Über Hoch-Zeiten schreibt es sich leichter.
Auf meinen
vorderen Ost-Reisen konnte ich da aus dem Vollen schöpfen. Erstens war alles
neu und ich offen dafür, und zweitens flogen mir das Besondere, das
Überraschende, das Absurde, das Berührende, das Lustige, das Lustvolle, das
Komische und das Unbegreifliche, das gar nicht begriffen werden musste, in
einem Masse zu, dass ich mich oft fragte, wer denn da ganz verstohlen hinter
mir dauernd am Drehbuch-Schreiben ist. Und gerade noch einen obendrauf setzt.
Auf dieser Reise sollte es mir anders ergehen. Wenig
Erwärmendes, wenig Erfreuendes, kaum Unerwartetes, kaum Kitzelndes,
Verführendes, Entführendes. Die einzelnen Rosinen und Überraschungen habe ich in
den vorangehenden Kapiteln brav gesammelt wiedergegeben. Aber über alles
gesehen: keine Hoch-Zeit.
Woran lag es? – Ich bemühe die hinlänglich bekannten
Reisephilosophie-Sätze: Auf jede Reise nimmt man immer sich selber mit… Eine
Reise führt einen immer zu sich selbst… und der zweifelhafte, immer gut tönende,
oft aber nicht zutreffende Evergreen vom Weg, der das Ziel sei. Ist wohl etwas
dran, diesmal.
Ich fühlte mich immer, fast immer, auf dem Weg, auf der
Suche. Nach dem Ziel. Lauernd, erwartend, hoffend. Anknüpfen wollend an die
erwähnten früheren Reisen, in die gleichen Länder, notabene. Vielleicht liegt
gerade hier eine Antwort: Ist die Wirkung des „Exotischen“ dieser Länder für
mich abgeflacht? Die grosse Dosis habe ich früher bereits gehabt. Diese
Erklärung befriedigt nicht, weiss ich doch, dass ich auf gewisse Dinge und
Begegnungen immer mit freudigem Pulsschlag anspreche. Was ich ja bei den
wenigen Gelegenheiten auch diesmal tat.
Was aber anders war/wurde an meiner Optik und meine Stimmung
durch den Mangel an Erfrischendem mehr und mehr beeinflusst hat, war die
Wahrnehmung des Tristen, des Festgefahrenen und Leblosen, des
Vor-sich-Hinsiechenden. Diese Eindrücke und die Gedanken darüber begannen sich
in der Reiseseele festzubeissen. Das Allein-Reisen, das
Alles-mit-sich-allein-Ausmachen, dazu noch mit einem Häuschen, das infolge des
Crashes nur noch halb rolling und halb sweet war, haben die zarte Seele doch
ziemlich gefordert. Wie spannend und entspannend das Allein-Reisen doch ist, wenn
man nur pflücken und auffangen kann, was bereitsteht und einem zufliegt!
Früher als vorgesehen verabschiedete ich mich aus Kaukasien.
Auf Azerbaidschan mochte ich mich aus zwei Gründen gar nicht mehr einlassen: Ein
Einreise-Visum beantragen mit einem armenischen Stempel im Pass? Und das Ende
des Wohnwagens in einem noch entfernteren und schwierigeren Land beklagen (und
organisieren…) müssen?
Also westwärts durchs not-lovely Erdogan-Land nach Rumänien.
Dort stand mal der obligate Besuch bei „meiner Familie“ im Dorf Vieros an.
Hier hat sich doch Einiges geändert in den letzten Jahren.
Viele Häuser sind renoviert oder neu gebaut worden (die Banken gewähren
scheinbar Kredite), auch stehen mehr und bessere Autos herum. Anca ist acht
Jahre alt geworden, und ihre Mutter schminkt ihr die Kinderlippen und kauft ihr
künstliche Kinderfingernägel. Den Garten hinter dem Haus hat man völlig von
Unkraut überwuchern lassen (man geht jetzt in den Supermarkt einkaufen), die
von Peter und mir ermöglichte Schweinezucht hat man sausen lassen, Mami läuft
gut frisiert im kurzen, roten Kleidchen herum, vor dem Haus ist ein mit
Betonmäuerchen gesicherter Kiesplatz entstanden, und darauf steht er, der Grund
des Wohlstandes: der Kleintransporter. Von der Veranda aus lassen sich dank dem
verstaubten Laptop übers Internet Transport-Anfragen fürs In- und Ausland
finden, und so läppern sich die 100-Euro-Scheine langsam und doch stetig
zusammen und können in die gestiegenen Lebenskosten und in ein Leben ohne
schmutzige Hände investiert werden. „Ich habe eine Firma, und ich bin der
Chef!“ „Dann könntest du mir ja mal einen Teil des Geldes, den Teil, der als
Darlehen deklariert war, zurückzahlen!“ „Kein Problem. Diese Woche nicht, aber
nächste Woche sicher.“
Es stand nämlich noch ein bewegendes Ereignis bevor, für
welches die Schatulle geleert werden musste: Eine Hochzeit im Dorf („Du wirst
alle Traditionen erleben!“), für die C. und L. als Trauzeugen (und damit auch
als Finanzchefs…) auserkoren waren.
Na also, da komme ich doch zu der ersehnten Exotik und
„action“! Eine rumänische Hochzeit in einem kleinen Dorf mit allem Drum und
Dran!
Hätte ich eine positivere und gefestigtere Grundstimmung
mitgebracht, dann hätte ich dem Ganzen vielleicht etwas abgewinnen können. Wenn
etwas sich als jämmerliche Parodie von dem erweist, was es eigentlich sein
möchte, dann kann man es ja als solche geniessen. Die Parodie als
Live-performance, 48 Stunden ungeschnitten! Aber dann hätten doch ein paar
fröhliche Gesichter, echtes Lachen und echte Ausgelassenheit dazugehört. Nichts
dergleichen. Stress, Herumrennen, Abwickeln von angedeuteten Traditionen,
Missverständnisse, Anspannungen und Überspielen. So tun als ob. Um keinen
Zweifel darüber aufkommen zu lassen, wie hammerhaft dieser Anlass war, wurde
vom Tatort aus das ganze Dorf mit ohrenbetäubend-überlauter-übersteuerter
Manele-Musik der billigsten Sorte eingedeckt. Non-stop. Ich musste mich
irgendwann zurückziehen, mich einfach hinlegen und mir – einmal mehr auf dieser
Reise – sagen: Keine Hoch-Zeit – und morgen ist es vorüber.
Der Plan für den nächsten Tag: Nochmals (zum wievielten
Mal?) eine Werkstatt für einen weiteren Befestigungsversuch des Häuschens am
Fahrgestell aufsuchen und dann „Go west“.
Vor drei Tagen fand ich ihn, den schönen, sauberen,
gepflegten, ja idyllischen Westen, nämlich in Kärnten an einem Badeweiher. Hier
soll die strapazierte Seele rückkehrtauglich werden. Und ein letztes Kapitel
geschrieben werden.
Mit Himbeeren und Schlagobers helfe ich nach.