteht. Bulgarien, das dunkle und unbekannte, das man damals wegen seiner gefürchteten Strassen und der Gefahr von Überfällen meiden sollte, löst bei mir heute das Gefühl aus, in der „heilen Welt“ eingetroffen zu sein.
Meine Eindrücke, von denen ich schreibe, sind ja nicht Beurteilungen und Beschreibungen aus höherer politischer und wirtschaftlicher Warte gesehen. Es sind Eindrücke des Unterwegs-Seins, „on-the-road“-Eindrücke und von abseits der road.
Immer interessant – visitenkartenmässig – ist das Verhalten des Grenzpersonals beim Eintritt in ein Land. Von Erdoganien nach Bulgarien kommend – es ist wie die Ankunft im Land des Lächelns! Die gute Welt, die Welt, die es so gut meint mit uns, zeigt sich bei der ersten Durchfahrt durch eine Kleinstadt. Mit vielen Schildern weist sie den Weg zu „Lidl“, „Billa“ und „Kaufhaus“. „Lidl 1,8km geradeaus“, „Lidl 1,1km geradeaus“, „Lidl 300m rechts“. Kundenfreundlich, menschenfreundlich. Dass dort auch bettelnde Kinder, die Kinder der Ausgeschlossenen, auf dem grossen Parkplatz anzutreffen sind, ist die andere Seite.
Wegen der drückenden Hitze im Flachland fahre ich direkt in die Berge. Ich weiss, dass sie zwar nicht sehr hoch sind, aber landschaftlich sehr schön und ziemlich unberührt. Oben erwartet mich eine herrliche Rundsicht und, als Zugabe, zwei monumentale XXXL-Skulpturen aus der Sowjet-Zeit. Die eine, aus Eisen gegossen, ist immun gegen den Zerfall und auch ihre Botschaft scheint mir verständlich: „Genossen, tragen wir gemeinsam mit starker Hand das Feuer der Gerechtigkeit nach irgendwo!“ Oder so. Das zweite Ding, zuoberst auf dem Gipfel, ist ein gigantisches Unikum. Ein betonierter Witz, ein überdimensionales UFO, ein mutiger und jetzt vor sich hinsiechender Entwurf eines Dreh-Bergrestaurants, ein in Beton gehülltes Nichts. Die Message? – „Die Leere ist schwer und rund und hässlich!“





Ein paar Kurven unterhalb der Passhöhe finde ich, was ich suche: Eine Waldlichtung. Und Bäume und Stille und Bäume und nichts sonst. Wie auch schon auf dieser Reise, ganz wenige Male, habe ich gleich das Gefühl von Oase. Wald, einfach Wald, stinknormaler Wald, wie es davon Tausende von riesigen Flächen zwischen Portugal und Russland gibt, einfach eine Stelle abseits des Bergsträsschens, wo ich meinen Wagen unter den langen, ausladenden Ästen einer Buche hinstellen kann, wo ich mich davor setzen, vor mich hinschauen oder die Bäume und einfach nur Bäume und vielleicht noch das Spiel von Sonnenlicht und Schatten anschauen kann, aber wo mich weder Schmutz, noch Abfall, noch Lärm, noch Leere, noch Schwere, noch Arroganz, noch Hoffnungslosigkeit umgeben. Was ist eigentlich eine Oase? Nichts Aussergewöhnliches. Ein bisschen Wasser, ein paar Pflanzen und ein wenig Schatten. Aber dass man dies lange nicht gehabt hat, dass man es sich gewünscht hat, macht die Oase zur Oase und damit zum Aussergewöhnlichen.
Der nächste Satz müsste heissen: Ich geniesse es. Stimmt aber nicht. Geht nicht. Ich bin noch zu stark geprägt vom an Lieblosigkeit leidenden Armenien und von der die Lieblichkeit unterdrückenden Türkei. Ich erhole mich, ich finde Ruhe, ich lasse die Dinge sich setzen oder „bearbeite“ sie nochmals wie eine wiederkäuende Kuh. Ich warte.
