„Archaeological Site“ – „Archaeological Area“ – überall
Man wird verwöhnt damit im Kretenland. Nebst
den ganz grossen und bekannten wie Knossos oder Phaestos hat jedes Büchtli und
Strändli, jeder Hügel und jedes Tal einen Zaun mit dem Schild „Archaeological Site“,
„Minoan Palace“ oder „Hellenic Settlement“ zu bieten. Teil der kretischen
Kultur. Mir gefallen vor allem die „Hellenic Settlements“ neuerer Prägung. Sie
sind Kult.
Während die Frankenreicher aus ihrem günstigen Klima das
gute Essen und die hohe Weinkultur entwickelt haben und die Schweizler aus
ihren Bergüberlebensgegenden die höchste Sicherheit und Perfektion, haben die
Kretler ihre Fähigkeiten zur Produktion von Archäologie laufend verbessert und
den neuen Zeiten angepasst. Was dem Gast aus der Fremde zuerst als unfertige
Häuser vorkommen kann, ist jedoch Neu-Archäologie. Teilweise sind es imposante,
mehrstöckige Skelette, aus denen Armierungseisen herausragen, welche die
Betonsäulen bereits mit Rost zu überziehen beginnen. Dekoriert rundherum mit
Bauresten und Schutt. Alles echt. Bis zum im Boden einzuwachsen beginnenden
Bagger. Die Entstehung archäologischer Funde kann zeitnah und vor Ort verfolgt
werden. Kein jahrtausendlanges Warten, kein Ausgraben nötig. Archäologie live!
Dass diese grosse Anzahl solcher Projekte nicht ohne Staat
möglich ist, versteht sich. Der Staat regelt die Bau- und Stopp-Bau-Phasen mit
einem ausgeklügelten und sich stets ändernden System des Einziehens oder Nicht-Einziehens
von Steuern. Sehr gute Projekte können auch mal von Barauszahlungen eines
Staatsdieners an den Bauherrn gestoppt werden, damit sicher nichts zu Gutes
entsteht. Das liesse sich ja dann schlecht als archäologische Überreste
vermarkten. Die Banken, der zweite Arm des Staates, haben ihrerseits das
Gespür, wann ein Bau soweit ist, um ihm weitere Kredite zu verweigern und die
bisherigen zurückzufordern, was dann dazu führt, dass die Bank zur Eigentümerin
eines neuen, unbezahlbaren archäologischen Grundstücks wird, denn ein Abreissen
und Neuaufbauen kann sich erstens niemand leisten, und zweitens wäre dies ja
eine kulturhistorische Ignoranz sondergleichen. Wer baggert den Touristen schon
die minoischen Mäuerchen weg! Da dann aber die Bank etwas Wertvolles besitzt,
das buchhalterisch keinen Wert hat, ist wieder der Staat gefragt, dem Land zu
dienen. Vielleicht auch ein anderer Staat. Jedenfalls soll die Produktion
archäologischer Güter schwarze und nicht rote Zahlen schreiben. Jetzt wird es zu kompliziert und
herausfordernd für mein Verständnis. Was sich mit dem Preiszerfall von Orangen,
die zu pflücken es sich nicht mehr lohnt oder mit dem Importieren von Olivenöl
aus Portugal ins Lot bringen lässt, kann ich ohne Bürotisch vor mir nicht
verstehen. Was ich als einfacher Mensch (und als Schweizler) verstehen kann,
ist die Wichtigkeit des Sparens. Auch mit solchen Massnahmen leistet der Staat
hier fast Unmögliches. In der Amtsstube von Finanzakis habe ich Einblick
erhalten in die tägliche Arbeit der Finanzanarchäologen:
Und immer – ich bin noch beim Thema – gilt der Einsatz der
Förderung der Neoarchäologie. Archäologische Funde sind ja nicht nur Steine und
Mäuerchen, sondern auch Werkzeuge und Gegenstände, die uns Einblick geben in
das Leben von Menschen. Will man also das Leben vieler heutiger Menschen
schnellbrüterisch archäologisieren, kommt man nicht um das Werkzeug und
Kulturgut Auto herum. Für dessen Konservierung wird vom Staat mit dem
einfachsten finanziellen Mittel gesorgt, nämlich mit dem des Sparens. Weder
Einnahmen, noch Ausgaben. Das geht so: Jemand will seine alte Büchse aus dem
Verkehr ziehen und geht zum zuständigen Autowrakos-Amt. Der Beamte dort ist so,
wie man sich Beamte wünscht, nämlich mitdenkend und mitfühlend. Er erklärt, wie
zahlreich die Formulare und wie hoch die Gebühren dafür sind. Oder wären. Und
fragt Herrn Kretos: „Können Sie denn Ihren Nissan nicht in einem Olivenhain
parkieren? Oder einfach vor Ihrem Haus verwesen lassen? – Sie kostet es nichts,
und unser Land hat eine weitere archaeological site!“
Criti ist wunderschön im Dezember! Der Palmenstrand ist
voller Palmen, und dahinter wachsen die Weintrauben. Alte Männer flicken ihre
Winterschuhe bei 25° unter rosaroten Blüten, derweil die Frauen die
Weihnachtsdekorationen vor der Sonne schützen. Die Todesschluchten sind friedlich
zwischen riesige Felswände gebettet, und ein Wegweiser darin wegweist zum nächsten
Strand. Die Tavernen erholen sich in der Tawärme von der Hitze des
Sommergeschäfts, und der Himmel entschuldigt sich mit einem Regenbogen für zwei
Stunden Nässe. Die Bäckerei-Verkäuferinnen sind herzlich und schenken auch mal
ein Biscuit obendrauf. Der günstige Petflaschenwein ist süffig – wenn ich nur
mehr Lust auf Raki hätte.