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Mittwoch, 12. Juli 2017

Granatäpfel, Kaffee und Fisch







Nrnadzor – der Name ist Programm.




Nrnadzor ist das südlichste Dorf Armeniens, an der Grenze zum Iran gelegen. Übersetzt bedeutet der Name „Tal der Granatäpfel“.
Über Kapan und den Meghri-Pass gelangt man nach Meghri, der letzten Stadt Armeniens kurz vor der iranischen Grenze. Diese wird von einem Fluss gebildet und ist etwa 40 km lang. 




Früher hat es hier eine Eisenbahnlinie gegeben. Ein zerfallender Bahnhof zeugt noch davon.





Um ins abgelegene Nrnadzor zu gelangen, benützt man, mit dem Auto, diese Bahnlinie. Die Schienen sind entfernt und das Trassee mit Schottersteinen zu einer Strasse umfunktioniert worden. Kreuzen ist nur an wenigen Stellen möglich. Prompt kommt mir ein mit Holz beladener alter Lastwagen entgegen. Überhaupt ist das ein lustiges Fährtchen: Rechts der Fluss, am gegenüberliegenden Ufer iranische Fischer, unmittelbar dem Schüttelweg entlang ein Grenzzaun, links der Felsabhang, ab und zu ein Beobachtungshäuschen auf einem Felsvorsprung und, auch ab und zu, ein dunkler Eisenbahntunnel, durch den jetzt eben die Strasse führt. Manchmal steht ein Schild am Zaun, auf dem mit russischer, armenischer und persischer Schrift…, ja, halt etwas drauf steht. Einmal steht etwas von „prohibited“, wahrscheinlich das Baden im reissenden Fluss. Später komme ich zu einer Barriere. Sie ist offen, und es steht eine international erkennbare „Stop“-Tafel daneben. Aber der Kollege mit der Holzladung bleibt meine einzige Begegnung.



Die Strasse verlässt den Fluss und steigt an ins Tal hinauf. Dann erscheint es, das Schild, auf welches ich warte – in grossen, deutlichen, schwarzen „englischen“ Buchstaben: Nrnadzor.


Langsam, anders geht nicht, fahre ich durch des ausgestorben wirkende Dorf aufwärts. Ruinen, verlassene Häuser, Autowracks, mal ein bewohntes Haus, mal ein fahrbarer Lada, ein ausgetrocknetes Bachbett, angereichert mit Zerfallenem. So stelle ich mir den Ort der Fruchtbarkeit nicht vor – der Granatapfel ist ja hier eine symbolhafte Frucht. Die Bräute müssen die Dinger an die Wand schmeissen, und die aufgeklatschten Innereien sollen reichlich Kinderchen versprechen. Zudem eignet er sich einleuchtenderweise auch zum Beflecken des Hochzeitsnachtbettlakens. Prickelnd fruchtig rot… Nun, keine frisch beglückte Braut huscht gerade durch einen Garten, sondern die Mittagshitze drückt auf den staubigen Vorplatz eines Gebäudes, das wohl die Schule ist. Es gibt jedoch auch Grün. Um die paar bewohnten Häuser herum stehen Bäume, es hat Gemüsebeete, sogar Traubenpergolas.








Und schon sitze ich unter dem Vordach eines Hauses beim Kaffee. Und beim Wodka. Und bei Maulbeeren, Trauben, Äpfeln, Aprikosen, Feigen, Gurken, Tomaten, Paprika, Käse, Eiern, Roggen und hausgemachtem Brot. Und wieder Wodka – immer Gläschen heben und auf etwas anstossen. So will es der Brauch. Weil hier die Strasse endet, bin ich Gast geworden von Samuel und seiner Frau Anna, von Sohn Narek und seiner Frau Mariam mit den beiden Kindern Emil und Laura. Bald wird unsere Runde erweitert. Es kommt Besuch. Ein halbes Dutzend Soldaten, die mich offenbar doch irgendwo erspäht haben und jetzt meine Papiere sehen wollen. Die sind in Ordnung, aber die letzten Fotos sind es nicht. „Delete!“, befiehlt der russische Söldner aus Wladiwostok. Geht ja noch. Seine Situation ist schlimmer: Der arme Hund darf hier ganze sechs Jahre im Tarnanzug im Staub und in den Felsen verbringen. Für diesen Unsinn gibt es keine „Delete“-Taste. Dann wird noch höflich Kaffee getrunken zusammen, und mein Aufenthalt ist bewilligt. (Als ich am nächsten Tag den Weg zum Dorf nochmals zurücklege, hole ich die Fotos nach. „Save!“)






Zum Abendessen wünsche ich mir eine iranische Forelle. Kurz vor dem Grenzübergang habe ich nämlich einen schönen Teich entdeckt, an dem sich unter kleinen Dächern Tische befinden. Von Nahem sieht es dann vor allem nach Bier, Wodka und Coca Cola aus. Aber es finden sich ja überall hilfsbereite Menschen. Zwei Männer verstehen, wonach ich frage. „Fish? Yes, fish!“ Handy zücken und die Sache organisieren. Kein Problem. „Fish? Fish! Big fish? Small fish? Yes, big fish!“ Immer mit langgezogenem „i“ ausgesprochen. Der Preis wird schon genannt, obwohl noch kein Fiiisch in der Nähe und sicher nicht in diesem Teich ist, mit Beilage wird`s dann noch etwas mehr sein, ich solle es mir schon mal mit einem Bier gemütlich machen am besten Platz, auf dem schwimmenden Coca Cola-Inselchen. Die Helfer steigen in den Mercedes und fahren ab. „Yes, fiiish!“, sage ich zu mir, „big fiiish!“, und geniesse das Bier und den Wind, der über den Teich weht. Alle zehn Minuten beginnt das Inselchen zu schaukeln, nämlich dann, wenn die gewichtige russische Serviererin mit ihrer Baseball-Mütze über den Steg kommt um nach etwaigen Wünschen zu fragen. Nach über einer Stunde frage ich sie, ob denn der Fisch eingetroffen sei. „Fish?“, fragt sie, „no fish“. Als würde sie zum ersten Mal davon hören. Ich beschliesse die zwei Bier zu bezahlen. Sie zückt einen Schreibblock und den Taschenrechner und präsentiert das Resultat: 2 Bier sind 2 Dollar und der Aufenthalt auf dem Inselchen  macht noch 4 Dollar dazu. „Yes, big fiiish!“, sage ich zu ihr, „und lass mir Wladiwostok grüssen!“. Etwas weiter unten, sehe ich beim Wegfahren, lehnen die andern zwei Typen an ihrem Mercedes. Was sie wohl den ganzen Tag lang tun, wenn sie nicht gerade einen grossen Fisch an Land ziehen müssen.