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Mittwoch, 15. November 2017

Rolling down







Ja, die vielen Völker! Die vielen Kleinvölker, durch die man sich arbeitet, wenn man auf den Weg geht.



Da sind die Uzwiler, die es als solche gar nicht gibt, denn in Wirklichkeit gibt es die Oberuzwiler und die Niederuzwiler. Etwas weiter in Au trifft man auf die Auer, von denen sich die Lusten-Auer klar abgrenzen. Später kommt man zu den Freisingern und den Freilassingern (Bayern ist da nur ein versimpelnder Überbegriff), vorbei an den Penzingern und Gräfelfingern, den Eresingern, Echingern und Erdingern, den Oberdingern und Urschallingern, den Kotgeiseringern, den Langengeislingern und Oberschneidingern, den Inningern, den Weisslingern, den Mosthenningern, den Walchsingern, den Langenpreisingern, sowie den Frauensattlingern. Gegen Ende dieser Etappe ist man dann bei den Plattlingern und fühlt sich auch entsprechend. Und irgendwo dazwischen war noch Tuntenhausen. Die Tuntendinger…
Entsprechend den gar nicht existierenden Uzwilern, die es nur verwaltungstechnisch gibt, in Wahrheit und im Fleisch gibt es Nieder- und Oberuzwiler, ahne ich, dass die Ortsbezeichnungen, die ich durchs Autofenster an mir vorbeigehen sehe, nur oberflächlich sind und den in Wirklichkeit existierenden Kleinvölkern nicht gerecht werden. Bestimmt gibt es keine Walchsinger, sondern Vorder- und Hinterwalchsinger, sowie entsprechend Ober- und Niederplattlinger, Ausser- und Innerinninger, Über- und Unterurschallinger, Frauen- und Hauptfrauensattleringer.
Hinzu kommt dann noch, wenn man die Benennung der zahllosen Völker noch differenzierter handhaben möchte, das sprachliche Gender-Problem: Die Innen. Also die Tuntenhauserinnen, die Gräfelfingerinnen, die Frauenneuhartingerinnen und natürlich – gendermässig korrekt, sprachlich etwas verwirrend – die Hauptfrauensattlerinnen und die Oberwichsingerinnen.
Was alles verpasst der tumbe Reisende, der sich in ein Flugzeug setzt und sich drei Stunden später nach einem Mikrowellen-Plastik-Menu über Sahelien oder über den Bordellen-Inseln direkt vor die Füsse der Niederträchtinger oder der schlitzäugigen Oberläppinnen abwerfen lässt! Nichts kriegt er unterwegs mit von den Menschen, von all den Kleinvölkern, die sich seit Ewigkeiten auf ihren paar Quadratkilometern mit Zwiebeln, Kartoffeln, Ziegenschnaps und Blechmünzen geduldig vorwärtsdarwinieren.
Nach Bayern kam Österreich, der nächste Vielvölkerstaat. Die Geschichte hat ihn zwar etwas zurechtgestutzt, aber die zurückgelegten 300km hatten`s völkisch gesehen in sich. Kurz vor der ungarischen Grenze der Höhepunkt: Maria Elend. Keine primitiven Frauensattler hier, sondern Maria-Jammerer. Wie nennen sie sich wohl genau? Einfach Maria Elender? Oder Maria Elendaner? Oder Maria Elendioten, entsprechend den Zyprioten?
Dann Ungarn. Die grösste Herausforderung die Namen betreffend. Für den wachen und interessierten Durchreisenden ist es wegen der hals- und zungenbrecherischen Sprache oft nicht möglich, zwischen Hinweisen wie „Ausfahrt“ oder „Vorsicht bei Glatteis“ und Ortstafeln zu unterscheiden. Wenn du dann mehrmals dem Schild „Központ“ begegnest, merkst du, dass es sich nicht um den Lebensmittelpunkt der Központer oder Központesen und auch nicht um den der Oberközer  oder der Hinterközpontaken handeln kann. Ob „Központ“  also „Cash-point“ oder „Stelle für aufwärtige Magenentleerung“ bedeutet? Das RollingSweetHome kommt vorbei an den Behausungen der Vertesszolosen (Ober-, Unter-, Klein- oder Grossvertesszolosen?), der Szekesfehervaren, der Szigetszentmiklopen, der Kiskunfelegyhasen und der Hodmezövasarhelyer. Kein Rauch, keine Checkpoints, keine Überfälle – scheinbar friedfertige Flachlandkleinvölker, die morgens um sieben in orangen Gummianzügen den Abfall auf den nahegelegenen Autobahnraststätten einsammeln. (Interessant übrigens, dass dieses Einsammeln von Abfall weiter südlich kaum mehr vorkommt, dafür vielmehr das Verbreiten und Verstreuen desselben.)
Serbien: Die Serben, bzw. die Srben, lieben Namen, die mit Sr, Pr, Vr oder Zr beginnen und auf –vac enden. So hat man es theoretisch mit den Srvacen, Prvacen, Vrvacen und Zrvacen zu tun.
Zu den Srben schafft man es allerdings nur, wenn man einen gültigen Ausweis vorweisen kann. Und dies konnte der Bordkoch – nennen wir ihn René – nicht. Von Wien durch Ungarn, vorbei an vielen Központs, bis zur Grenze Srbiens sind es 400km. Von Wien zur srbischen Grenze und zurück nach Wien zur Botschaft, um sich einen neuen Pass machen zu lassen, und wieder hinunter zur SRB-Grenze sind es dann total 1`200km. Kein Problem, am Abend hat der Koch, mit frisch ausgestelltem rotem Pass an der Brust, wieder ein wunderbares Mahl mit mitgebrachten Bio-Zutaten vom St.Galler  Bauernmarkt hingezaubert.
Nach SRB folgt MK. Das ist dort, wo Alexander der Grosse nicht Alexander der Grosse genannt wird. Sondern Alexander von Mazedonien. Was wiederum die Griechen auf die Palme bringt, leiten sie doch daraus einen Anspruch Mazedoniens auf ihren nördlichen Landesteil ab. Was wiederum völlig absurd ist, denn wie sollen die armen Mazedonier mit ihren Eselsfuhrwerken auf Eroberung gehen? Aber patriotische Seelen sind empfindliche Seelen. Und angereichert mit Stolz kann das vernünftige Denken arg beeinflusst werden. Vor wie vielen tausend Jahren soll dieser Alex Krieger auf der Welt herumgejagt haben? Und heute versucht man über ihn zu rechtfertigen, wem jetzt all die streunenden Hunde und der herumliegende Abfall auf diesem Gebiet wirklich zustehen soll. Oh Alex, komm nochmals zurück und erzähle ihnen, dass dein Heer auf dem Weg nach Indien keine Abfallspur von Plastiksäcken, Bierdosen, Fastfood-Packungen, kaputten Kühlschränken und Autos hinterlassen hat!
Jedenfalls habe ich es weniger mit den sogenannten Nationen, sondern mehr mit den Klein- und Kleinstvölkern. Mit den Niederuzwilern, den Lustenauern, den Oberschneidingern und allen Arten der Központeraner und Központeken. Sie halten ihre Welt überblickbar.  
Nach fünf Tagen ist Griechenland erreicht. Oder Kriechenland, zu dem es in den letzten Jahren geworden ist. Hier leben sie, in vielen Dörfern, nah beieinander, die stolzen Griechen und die jammernden Kriechen.
Manchmal peilt man die heiligsten Ziele gerade als erste an: Die erste Bleibe ist bei den Göttlichen hinten am Fusse des Olymp. Da dieser jedoch oft in einem Verhängnis von Wolken eingehüllt ist, ist wohl auch für dessen göttliche Bewohner Zurückgezogenheit angesagt. Nur harten Honig beissen. Und auch kein Sex zwischen den rauhen, kalten Felsbrocken. Wir sehen jedenfalls nichts von ihnen und hören auch kein Grollen der Erleichterung oder des Zorns des alten Cholerikers Zeus. Wir geniessen die Wärme der Abendsonne und einmal mehr die Wärme des Abendessens, das der göttliche Koch seinen Töpfen entlockt. Die Nichtgöttlichen, die hier siedeln, heissen übrigens Kokinogiosen (oder Kokinogioren?) und Kallitheasen (oder Kallitheater?).


