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Montag, 20. November 2017

Kretische Zeusigkeiten







Um sieben morgens empfangen uns die Irakliter. Mit Sonnenaufgang und einem warmen Lüftchen.



Wir fahren gleich an die Südküste zu den Ierapetern, bzw. ein bisschen weiter, den Plastik-Treibhäusern entlang (siehe Blog 2016), nach Mirtos. An schöne Orte kehrt man gerne zurück. Mirtos ist „normal“. Es gibt auch ein paar kleinere Hotels, Pensionen und „Rooms for rent“, aber es ist nicht verschandelt und in dieser Jahreszeit ruhig und beschaulich. Wenige gealterte und traumgestrandete Freiheitssuchende hängen herum, zahnlos, glasblickig oder alles lustig findend, vom Alkohol am Leben gehalten. Aber auch andere Flüchtige hat es hier, nicht-lallende, empfindsame, denkende, arbeitende, redende.
Kurz vor Mirtos „mein“ Platz von 2016. Voilà.



Zur nächsten Bleibe wird die Küste der Pitsidianer. Ein Mischvölklein von Ureinwohnern und alten (hageren, langbärtigen oder überfetteten, hässlichen) Freaks. Alkohol, im Mittel- oder Übermass, ist Standard. Plus die vorübergehend Sesshaften: Sozialpädagogen, Lehrer, Künstler und –Innen aus Schottland, Ami-Land, Norwegen, Österreich, Deutschland, Frankreich, Helvetien…
Der Platz des RollingSweetHome ist herrlich, das späte Novemberwetter ebenso.


Ganz in der Nähe liegt Matala, das ehemalige Hippie-Mekka (siehe Blog 2016). Seine Anziehungskraft liegt für mich darin, dass der Göttervater Zeus diesem Ort noch vor den Hippies einen Besuch abgestattet hat. „Göttervater“ bedeutet, dass er sich mehrfach, vielfach, x-fach zum Vater gemacht hat.
Nachfolgend mal, was die einschlägige Literatur über den Zeuger und Papi Zeus sagt. Doch ganz zuerst sei ein Satz vorangestellt, den ich über seine geistige Potenz gefunden habe:
„Zeus hat nicht nur Blitz und Donner in seiner Gewalt, sondern auch alles im Überblick.“
Verheiratet war Zeus mit seiner Schwester Hera, mit der er vier Kinder hatte. Aber er hatte auch viele Liebschaften. Daneben war er auch Vater vieler Nymphen, Halbgöttinnen und Sterblicher. Diese Liebschaften waren nie von Dauer, vor allem wegen Heras Eifersucht. Die Göttin Aphrodite soll auch eine Tochter von ihm gewesen sein, nach anderer Version soll sie jedoch aus dem Schaum entstanden sein, der sich um die abgeschnittenen Genitalien des Uranos im Meer gebildet hatte. Seine Lieblingstochter Athene, die Göttin der Weisheit, entsprang seinem Kopf, Dionysos, der Gott des Weines, seinem Schenkel.
Um Frauen zu verführen, nahm Zeus oft eine andere Gestalt an.
Hier eine Übersicht über die Frauen des Zeus, die Gestalten, in denen er sie verführte und die daraus hervorgegangenen Kinder (also Übersicht über Zeussens Überblick):

Partnerin
Zeus als
Kinder

Kuckuck
Feuer

die Zwillinge Amphion und Zethos



goldener Regen




Ameise










Schwan
die Dioskuren Kastor und Polydeukes
Schwan


Hirte

eine Nymphe

Schlange





die Palikoi


 ". . . sondern auch alles im Überblick." - Na ja, 70 Stück im göttlichen Überblick!
Echt sympathisch, teilweise, wie sich das Kerlchen die Weiber geschnappt hat.
Die Masche mit dem unschuldigen Hirtlein scheint sich sehr bewährt zu haben: ein Dutzend mal! Immer mit derselben. Oh Mnemosyne, hast auch du deine Kicks gehabt?
Oder das mitdem Ameislein! Hat`s gekitzelt, Eurymedusa?
Als Wölklein, wie sanft und flockig! Da hat die Io wohl schnell "io" gesagt.
Danaë, wie war es mit dem goldenen Regen? - Bei uns heute ist das ein Porno-Brünzelspiel.
Als Schlange - keine überzeugende Idee, Väterchen. Zu offensichtlich.
Der Stier, klar, der Stier. Als solcher ist er, gell Europa, mit dir in Matala an Land gegangen. Mir gefällt der Ausdruck "an Land gegangen" statt "gepoppt".
Weit ist er vorerst nicht an Land gegangen mit Europa. Das muss direkt am schönen Sandstrand von Matala geschehen sein, wo heute je nach Saison viele Touristen oder einige handverlesene Alt-Freaks herumpirschen.
Eine weitere gemeinschaftliche Zeugung der beiden, jene von klein Minos, ist 20km landeinwärts inszeniert worden. Hinter dem hässlichen Mires, einem langgezogenen Strassenort, wo jedes zweite Haus aussieht wie eine Autowerkstätte, hat der Stierige den Schatten unter einer Platane zum Ort der Vollstreckung bestimmt. Das muss ein Hingucker für die Miresen gewesen sein, wie der Stier, die Europa zwischen seinen Hörnern auf seiner harten Stirn tragend und sein wildes Gemächte zwischen den Hinterbeinen schwerfällig mitschleppend durch die schmutzige Hauptstrasse gezogen ist. Beim Ortsausgang, am Lidl vorbei, wo die letzte Pneu-Werkstatt steht, hat er dann die Strasse verlassen und die Europa unter der erwähnten Platane abgeladen. Und: die Platane gibt`s noch! „Platanus Orientalis“, von der Gattung her. „Immergrün“ soll sie sein. Ein an den Stamm genageltes Schild erinnert an den Koitus sub platano: „An dieser Stelle unter diesem Baum hat der Grosse Gott die Europa geliebt und den Minos gezeugt“.




Spuren des immergrünen Zeugers sind überall zu finden. Wie zum Beispiel diese, ausserhalb von Pitsidia:


Für die griechischen Nachkommen ist ja das Überleben heute kein Schleck. Sie sind gebeutelt von der Folge einer ihrer herausragenden Qualitäten: dem Lebensgenuss. Und dem Laisser-faire und dem Greifen in vorgestellte Schatullen. Und jetzt wurde ihnen die Rechnung präsentiert. Von der germanischen Göttin Angela und deren heulenden Sirenen. So heisst es auch für göttliche Nachkommen: Gürtel enger schnallen und sich etwas einfallen lassen. Eine Zeus-Tochter sieht sich gezwungen, zu vermieten. Zeus`s daughter rooms for rent. Weder schön gelegen noch geschmackvoll gebaut, auf einem schlechten Natursträsschen den Bewässerungsschläuchen entlang erreichbar, liegt ihr hingeschludertes Kleinod mit Swimming Pool. Der Papa kann oder will sie nicht mehr alimentieren – er hat wohl den Überblick doch verloren.