Wie man (auch) zum Vegetarier werden kann
Auf meiner
letzten England-Reise lernte ich: Zehn Minuten oder vielleicht auch zwei
Stunden auf einem neuen Platz sein, dann kommt jemand und schickt dich fort.
Freundlich aber bestimmt. Kreta ist anders: Zwei Stunden oder vielleicht zwei Tage an einem Platz sein und jemand
bringt dir Gemüse. Und Früchte. Freundlich und bestimmt. Man spürt Freude. Und
Dankbarkeit. Die Folge: Am nächsten Tag wird die Lieferung verdreifacht. Man
zeigt Freude. Und Dankbarkeit. Am folgenden Tag ist klar: Auf keinen Fall
überflüssige Dinge einkaufen. Höchstens etwas Milch für den Morgenkaffee und
ein Brot. Denn jetzt geht es darum, den Gemüseberg abzubauen. Ein ehrgeiziges
Projekt.
Zur Zeit besteht mein Vorrat (inklusive dem mitgebrachten
vom vordern Ort) aus: 6 handgranatengrossen Kartoffeln, 13 Auberginen, 9 grünen
Peperonis, 8 roten Peperonis,21 Tomaten, 14 Orangen und 6 Zitronen = 77
Einheiten. Wenn ich die lieferfreien Tage durchschnittlich mit einrechne, muss
ich täglich etwa 25 Einheiten verwerten. Allein – als Alleinunterhalter und
Mich-Alleinerziehender. Täglich Gemüsetopf. Als Beilage höchstens eine Handvoll
Reis. Als Zwischenverpflegung am Nachmittag gebratene Auberginen mit wenig
Brot. Am Morgen ist eine Sünde erlaubt: 1 Schälchen Joghurt mit Honig. Ein
Lammkotelett, das wär was, denke ich, wenn die Schafe um den Wohnwagen herum
grasen. Aber das kann ich mir nicht erlauben. Pro Kotelett würden dann 3
Gemüse-Einheiten unverwertet bleiben.
Dabei begann alles so harmlos: Ich suche in Küstennähe
(wegen des warmen Wetters) einen Platz auf einem Hügel mitten in Olivenbäumen.
Bald kommt Antoni, der Besitzer des Landes. Kein Problem und „Yassu!“. Aber am
nächsten Tag hätte ich aufmerksam werden müssen: Er kommt, wünscht einen guten
Morgen, fragt, wie es geht und pflückt ein paar Kräuter für mich. Wilder
Thymian und wilder Salbei. Ich mache uns einen Kaffee. Ob ich allein sei? Keine
Frau?
Und heute, bei der bisher grössten Gemüse-Lieferung, hakt er
nach und fragt, ob ich denn keine Frau wolle. In fliessendem Englisch zeigt er
auf mich und sagt: „Woman?“. Er wüsste nämlich eine, und die sei nicht „megalo“
(heisst eigentlich „gross“), sondern „mikro“, jung, etwa 25. Gleichzeitig
begutachten wir sein mitgebrachtes Gemüse, das er am Boden zu einem Haufen
aufschichtet. Er schaue mal, ob er sie heute Abend oder morgen vorbeibringen
kann. – Was heisst auf Griechisch: „Wenn sie Gemüse mag, ist es okay.“? Meine
Angst, dass er aber auch dabei nicht Mass halten kann und gleich mehrere
anschleppt, weicht schnell dem Gedanken „Gut für den Gemüseabbau“. Einen
riesigen Topf voll werde ich zubereiten!
Mache ich mich lustig? Oder ist es nur die Situationskomik,
die die Dinge kurzschliessen lässt? Antoni verhilft mir zu einer Antwort. Auf
seiner Trainerhose steht, ziemlich klein, etwas drauf: „Keep it simple“. – Ich
treffe, nicht nur in Kreta, immer wieder auf „simple people“. Auf Menschen, die
nicht durch die mitteleuropäische Schule gegangen sind, die sich nicht täglich mit
der Lektüre einer „seriösen“ Zeitung auf dem Laufenden halten und für deren
Fenster zur Welt die shit-filterlose Parabolantenne steht. Ich freue mich
jedesmal und immer wieder über die Herzlichkeit all dieser Menschen. Und wenn
sie sagen: „Die Moslems sind alle schlecht.“? Und wenn sie sagen: „Die
Immigranten haben hier nichts verloren.“? Und wenn sie sagen: „Ich bringe dir
eine Frau. Sie ist jung, hat grosse Brüste, aber kein Geld.“? Es geht mir jetzt
nicht darum, was und wie ich im konkreten Fall antworte, sondern darum, wie es
wirkt und was es macht mit mir. Ich mag sie auch dann, diese Menschen. Simple ist
eben nicht nur schön-simple. Einerseits: „Schau, wie lieb dir das arme
Negerlein ein Geschenklein gibt!“ Und andererseits: „Hör auf damit, du Ignorant!“
Sie müssten dann zusammengehören, diese zwei Reaktionen, im
Von-oben-herab-Blick, den ich nicht haben möchte. Das Empfinden von
Situationskomik ist aber ein Mittel der Verarbeitung. Nicht das einzige, jedoch
ein lustvolles.