Als nächstes wird am Meer Station gemacht, bei einem Völklein, welches dieses grosse Wasser bescheiden mit  „River“ benennt. Bei den Stomioten. Oberhalb von Stomio, mit einem steilen und engen Strässchen erreichbar, thront die Siedlung der Charmeure und Schmusbringer, nämlich der Karisäer. Wie weit sie von der Wirtschaftkrise betroffen sind, kann ich nicht beurteilen, denn das enge Strässchen ist so eng, dass es auf halber Strecke für den Wohnwagen kein Durchkommen mehr gibt. Also rückwärts hinunter… Mit der Erkenntnis, dass die Gross-Karisierer keine Voyeure empfangen wollen.



Ach, Blasius, wir fahren zum Heiligen Blasius. Nach Agios Blasios. Weil sich dieses Dorf am Rand einer grossen Ebene befindet, haben die hier Lebenden viel Platz. Um ausgediente Traktoren und Landwirtschaftsmaschinen grosszügig verstreut verrosten und verrotten zu lassen. Eben: die unterschiedlichen Bräuche und Lebensweisen der verschiedenen Völker, von Geschichte, Klima, Topographie über Jahre geprägt, sind es, die eine Reise wirklich interessant machen. Die einen setzen Hunde aus, die in Rudeln durch Strassen und Felder lümmeln und hinken, die andern Traktoren, die sich wie müde, alte Löwen ins hohe Gras ducken und die Sonnenauf- und untergänge stoisch über sich ergehen lassen. Am nächsten Tag regnet es. Adio Blasioten.


Die letzte Station vor der See-Etappe erweist sich als völkerkundliche Überforderung. Die Piräaner sind innerhalb ihresgleichen sehr unterschiedlich. Sie sind verschieden angezogen, teils modisch, teils zerlumpt, sie wohnen unterschiedlich, in gepflegten Neubauten oder in zerfallenden Schlupflöchern, sie ernähren sich verschieden, die einen von Fisch, andere von Früchten, die einen von Cappuccinos in modernen Cafés, die andern setzen sich im Hinterhof eine Spritze. Gemeinsam scheint ihnen die bewusste Abfallentsorgung zu sein. Die stillgelegte Bahnlinie zum Hafen hinunter, in einem Graben verlaufend, wird munter benutzt zur Entsorgung von jeglichem Müll. Sofas und Kühlschränke zeugen von stillgelegtem Familienleben. Aufschüttung nennen dies wohl die Stadtplaner in ihren Büros. Unten am Hafen gedenken sie vier Jahre zu früh einer ihrer Schlachten. Vor 2`500 Jahren müssen sie ausgezogen sein und den Salamis die Haut über die Ohren gezogen haben, die Piräaten.


Szenenwechsel: Abends um 10 Uhr sitzen wir im A-la-carte-Restaurant der Fähre, der Kellner empfiehlt uns eine gute Flasche Roten und wir züngeln an den Gruss-aus-der-Schiffsküche-Häppchen.