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Sonntag, 3. Dezember 2017

Vom Meer in die Berge







Skinaria Beach heisst auf der 50`000-er Karte das nächste Ziel. Durch die imposante Kourtaliotiko-Schlucht gelangt man nach Lefkogia.




Als dort der Besitzer des im schmalen Strässchen parkierten Pick-ups ausfindig gemacht ist und sein Auto weggestellt hat, kann das RollingSweetHome die letzten 3km zur kleinen Bucht hinunterkurven. In der Abendsonne erinnert die grüne Küste an England oder Irland.




Am folgenden Morgen ist aber klar: Es ist Kreta. Dies auch, weil der junge Bauer mit der lockigen Mähne und den Army-Hosen, der auf seinem knatternden Moped vorbeischaut, nichts gegen den rolling sweet Gast hat, sondern einen schönen Aufenthalt wünscht. Ja, es fällt auf, wie viele Männer aussehen wie Freaks oder Zeus. Und: Es fällt auf, wie man immer und überall willkommen ist. Wie schaffen die das, die Kretanier? Die haben eine strenge Tourismus-Saison hinter sich und befinden sich eh in einer strengen Zeit, aber sie sind – alle und überall und immer – herzlich und offen. Ein spezielles Gen? (Sobald ich ein unfreundliches und abweisendes Exemplar finde, werde ich ihm ein Kapitel widmen.)
Also: Die Bucht in der Morgensonne und die Bucht (nach dem zweiten Regentag des ganzen Novembers) im Abendlicht:




Wenn man schwärmt für etwas oder für jemanden, wird man schnell unkritisch. Trifft auf mich die Kretonen betreffend zu. Ich finde sogar super, wie sie scheissen. Da findet sich an einem verlassenen Strand dieses Täfelchen:


Oder in Rethimnon, auf der 24-Stunden-Visite, wo in einem noch offenen Lokal non-stop Doors, Pink Floyd und Creedence Clearwater Revival laufen, sehen die Männchen- und Weibchen-Schilder an den WC-Türen so aus:




Dann geht`s ab in die Berge. Der blaue Himmel am 1. Dezember lädt dazu ein.
Hinauf auf die Lasithi-Hochebene. Dorthin, wo keine Olivenbäume mehr stehen, wo dafür Kartoffeln und Kohl angebaut werden. Die Lasithi-Ebene ist rund. Weil sie rundum von Bergen eingekreist ist. Sie ist für Ausflugsreisebusse von Norden her auf zwei  gut ausgebauten Strassen erreichbar. Ein Erlebnis ist aber die Strasse von Süden her. Auf dieser Strecke würde der Reisebus schon im zweiten Dorf vor dem eigentlichen Anstieg mehr als seine gfürchigen abwärtsgehörnten Aussenspiegel opfern müssen. Er würde zwar anschliessend ein gutes Stück des Aufstiegs der mit EU-Geldern verbesserten Bergstrasse bewältigen können, aber die Serpentinen, die dann auf der andern Seite mit herrlicher Aussicht hinunter in die Ebene führen, würden die frohgemute Reisegesellschaft fortan zu einem unumkehrlichen Leben in der kargen Bergwildnis zwingen. „Kreta o muerte!“
Die Bilder der Reihe nach – das Ausgangsdorf, der blumengeschmückte Wegweiser im zweiten Dorf, ein paar Landschafts- und andere Eindrücke:






