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Sonntag, 7. Januar 2018

Bei den Klimaten









Einfach warten – und es kommt.




Nein, nicht das Gemüse meine ich. Auch nicht die in alte Petflaschen frisch eingelegten Oliven (mit denen bin ich für drei Jahre eingedeckt). Aber etwas.
„Was machst du denn dort den ganzen Tag?“, werde ich in der Schweiz manchmal gefragt. Präziser: „Aber was machst du denn dort den ganzen Tag?“ „Ich habe immer etwas zu tun. Geschirr spülen, die Batterien laden, Kaffee trinken, einkaufen gehen, Wasser holen, lesen, oder schreiben. Aber (!) meistens langweile ich mich“.
Den Genuss, das Geniessen-können der langen Weile muss man trainieren. Nicht täglich, aber oft. Wie die Faulheit oder zumindest die Bequemlichkeit. Und die Langsamkeit. Diese im richtigen Europa unterdrückten Eigenschaften muss man konsequent wiederbeleben. („Du hast da ein Thema. Ich denke, du solltest das mal angehen.“)
Übung 1 (für Anfänger): Du fährst durch ein enges Dorf. Vor dem kleinen Laden steht ein Auto und versperrt die Durchfahrt. (Etwas weiter vorne wäre zwar Platz zum Parkieren.) Warte einfach, schau ein bisschen herum. In ein paar Minuten kommt der Fahrer mit seinem kleinen Einkauf, lässt sich nichts anmerken (was denn auch?) und fährt weiter.
Übung 2 (für Fortgeschrittene): Du fährst durch ein enges Dorf. Vor einem kleinen Laden hältst du an. (Obwohl weiter vorne Platz zum Parkieren wäre.) Mach deinen kleinen Einkauf, dann komm heraus, schaue nicht hinter deinen Wagen (wozu denn auch?) und fahre weiter.
Bei beiden Übungen empfiehlt es sich, sie nicht gleich im richtigen Europa zu machen. Vielleicht erstmal in Kreta. Und eher mit einem Auto, das im richtigen Europa nicht mehr zugelassen würde.
Nach einiger im Olivenhain verbrachter Zeit kann das Bedürfnis nach einer Abwechslung aufkommen. Das inzwischen Vertraute ist zwar immer noch schön. Der Stein, über den ich immer wieder stolpere, der grosse Ast, der erst kürzlich vom alten Baum abgebrochen sein muss, der Scheissplatz, bei dem ich weiss, wie ich genau hinstehen soll, der andere Baum, der die Morgensonne noch eine Stunde hinhält, und die Räder des Wohnwagens, die sich langsam in den Klee hineinarbeiten. Eben: schön, ruhig, vertraut, wohlig, warm. Oder auch mal kühler jetzt, Anfang Januar, und auch mal Regen. „I need a kick!“, rufe ich über die gelben Kleeblüten zum Wasserturm hinauf. „Wenn du bereit bist, kommt er“, schweigt er herunter, „aber nur, wenn es dir ohne ihn auch gut geht.“ (Wird man unweigerlich zum Philosophen, wenn man ein Leben lang vom selben Punkt aus herabschauen muss?)
Von meinem Standort aus geht der Blick auf die eine Seite über die Messara-Ebene hinweg zum Ida-Gebirge, das in den letzten Tagen einen Schneeüberzug erhalten hat. An dessen Abhängen kann ich ein paar Dörfer erkennen.


Dort erwartet es mich, eines dieser Dörfer. Klima, das Dorf der Klimaten und der Klima-Macher. Es ist keine Wetterstation, man erforscht nicht das Wetter – man stellt es her. Von unten her kommt man heran. Der mächtige Bau der Klimastation thront unübersehbar in der Mitte des Dorfes. In Kontakt mit den hohen Bergen (sie sollen jetzt den Schnee aufnehmen, den Wasservorrat für den trockenen Sommer) und in Kontakt mit der Ebene darunter, wo die Oliven geerntet werden und die Orangen und Mandarinen auf die letzte Reife warten.



Sonst ist nichts mächtig im Dorf, und es herrscht eine geheimnisvolle Stille. Nur wenige Menschen zeigen sich kurz um gleich wieder in einem Nebengebäude zu verschwinden. Nicht mal ein Kafeneion hat es. Die Stille ist auch Verschwiegenheit. Die Aufgabe der Klimaten ist eine delikate. Ich kann ungehindert im Dorf herumgehen und Photos von Geräten machen, deren Sinn und Funktion ich nicht verstehe.








Gerade wird auf einem Platz eine Anlage repariert oder ersetzt.



Der Zutritt zum Hauptgebäude bleibt mir jedoch verwehrt. Und damit auch Antworten auf Fragen wie „Nach welchen Grundsätzen wird entschieden?“ oder „Wer bestimmt?“, sowie natürlich „Ist es wirklich möglich, das Klima nicht nur zu beeinflussen, sondern tatsächlich zu machen?“ und, wenn ja, „für welche Reichweite?“. Dann denkt man unweigerlich an die ethische und politische Dimension. Es geht um Macht – über Himmel und Erde. Ist das Gerangel der Weltmächtigen um das Öl im Vergleich dazu nur eine kleine Nummer?
Kurz nach dem Verlassen des Ortes halte ich nochmals an um zurückzuschauen. Es ist ein herrlicher Blick, der sich mir bietet. –  Ist er trügerisch?