Und ich lese. Ein Buch über Armenien. Armenien sitzt in meinen Knochen. Armenien ist eine Nummer zu gross, um damit fertig zu werden. Kann ich auf das Schicksal der Türkei noch mit Gefühlen von tiefer Enttäuschung und grosser Wut reagieren, so spüre ich das Schicksal Armeniens betreffend eine gefühlsmässige Ohnmacht. Weder Kopf, noch Seele sind fähig, dieses Zuviel an Schlimmem einzuordnen. Was das armenische Volk in den letzten hundert und aktuell in den letzten 25 Jahren erleben und über sich hat ergehen lassen müssen, ist schlicht un-fassbar. Keimte mal für kurze Zeit eine Hoffnung auf, wurde sie vom nächsten Schlag wieder erstickt. Es sind dies Schläge von aussen (Türkei, Aserbaidschan, Russland, der Westen), Schläge von innen (nicht funktionierende Demokratie und Wirtschaft, Oligarchie, die Bergkarabach-Frage), und über allem schwebt der dunkle Schatten des nicht verarbeiteten Genozids von 1915.
Ich belasse den geschichtlichen und politischen Exkurs bei diesen paar Zeilen. Darüber gibt es wie erwähnt genug entsprechende Literatur. Die Frage, die mich beschäftigt, ist die: Was macht „man“ mit diesem Zuviel an Tragik und Tragödien, an Hoffnungslosigkeit und Lähmung? Beziehungsweise: Was macht es mit einem?
Mir kommt die irische Sängerin Sinéad O`Connor in den Sinn, deren Volk mit der grossen Hungersnot (welche nur zum kleineren Teil naturbedingt war) ähnlich Schlimmes widerfahren ist. Sie vergleicht „the big famine“ und dessen Folge, dass ein grosser Teil des Volkes jämmerlich dahingerafft worden ist, mit dem Schicksal einer vergewaltigten Frau. Kann sie darüber hinwegkommen, kann sie seelisch gesunden, wie viel Schmerz und Wut und Trauer und Zeit sind nötig, um geheilt und erstarkt daraus hervorzugehen? Eine allzu grosse Dezimierung eines Volkes wirke sich auf dieses über Generationen aus wie das erwähnte Verbrechen an einer einzelnen Person. Die Seele reagiert mit Trotz und mit Lähmung.
Ich stelle mir nun – Armenien vor Augen – vor, dass dieser Frau gegenüber nicht nur ihr Vergewaltigt-Worden-Sein geleugnet oder mindestens unter den Tisch gekehrt wird, sondern dass sie zusätzlich und immer wieder mit schlimmsten Schlägen verschiedener Art drangsaliert und gequält wird. Dass sie nie und auf keine Art zur Ruhe kommen kann. Das Unmöglichste, stelle ich mir weiter vor, ist dann doch, zum Weiterleben verurteilt zu sein…
Was habe (hätte) ich als Armenier heute für Möglichkeiten? – Ich komme auf drei:
Exit 1: Ich fliehe (wie schon vier Fünftel vor mir) ins Ausland. Auch wenn mir dort nicht alle Tore zu allen Paradiesen sperrangelweit offen stehen. Zu Brüderchen Russland wenigstens oder zu Feindchen Türkei…
Exit 2: Der sanfte Abschied ins Nirwana. Allein? Oder allenfalls mit Familie? – Ich weiss… – die Einwände… – aber ich meine es nicht zynisch – ich bin in Armenien durch Orte des ewigen Zerfalls und der andauernden Depression gefahren – ich möchte den Gedanken an dieser Stelle einfach erwähnt haben.
3. No exit: Bleiben, ausharren, hoffen oder auch nicht, überleben…
Und genau dieser dritten Variante, den gelähmt oder mit wenig Überzeugung Ausharrenden, habe ich in einem vorderen Beitrag freundlich und bestimmt empfohlen, ihre Umgebung doch ein bisschen zu verschönern, vielleicht ein Blumenbeet der Hauswand entlang anzulegen.
War das zynisch? Oder war es nur ein Ausdruck von Ohnmacht und Verzweiflung meiner kleinen Seele angesichts der armenischen Ausweglosigkeit?
In der letzten Nacht hat es geregnet. Daher ist es jetzt besonders frisch und angenehm an meinem B&B-Plätzchen. Ich lehne zurück im bequemen Campingstuhl, trinke Kaffee und… geniesse es…