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Sonntag, 10. Dezember 2017

Hellenische Anarchäologie






„Archaeological Site“ – „Archaeological Area“  – überall    



Man wird verwöhnt damit im Kretenland. Nebst den ganz grossen und bekannten wie Knossos oder Phaestos hat jedes Büchtli und Strändli, jeder Hügel und jedes Tal einen Zaun mit dem Schild „Archaeological Site“, „Minoan Palace“ oder „Hellenic Settlement“ zu bieten. Teil der kretischen Kultur. Mir gefallen vor allem die „Hellenic Settlements“ neuerer Prägung. Sie sind Kult.
Während die Frankenreicher aus ihrem günstigen Klima das gute Essen und die hohe Weinkultur entwickelt haben und die Schweizler aus ihren Bergüberlebensgegenden die höchste Sicherheit und Perfektion, haben die Kretler ihre Fähigkeiten zur Produktion von Archäologie laufend verbessert und den neuen Zeiten angepasst. Was dem Gast aus der Fremde zuerst als unfertige Häuser vorkommen kann, ist jedoch Neu-Archäologie. Teilweise sind es imposante, mehrstöckige Skelette, aus denen Armierungseisen herausragen, welche die Betonsäulen bereits mit Rost zu überziehen beginnen. Dekoriert rundherum mit Bauresten und Schutt. Alles echt. Bis zum im Boden einzuwachsen beginnenden Bagger. Die Entstehung archäologischer Funde kann zeitnah und vor Ort verfolgt werden. Kein jahrtausendlanges Warten, kein Ausgraben nötig. Archäologie live!




Dass diese grosse Anzahl solcher Projekte nicht ohne Staat möglich ist, versteht sich. Der Staat regelt die Bau- und Stopp-Bau-Phasen mit einem ausgeklügelten und sich stets ändernden System des Einziehens oder Nicht-Einziehens von Steuern. Sehr gute Projekte können auch mal von Barauszahlungen eines Staatsdieners an den Bauherrn gestoppt werden, damit sicher nichts zu Gutes entsteht. Das liesse sich ja dann schlecht als archäologische Überreste vermarkten. Die Banken, der zweite Arm des Staates, haben ihrerseits das Gespür, wann ein Bau soweit ist, um ihm weitere Kredite zu verweigern und die bisherigen zurückzufordern, was dann dazu führt, dass die Bank zur Eigentümerin eines neuen, unbezahlbaren archäologischen Grundstücks wird, denn ein Abreissen und Neuaufbauen kann sich erstens niemand leisten, und zweitens wäre dies ja eine kulturhistorische Ignoranz sondergleichen. Wer baggert den Touristen schon die minoischen Mäuerchen weg! Da dann aber die Bank etwas Wertvolles besitzt, das buchhalterisch keinen Wert hat, ist wieder der Staat gefragt, dem Land zu dienen. Vielleicht auch ein anderer Staat. Jedenfalls soll die Produktion archäologischer Güter schwarze und nicht rote Zahlen schreiben.  Jetzt wird es zu kompliziert und herausfordernd für mein Verständnis. Was sich mit dem Preiszerfall von Orangen, die zu pflücken es sich nicht mehr lohnt oder mit dem Importieren von Olivenöl aus Portugal ins Lot bringen lässt, kann ich ohne Bürotisch vor mir nicht verstehen. Was ich als einfacher Mensch (und als Schweizler) verstehen kann, ist die Wichtigkeit des Sparens. Auch mit solchen Massnahmen leistet der Staat hier fast Unmögliches. In der Amtsstube von Finanzakis habe ich Einblick erhalten in die tägliche Arbeit der Finanzanarchäologen:  


Und immer – ich bin noch beim Thema – gilt der Einsatz der Förderung der Neoarchäologie. Archäologische Funde sind ja nicht nur Steine und Mäuerchen, sondern auch Werkzeuge und Gegenstände, die uns Einblick geben in das Leben von Menschen. Will man also das Leben vieler heutiger Menschen schnellbrüterisch archäologisieren, kommt man nicht um das Werkzeug und Kulturgut Auto herum. Für dessen Konservierung wird vom Staat mit dem einfachsten finanziellen Mittel gesorgt, nämlich mit dem des Sparens. Weder Einnahmen, noch Ausgaben. Das geht so: Jemand will seine alte Büchse aus dem Verkehr ziehen und geht zum zuständigen Autowrakos-Amt. Der Beamte dort ist so, wie man sich Beamte wünscht, nämlich mitdenkend und mitfühlend. Er erklärt, wie zahlreich die Formulare und wie hoch die Gebühren dafür sind. Oder wären. Und fragt Herrn Kretos: „Können Sie denn Ihren Nissan nicht in einem Olivenhain parkieren? Oder einfach vor Ihrem Haus verwesen lassen? – Sie kostet es nichts, und unser Land hat eine weitere archaeological site!“



Criti ist wunderschön im Dezember! Der Palmenstrand ist voller Palmen, und dahinter wachsen die Weintrauben. Alte Männer flicken ihre Winterschuhe bei 25° unter rosaroten Blüten, derweil die Frauen die Weihnachtsdekorationen vor der Sonne schützen. Die Todesschluchten sind friedlich zwischen riesige Felswände gebettet, und ein Wegweiser darin wegweist zum nächsten Strand. Die Tavernen erholen sich in der Tawärme von der Hitze des Sommergeschäfts, und der Himmel entschuldigt sich mit einem Regenbogen für zwei Stunden Nässe. Die Bäckerei-Verkäuferinnen sind herzlich und schenken auch mal ein Biscuit obendrauf. Der günstige Petflaschenwein ist süffig – wenn ich nur mehr Lust auf Raki hätte.