Ja, die vielen Völker! Die vielen Kleinvölker, durch die man sich arbeitet, wenn man auf den Weg geht.
Da sind die Uzwiler, die es als
solche gar nicht gibt, denn in Wirklichkeit gibt es die Oberuzwiler und die
Niederuzwiler. Etwas weiter in Au trifft man auf die Auer, von denen sich die
Lusten-Auer klar abgrenzen. Später kommt man zu den Freisingern und den
Freilassingern (Bayern ist da nur ein versimpelnder Überbegriff), vorbei an den
Penzingern und Gräfelfingern, den Eresingern, Echingern und Erdingern, den
Oberdingern und Urschallingern, den Kotgeiseringern, den Langengeislingern und
Oberschneidingern, den Inningern, den Weisslingern, den Mosthenningern, den
Walchsingern, den Langenpreisingern, sowie den Frauensattlingern. Gegen Ende
dieser Etappe ist man dann bei den Plattlingern und fühlt sich auch
entsprechend. Und irgendwo dazwischen war noch Tuntenhausen. Die Tuntendinger…
Entsprechend den gar nicht existierenden Uzwilern, die es
nur verwaltungstechnisch gibt, in Wahrheit und im Fleisch gibt es Nieder- und
Oberuzwiler, ahne ich, dass die Ortsbezeichnungen, die ich durchs Autofenster
an mir vorbeigehen sehe, nur oberflächlich sind und den in Wirklichkeit
existierenden Kleinvölkern nicht gerecht werden. Bestimmt gibt es keine
Walchsinger, sondern Vorder- und Hinterwalchsinger, sowie entsprechend Ober-
und Niederplattlinger, Ausser- und Innerinninger, Über- und Unterurschallinger,
Frauen- und Hauptfrauensattleringer.
Hinzu kommt dann noch, wenn man die Benennung der zahllosen
Völker noch differenzierter handhaben möchte, das sprachliche Gender-Problem:
Die Innen. Also die Tuntenhauserinnen, die Gräfelfingerinnen, die
Frauenneuhartingerinnen und natürlich – gendermässig korrekt, sprachlich etwas
verwirrend – die Hauptfrauensattlerinnen und die Oberwichsingerinnen.
Was alles verpasst der tumbe Reisende, der sich in ein
Flugzeug setzt und sich drei Stunden später nach einem Mikrowellen-Plastik-Menu
über Sahelien oder über den Bordellen-Inseln direkt vor die Füsse der
Niederträchtinger oder der schlitzäugigen Oberläppinnen abwerfen lässt! Nichts
kriegt er unterwegs mit von den Menschen, von all den Kleinvölkern, die sich
seit Ewigkeiten auf ihren paar Quadratkilometern mit Zwiebeln, Kartoffeln,
Ziegenschnaps und Blechmünzen geduldig vorwärtsdarwinieren.
Nach Bayern kam Österreich, der nächste Vielvölkerstaat. Die
Geschichte hat ihn zwar etwas zurechtgestutzt, aber die zurückgelegten 300km
hatten`s völkisch gesehen in sich. Kurz vor der ungarischen Grenze der
Höhepunkt: Maria Elend. Keine primitiven Frauensattler hier, sondern
Maria-Jammerer. Wie nennen sie sich wohl genau? Einfach Maria Elender? Oder
Maria Elendaner? Oder Maria Elendioten, entsprechend den Zyprioten?
Dann Ungarn. Die grösste Herausforderung die Namen
betreffend. Für den wachen und interessierten Durchreisenden ist es wegen der
hals- und zungenbrecherischen Sprache oft nicht möglich, zwischen Hinweisen wie
„Ausfahrt“ oder „Vorsicht bei Glatteis“ und Ortstafeln zu unterscheiden. Wenn
du dann mehrmals dem Schild „Központ“ begegnest, merkst du, dass es sich nicht
um den Lebensmittelpunkt der Központer oder Központesen und auch nicht um den
der Oberközer oder der Hinterközpontaken
handeln kann. Ob „Központ“ also
„Cash-point“ oder „Stelle für aufwärtige Magenentleerung“ bedeutet? Das
RollingSweetHome kommt vorbei an den Behausungen der Vertesszolosen (Ober-,
Unter-, Klein- oder Grossvertesszolosen?), der Szekesfehervaren, der
Szigetszentmiklopen, der Kiskunfelegyhasen und der Hodmezövasarhelyer. Kein Rauch,
keine Checkpoints, keine Überfälle – scheinbar friedfertige
Flachlandkleinvölker, die morgens um sieben in orangen Gummianzügen den Abfall
auf den nahegelegenen Autobahnraststätten einsammeln. (Interessant übrigens,
dass dieses Einsammeln von Abfall weiter südlich kaum mehr vorkommt, dafür
vielmehr das Verbreiten und Verstreuen desselben.)
Serbien: Die Serben, bzw. die Srben, lieben Namen, die mit
Sr, Pr, Vr oder Zr beginnen und auf –vac enden. So hat man es theoretisch mit
den Srvacen, Prvacen, Vrvacen und Zrvacen zu tun.
Zu den Srben schafft man es allerdings nur, wenn man einen
gültigen Ausweis vorweisen kann. Und dies konnte der Bordkoch – nennen wir ihn
René – nicht. Von Wien durch Ungarn, vorbei an vielen Központs, bis zur Grenze
Srbiens sind es 400km. Von Wien zur srbischen Grenze und zurück nach Wien zur
Botschaft, um sich einen neuen Pass machen zu lassen, und wieder hinunter zur
SRB-Grenze sind es dann total 1`200km. Kein Problem, am Abend hat der Koch, mit
frisch ausgestelltem rotem Pass an der Brust, wieder ein wunderbares Mahl mit
mitgebrachten Bio-Zutaten vom St.Galler
Bauernmarkt hingezaubert.