Und tatsächlich! Auf der Höhe zwischen den kargen Berggipfeln, wo einen der starke, kalte Wind beim Gehen wie ein Besoffener aussehen lässt, wo keine Schafe oder Ziegen mehr freiwillig hinkommen, wo sich die Vegetation nur noch auf ihre rare, widerspenstige sado-maso Variante beschränkt, mache ich eine erschütternde Entdeckung, für welche ich nur eine Erklärung finde. Irgendwann muss es eine Reisegruppe bis hier geschafft haben, aber im Nebel und in der Kälte an der schmalen, steilen und abbröckelnden Strasse gescheitert sein. Der Überlebenswille liess sie ein Biwak bauen aus dem, was sich finden liess. Was sich aber eben nicht finden liess, war etwas zu essen, auch kein Lämmchen, kein deutsches Bier, geschweige denn ein reichlich überladenes Buffet, wie sie es sich von unten vom Creta Resort gewohnt waren. Kein Meer, kein Swimming Pool, kein Hallenbad, kein eucalyptisiertes Wellness- Gesprudel mehr. Nur noch drei Badewannen aus uralter Zeit. (Der Gast von Zimmer 214 nimmt gerade ein Eselsmistregenbad.) Nein, lustig ist oder war das nicht – da stehst du da mit der Digi-Kamera, die du kaum stillhalten kannst im rüttelnden Wind und machst das, was die Ohnmacht oder die Dummheit dir vorgibt, nämlich hinschauen und abdrücken.
Die Bilder:





Wer die Überquerung schafft, dem bietet sich am Ende ein wunderbarer Blick hinunter auf die Hochebene. Er sieht die Dörfer, die sich wie die Ziffern auf der Uhr rundherum am Rand verteilen. Später wird er mit dem Auto oder dem Velo den Weg des Uhrzeigers gehen, von Dorf zu Dorf, oder mal auf einem geraden Weg quer durch die Gemüsefelder fahren.  Wie muss das früher ausgesehen haben, als die Hunderte von Windrädern zum Wasserpumpen noch funktionierten! Auf Reichtum trifft man nicht, aber auf ein gschaffiges Völklein, das am Abend in der Taverne seine mitgebrachten Kartoffeln im Feuer des Ofens brätelt. 










Ausser dem Freundlichkeits-Gen sitzt in den Kretioten auch ein minoisches. All die Überreste von Grundmäuerchen (sichtbaren oder durch ein Hinweisschild behaupteten) zeugen von der minoischen Vergangenheit. Von Palästen natürlich, nicht von Einzimmer-Studios minoischer Singles.
Von Padre Padrone Zeus gibt es hier natürlich auch eine dicke Spur. Bzw. von Baby Zeus, das in einer Höhle beim Dorf Psichro grossgezogen worden sei (siehe dazu Blog 2016).Eine andere, nicht bestätigte Spur  vermute ich auf einer Anhöhe am Rand der Lasithi-Ebene. Hier muss ER einst mit seinem Feuerwagen gelandet sein. Warum es Zeus und sein Gefährt war, liest sich aus dem unübersehbaren und unmissverständlichen Zeichen „Evergreen“. Ja, die Evergreen Platane, unter welche der Everhorny an Land gegangen ist. Zeus!
Die Bilder:



Zurück zum minoischen Erbgut: Das minoische Grundmäuerchen-Bauen und dann meinen, dies sei ein Palast, das scheinen die Tzermiaden von Tzermiado auch drauf zu haben. Im Ort weist ein Schild zur auf Englisch geschriebenen Town Hall. Was man aber dort vorfindet, sind, neben einem grossen, leeren, asphaltierten Parkplatz, Betonmäuerchen. Und kleine, ganze oder halbe, Brücken, die diese verbinden. Und dürres Unkraut. Ein Gegenwarts-Archäologe und Heute-Historiker könnte, wenn man ihn denn auf eine hohe Bockleiter setzen würde, den Grundriss im Überblick sauber interpretieren und uns jeden Raum und dessen Funktion der ganzen Town Hall genau erklären – Garderobe, Sitzungszimmer, Cafeteria, Ausstellungsraum, Besenkammer usw.
PS: Bei der Zufahrt steht eine grosse Tafel, wie sie bei grossen Baustellen zur Information über das entstehende Bauprojekt hingestellt werden. Leider alles auf Griechisch. Was ich als Einziges verstehe, sind die griechische Flagge und die der Europäischen Union. Zur weiteren Interpretation brauche ich keine Bockleiter.






Zum Schluss: Die Lasithi-Ebene hat ein kleines Schwesterchen. Das Nisimos-Plateau. Zwei Kilometer entfernt, etwas höher gelegen. Man muss es finden, zufällig. Und sich dann freuen.