Rot, blau, orange – sind die drei Farbstreifen von Armeniens
Flagge.
Die Flagge wirkt hell und zuversichtlich. Die Flagge eines Landes, das
optimistisch und anpackend in die Zukunft gehen möchte.
Die Farben, die ich aber beim Durchqueren des Landes
wahrnehme, sind Grau (in allen Abstufungen), Dunkelgrün, Braun, manchmal
gebrochen mit einem rostigen Rot. Ich rede von der Landschaft, der Natur, den
Dörfern, den Städten und den Häusern. Sie wirkt nicht gerade herzerfrischend,
diese Farbenkombination, sondern eher monoton und bedrückend. Es gibt die
Ausnahmen, die Überraschungen. Sie waren das wohldosierte Herzfutter in diesen
30 Tagen. Von ihnen war in den vorangehenden Beiträgen die Rede.
Jetzt aber gehe ich hart ins Gericht mit dir, du kleines und
ehemals grosses Armenien, mit deiner
Vergangenheit von Kriegen, Fremdbestimmung und Völkermord, mit deiner
Gegenwart von Bedrohung, oligarchischer Regierung und korrupter Oberschicht,
mit deiner beschränkten Schönheit an Landschaft und Natur, mit deinem Volk, von
dem nur noch etwa ein Fünftel hier geblieben ist.
Jetzt der Blick zurück auf dich – der Blick eines
Verschonten und Verwöhnten aus der „guten und intakten Welt“, die gebotene
Milde mit dem kleinen, armen Land zur Seite schiebend:
Armenien, räume auf! Verharre nicht in den Ruinen, im
Schrott, im Dreck, in der Lethargie und im Selbstmitleid! Falsch, nicht
Armenien meine ich, sondern euch armenische Menschen, die ich in diesem Monat an
den Strassen und in den kleinen und grösseren Ortschaften gesehen habe. Ich
meine nicht die moderne, geschäftige und touristische Schaltzentrale Yerewan,
die ich diesmal bewusst ausgelassen habe. Ich meine euch Alltägliche im Alltag
eures Landes.
Warum habt ihr keine Dörfer, die einen zu einem Halt einladen
würden? Mit einem Dorfplatz und einer Dorfkneipe, mit ein bisschen
Gemütlichkeit und Beschaulichkeit. Warum richtet ihr, die ihr dort lebt, es
euch nicht ein wenig schöner ein? Die Regierung oder der Liebe Gott tun`s
bestimmt nicht für euch. Die wären zuständig für die elenden und hässlichen Industrie-
und Kolchosenruinen aus sowjetischer Zeit. Aber warum macht ihr nicht das, was
ohne Geld vor eurer Haustüre möglich wäre? Die Überreste der eingestürzten
Gebäude um euer Haus herum wegräumen, den Dreck des Vorplatzes mit ein paar
Steinen bedecken, die Autowracks, den Eisen- und allen andern Schrott um 50
Meter nach hinten verschieben, dafür dort einen Garten anlegen und Blumen
pflanzen darin? Farben, Licht und etwas Schönheit in euer Leben bringen. Warum
bleiben die in den fast grellen Nationalfarben bepinselten Felsbrocken die
einzigen Farbtupfer der Dörfer entlang der Grenze zum bösen Feind im Osten? Ist
euer Wehrwille die einzige Lebensenergie? Warum wollt ihr in liebloser
Atmosphäre verharren?
Warum macht ihr eure weitere Umgebung nicht zugänglich?
Warum führt kein Weg zu einer Baumgruppe abseits der öden Strasse oder zu einem
Bach? Ihr habt ein paar schöne Flüsse, und nur einmal habe ich eine Stelle
gefunden, wo ihr es euch am Ufer unter den Bäumen gemütlich macht.
Lasst euch dazu inspirieren von euren Nachbarländern. Oder
wollt ihr euch denn selber täglich vor Augen führen und beweisen, wie arg
gebeutelt ihr seid?
Armenische Leute, ich verstehe euch weniger als nach meinem
ersten Besuch bei euch, als euer Schicksal, von dem die Welt weiss, meine
Wahrnehmung bestimmte. Das Schicksal des kleinen, geplagten und missbrauchten
Landes, eingeklemmt zwischen Feinden in den kargen Bergen des Kaukasus. Ich
kann euch nicht mehr nur durch diese Brille sehen. Ich verstehe – als
Verschonter –, dass Schlimmes und noch Schlimmeres eine tiefe und lange Wirkung
haben. Wenn ich nun diesen Aspekt in meiner Schlussbetrachtung bewusst beiseite
lasse, dann soll dies nichts mit Respektlosigkeit zu tun haben. Ich möchte euch
einfach mitteilen, wie all die Grau- und Brauntöne, die ganzen Ruinen-,
Schrott- und Abfallhaufen und das Fehlen von bunten und lieblichen Farben auf
mich gewirkt haben. Und aus meiner Enttäuschung heraus, dass ich in eurem Land so
oft vergeblich nach einem Plätzchen gesucht habe, wo ich wohlig durchatmen
konnte, entsteht nun dieser naive Aufruf an euch, etwas gegen das Bedrückende,
Lieb-, Lust- und Leblose zu tun. Nicht für mich – ich bin ja schon gegangen –
sondern für euch.
Relativierend (oder erklärend?) kommt mir ein Song aus den
80-ern in den Sinn: „I know, that you know, that I know, what`s best for you.“