Nach SRB folgt MK. Das ist dort, wo Alexander der Grosse
nicht Alexander der Grosse genannt wird. Sondern Alexander von Mazedonien. Was
wiederum die Griechen auf die Palme bringt, leiten sie doch daraus einen
Anspruch Mazedoniens auf ihren nördlichen Landesteil ab. Was wiederum völlig
absurd ist, denn wie sollen die armen Mazedonier mit ihren Eselsfuhrwerken auf
Eroberung gehen? Aber patriotische Seelen sind empfindliche Seelen. Und
angereichert mit Stolz kann das vernünftige Denken arg beeinflusst werden. Vor
wie vielen tausend Jahren soll dieser Alex Krieger auf der Welt herumgejagt
haben? Und heute versucht man über ihn zu rechtfertigen, wem jetzt all die
streunenden Hunde und der herumliegende Abfall auf diesem Gebiet wirklich
zustehen soll. Oh Alex, komm nochmals zurück und erzähle ihnen, dass dein Heer
auf dem Weg nach Indien keine Abfallspur von Plastiksäcken, Bierdosen,
Fastfood-Packungen, kaputten Kühlschränken und Autos hinterlassen hat!
Jedenfalls habe ich es weniger mit den sogenannten Nationen,
sondern mehr mit den Klein- und Kleinstvölkern. Mit den Niederuzwilern, den
Lustenauern, den Oberschneidingern und allen Arten der Központeraner und Központeken.
Sie halten ihre Welt überblickbar.
Nach fünf Tagen ist Griechenland erreicht. Oder
Kriechenland, zu dem es in den letzten Jahren geworden ist. Hier leben sie, in
vielen Dörfern, nah beieinander, die stolzen Griechen und die jammernden
Kriechen.
Manchmal peilt man die heiligsten Ziele gerade als erste an:
Die erste Bleibe ist bei den Göttlichen hinten am Fusse des Olymp. Da dieser
jedoch oft in einem Verhängnis von Wolken eingehüllt ist, ist wohl auch für
dessen göttliche Bewohner Zurückgezogenheit angesagt. Nur harten Honig beissen.
Und auch kein Sex zwischen den rauhen, kalten Felsbrocken. Wir sehen jedenfalls
nichts von ihnen und hören auch kein Grollen der Erleichterung oder des Zorns
des alten Cholerikers Zeus. Wir geniessen die Wärme der Abendsonne und einmal
mehr die Wärme des Abendessens, das der göttliche Koch seinen Töpfen entlockt.
Die Nichtgöttlichen, die hier siedeln, heissen übrigens Kokinogiosen (oder
Kokinogioren?) und Kallitheasen (oder Kallitheater?).
Als nächstes wird am Meer Station gemacht, bei einem
Völklein, welches dieses grosse Wasser bescheiden mit „River“ benennt. Bei den Stomioten. Oberhalb
von Stomio, mit einem steilen und engen Strässchen erreichbar, thront die
Siedlung der Charmeure und Schmusbringer, nämlich der Karisäer. Wie weit sie
von der Wirtschaftkrise betroffen sind, kann ich nicht beurteilen, denn das
enge Strässchen ist so eng, dass es auf halber Strecke für den Wohnwagen kein
Durchkommen mehr gibt. Also rückwärts hinunter… Mit der Erkenntnis, dass die Gross-Karisierer
keine Voyeure empfangen wollen.
Ach, Blasius, wir fahren zum Heiligen Blasius. Nach Agios
Blasios. Weil sich dieses Dorf am Rand einer grossen Ebene befindet, haben die
hier Lebenden viel Platz. Um ausgediente Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen
grosszügig verstreut verrosten und verrotten zu lassen. Eben: die
unterschiedlichen Bräuche und Lebensweisen der verschiedenen Völker, von
Geschichte, Klima, Topographie über Jahre geprägt, sind es, die eine Reise
wirklich interessant machen. Die einen setzen Hunde aus, die in Rudeln durch
Strassen und Felder lümmeln und hinken, die andern Traktoren, die sich wie
müde, alte Löwen ins hohe Gras ducken und die Sonnenauf- und untergänge stoisch
über sich ergehen lassen. Am nächsten Tag regnet es. Adio Blasioten.
Die letzte Station vor der See-Etappe erweist sich als
völkerkundliche Überforderung. Die Piräaner sind innerhalb ihresgleichen sehr
unterschiedlich. Sie sind verschieden angezogen, teils modisch, teils zerlumpt,
sie wohnen unterschiedlich, in gepflegten Neubauten oder in zerfallenden
Schlupflöchern, sie ernähren sich verschieden, die einen von Fisch, andere von
Früchten, die einen von Cappuccinos in modernen Cafés, die andern setzen sich
im Hinterhof eine Spritze. Gemeinsam scheint ihnen die bewusste
Abfallentsorgung zu sein. Die stillgelegte Bahnlinie zum Hafen hinunter, in
einem Graben verlaufend, wird munter benutzt zur Entsorgung von jeglichem Müll.
Sofas und Kühlschränke zeugen von stillgelegtem Familienleben. Aufschüttung
nennen dies wohl die Stadtplaner in ihren Büros. Unten am Hafen gedenken sie vier Jahre zu früh einer ihrer Schlachten. Vor 2`500 Jahren müssen sie ausgezogen sein und den Salamis die Haut über die Ohren gezogen haben, die Piräaten.
Szenenwechsel: Abends um 10 Uhr sitzen wir im
A-la-carte-Restaurant der Fähre, der Kellner empfiehlt uns eine gute Flasche
Roten und wir züngeln an den Gruss-aus-der-Schiffsküche-Häppchen.