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Samstag, 5. August 2017

Hoch - Zeit ...









Über Hoch-Zeiten schreibt es sich leichter.




Auf meinen vorderen Ost-Reisen konnte ich da aus dem Vollen schöpfen. Erstens war alles neu und ich offen dafür, und zweitens flogen mir das Besondere, das Überraschende, das Absurde, das Berührende, das Lustige, das Lustvolle, das Komische und das Unbegreifliche, das gar nicht begriffen werden musste, in einem Masse zu, dass ich mich oft fragte, wer denn da ganz verstohlen hinter mir dauernd am Drehbuch-Schreiben ist. Und gerade noch einen obendrauf setzt.
Auf dieser Reise sollte es mir anders ergehen. Wenig Erwärmendes, wenig Erfreuendes, kaum Unerwartetes, kaum Kitzelndes, Verführendes, Entführendes. Die einzelnen Rosinen und Überraschungen habe ich in den vorangehenden Kapiteln brav gesammelt wiedergegeben. Aber über alles gesehen: keine Hoch-Zeit.
Woran lag es? – Ich bemühe die hinlänglich bekannten Reisephilosophie-Sätze: Auf jede Reise nimmt man immer sich selber mit… Eine Reise führt einen immer zu sich selbst… und der zweifelhafte, immer gut tönende, oft aber nicht zutreffende Evergreen vom Weg, der das Ziel sei. Ist wohl etwas dran, diesmal.
Ich fühlte mich immer, fast immer, auf dem Weg, auf der Suche. Nach dem Ziel. Lauernd, erwartend, hoffend. Anknüpfen wollend an die erwähnten früheren Reisen, in die gleichen Länder, notabene. Vielleicht liegt gerade hier eine Antwort: Ist die Wirkung des „Exotischen“ dieser Länder für mich abgeflacht? Die grosse Dosis habe ich früher bereits gehabt. Diese Erklärung befriedigt nicht, weiss ich doch, dass ich auf gewisse Dinge und Begegnungen immer mit freudigem Pulsschlag anspreche. Was ich ja bei den wenigen Gelegenheiten auch diesmal tat.
Was aber anders war/wurde an meiner Optik und meine Stimmung durch den Mangel an Erfrischendem mehr und mehr beeinflusst hat, war die Wahrnehmung des Tristen, des Festgefahrenen und Leblosen, des Vor-sich-Hinsiechenden. Diese Eindrücke und die Gedanken darüber begannen sich in der Reiseseele festzubeissen. Das Allein-Reisen, das Alles-mit-sich-allein-Ausmachen, dazu noch mit einem Häuschen, das infolge des Crashes nur noch halb rolling und halb sweet war, haben die zarte Seele doch ziemlich gefordert. Wie spannend und entspannend das Allein-Reisen doch ist, wenn man nur pflücken und auffangen kann, was bereitsteht und einem zufliegt!
Früher als vorgesehen verabschiedete ich mich aus Kaukasien. Auf Azerbaidschan mochte ich mich aus zwei Gründen gar nicht mehr einlassen: Ein Einreise-Visum beantragen mit einem armenischen Stempel im Pass? Und das Ende des Wohnwagens in einem noch entfernteren und schwierigeren Land beklagen (und organisieren…) müssen?
Also westwärts durchs not-lovely Erdogan-Land nach Rumänien. Dort stand mal der obligate Besuch bei „meiner Familie“ im Dorf Vieros an.
Hier hat sich doch Einiges geändert in den letzten Jahren. Viele Häuser sind renoviert oder neu gebaut worden (die Banken gewähren scheinbar Kredite), auch stehen mehr und bessere Autos herum. Anca ist acht Jahre alt geworden, und ihre Mutter schminkt ihr die Kinderlippen und kauft ihr künstliche Kinderfingernägel. Den Garten hinter dem Haus hat man völlig von Unkraut überwuchern lassen (man geht jetzt in den Supermarkt einkaufen), die von Peter und mir ermöglichte Schweinezucht hat man sausen lassen, Mami läuft gut frisiert im kurzen, roten Kleidchen herum, vor dem Haus ist ein mit Betonmäuerchen gesicherter Kiesplatz entstanden, und darauf steht er, der Grund des Wohlstandes: der Kleintransporter. Von der Veranda aus lassen sich dank dem verstaubten Laptop übers Internet Transport-Anfragen fürs In- und Ausland finden, und so läppern sich die 100-Euro-Scheine langsam und doch stetig zusammen und können in die gestiegenen Lebenskosten und in ein Leben ohne schmutzige Hände investiert werden. „Ich habe eine Firma, und ich bin der Chef!“ „Dann könntest du mir ja mal einen Teil des Geldes, den Teil, der als Darlehen deklariert war, zurückzahlen!“ „Kein Problem. Diese Woche nicht, aber nächste Woche sicher.“
Es stand nämlich noch ein bewegendes Ereignis bevor, für welches die Schatulle geleert werden musste: Eine Hochzeit im Dorf („Du wirst alle Traditionen erleben!“), für die C. und L. als Trauzeugen (und damit auch als Finanzchefs…) auserkoren waren.
Na also, da komme ich doch zu der ersehnten Exotik und „action“! Eine rumänische Hochzeit in einem kleinen Dorf mit allem Drum und Dran!
Hätte ich eine positivere und gefestigtere Grundstimmung mitgebracht, dann hätte ich dem Ganzen vielleicht etwas abgewinnen können. Wenn etwas sich als jämmerliche Parodie von dem erweist, was es eigentlich sein möchte, dann kann man es ja als solche geniessen. Die Parodie als Live-performance, 48 Stunden ungeschnitten! Aber dann hätten doch ein paar fröhliche Gesichter, echtes Lachen und echte Ausgelassenheit dazugehört. Nichts dergleichen. Stress, Herumrennen, Abwickeln von angedeuteten Traditionen, Missverständnisse, Anspannungen und Überspielen. So tun als ob. Um keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, wie hammerhaft dieser Anlass war, wurde vom Tatort aus das ganze Dorf mit ohrenbetäubend-überlauter-übersteuerter Manele-Musik der billigsten Sorte eingedeckt. Non-stop. Ich musste mich irgendwann zurückziehen, mich einfach hinlegen und mir – einmal mehr auf dieser Reise – sagen: Keine Hoch-Zeit – und morgen ist es vorüber.







Der Plan für den nächsten Tag: Nochmals (zum wievielten Mal?) eine Werkstatt für einen weiteren Befestigungsversuch des Häuschens am Fahrgestell aufsuchen und dann „Go west“. 
Vor drei Tagen fand ich ihn, den schönen, sauberen, gepflegten, ja idyllischen Westen, nämlich in Kärnten an einem Badeweiher. Hier soll die strapazierte Seele rückkehrtauglich werden. Und ein letztes Kapitel geschrieben werden.
Mit Himbeeren und Schlagobers helfe ich nach.