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Donnerstag, 28. Dezember 2017

Gemüüüse









Wie man (auch) zum Vegetarier werden kann



Auf meiner letzten England-Reise lernte ich: Zehn Minuten oder vielleicht auch zwei Stunden auf einem neuen Platz sein, dann kommt jemand und schickt dich fort. Freundlich aber bestimmt. Kreta ist anders: Zwei Stunden oder vielleicht  zwei Tage an einem Platz sein und jemand bringt dir Gemüse. Und Früchte. Freundlich und bestimmt. Man spürt Freude. Und Dankbarkeit. Die Folge: Am nächsten Tag wird die Lieferung verdreifacht. Man zeigt Freude. Und Dankbarkeit. Am folgenden Tag ist klar: Auf keinen Fall überflüssige Dinge einkaufen. Höchstens etwas Milch für den Morgenkaffee und ein Brot. Denn jetzt geht es darum, den Gemüseberg abzubauen. Ein ehrgeiziges Projekt.



Zur Zeit besteht mein Vorrat (inklusive dem mitgebrachten vom vordern Ort) aus: 6 handgranatengrossen Kartoffeln, 13 Auberginen, 9 grünen Peperonis, 8 roten Peperonis,21 Tomaten, 14 Orangen und 6 Zitronen = 77 Einheiten. Wenn ich die lieferfreien Tage durchschnittlich mit einrechne, muss ich täglich etwa 25 Einheiten verwerten. Allein – als Alleinunterhalter und Mich-Alleinerziehender. Täglich Gemüsetopf. Als Beilage höchstens eine Handvoll Reis. Als Zwischenverpflegung am Nachmittag gebratene Auberginen mit wenig Brot. Am Morgen ist eine Sünde erlaubt: 1 Schälchen Joghurt mit Honig. Ein Lammkotelett, das wär was, denke ich, wenn die Schafe um den Wohnwagen herum grasen. Aber das kann ich mir nicht erlauben. Pro Kotelett würden dann 3 Gemüse-Einheiten unverwertet bleiben.
Dabei begann alles so harmlos: Ich suche in Küstennähe (wegen des warmen Wetters) einen Platz auf einem Hügel mitten in Olivenbäumen. Bald kommt Antoni, der Besitzer des Landes. Kein Problem und „Yassu!“. Aber am nächsten Tag hätte ich aufmerksam werden müssen: Er kommt, wünscht einen guten Morgen, fragt, wie es geht und pflückt ein paar Kräuter für mich. Wilder Thymian und wilder Salbei. Ich mache uns einen Kaffee. Ob ich allein sei? Keine Frau?




Und heute, bei der bisher grössten Gemüse-Lieferung, hakt er nach und fragt, ob ich denn keine Frau wolle. In fliessendem Englisch zeigt er auf mich und sagt: „Woman?“. Er wüsste nämlich eine, und die sei nicht „megalo“ (heisst eigentlich „gross“), sondern „mikro“, jung, etwa 25. Gleichzeitig begutachten wir sein mitgebrachtes Gemüse, das er am Boden zu einem Haufen aufschichtet. Er schaue mal, ob er sie heute Abend oder morgen vorbeibringen kann. – Was heisst auf Griechisch: „Wenn sie Gemüse mag, ist es okay.“? Meine Angst, dass er aber auch dabei nicht Mass halten kann und gleich mehrere anschleppt, weicht schnell dem Gedanken „Gut für den Gemüseabbau“. Einen riesigen Topf voll werde ich zubereiten!
Mache ich mich lustig? Oder ist es nur die Situationskomik, die die Dinge kurzschliessen lässt? Antoni verhilft mir zu einer Antwort. Auf seiner Trainerhose steht, ziemlich klein, etwas drauf: „Keep it simple“. – Ich treffe, nicht nur in Kreta, immer wieder auf „simple people“. Auf Menschen, die nicht durch die mitteleuropäische Schule gegangen sind, die sich nicht täglich mit der Lektüre einer „seriösen“ Zeitung auf dem Laufenden halten und für deren Fenster zur Welt die shit-filterlose Parabolantenne steht. Ich freue mich jedesmal und immer wieder über die Herzlichkeit all dieser Menschen. Und wenn sie sagen: „Die Moslems sind alle schlecht.“? Und wenn sie sagen: „Die Immigranten haben hier nichts verloren.“? Und wenn sie sagen: „Ich bringe dir eine Frau. Sie ist jung, hat grosse Brüste, aber kein Geld.“? Es geht mir jetzt nicht darum, was und wie ich im konkreten Fall antworte, sondern darum, wie es wirkt und was es macht mit mir. Ich mag sie auch dann, diese Menschen. Simple ist eben nicht nur schön-simple. Einerseits: „Schau, wie lieb dir das arme Negerlein ein Geschenklein gibt!“ Und andererseits: „Hör auf damit, du Ignorant!“ Sie müssten dann zusammengehören, diese zwei Reaktionen, im Von-oben-herab-Blick, den ich nicht haben möchte. Das Empfinden von Situationskomik ist aber ein Mittel der Verarbeitung. Nicht das einzige, jedoch ein lustvolles.