Skinaria Beach heisst auf der 50`000-er Karte das nächste
Ziel. Durch die imposante Kourtaliotiko-Schlucht gelangt man nach Lefkogia.
Als
dort der Besitzer des im schmalen Strässchen parkierten Pick-ups ausfindig
gemacht ist und sein Auto weggestellt hat, kann das RollingSweetHome die
letzten 3km zur kleinen Bucht hinunterkurven. In der Abendsonne erinnert die
grüne Küste an England oder Irland.
Am folgenden Morgen ist aber klar: Es ist Kreta. Dies auch,
weil der junge Bauer mit der lockigen Mähne und den Army-Hosen, der auf seinem
knatternden Moped vorbeischaut, nichts gegen den rolling sweet Gast hat,
sondern einen schönen Aufenthalt wünscht. Ja, es fällt auf, wie viele Männer
aussehen wie Freaks oder Zeus. Und: Es fällt auf, wie man immer und überall
willkommen ist. Wie schaffen die das, die Kretanier? Die haben eine strenge
Tourismus-Saison hinter sich und befinden sich eh in einer strengen Zeit, aber
sie sind – alle und überall und immer – herzlich und offen. Ein spezielles Gen?
(Sobald ich ein unfreundliches und abweisendes Exemplar finde, werde ich ihm
ein Kapitel widmen.)
Also: Die Bucht in der Morgensonne und die Bucht (nach dem
zweiten Regentag des ganzen Novembers) im Abendlicht:
Wenn man schwärmt für etwas oder für jemanden, wird man
schnell unkritisch. Trifft auf mich die Kretonen betreffend zu. Ich finde sogar
super, wie sie scheissen. Da findet sich an einem verlassenen Strand dieses
Täfelchen:
Oder in Rethimnon, auf der 24-Stunden-Visite, wo in einem
noch offenen Lokal non-stop Doors, Pink Floyd und Creedence Clearwater Revival
laufen, sehen die Männchen- und Weibchen-Schilder an den WC-Türen so aus:
Dann geht`s ab in die Berge. Der blaue Himmel am 1. Dezember
lädt dazu ein.
Hinauf auf die Lasithi-Hochebene. Dorthin, wo keine
Olivenbäume mehr stehen, wo dafür Kartoffeln und Kohl angebaut werden. Die Lasithi-Ebene
ist rund. Weil sie rundum von Bergen eingekreist ist. Sie ist für
Ausflugsreisebusse von Norden her auf zwei gut ausgebauten Strassen erreichbar. Ein
Erlebnis ist aber die Strasse von Süden her. Auf dieser Strecke würde der
Reisebus schon im zweiten Dorf vor dem eigentlichen Anstieg mehr als seine
gfürchigen abwärtsgehörnten Aussenspiegel opfern müssen. Er würde zwar
anschliessend ein gutes Stück des Aufstiegs der mit EU-Geldern verbesserten
Bergstrasse bewältigen können, aber die Serpentinen, die dann auf der andern
Seite mit herrlicher Aussicht hinunter in die Ebene führen, würden die frohgemute
Reisegesellschaft fortan zu einem unumkehrlichen Leben in der kargen
Bergwildnis zwingen. „Kreta o muerte!“
Die Bilder der Reihe nach – das Ausgangsdorf, der
blumengeschmückte Wegweiser im zweiten Dorf, ein paar Landschafts- und andere
Eindrücke:
Und tatsächlich! Auf der Höhe zwischen den kargen
Berggipfeln, wo einen der starke, kalte Wind beim Gehen wie ein Besoffener
aussehen lässt, wo keine Schafe oder Ziegen mehr freiwillig hinkommen, wo sich
die Vegetation nur noch auf ihre rare, widerspenstige sado-maso Variante
beschränkt, mache ich eine erschütternde Entdeckung, für welche ich nur eine
Erklärung finde. Irgendwann muss es eine Reisegruppe bis hier geschafft haben,
aber im Nebel und in der Kälte an der schmalen, steilen und abbröckelnden
Strasse gescheitert sein. Der Überlebenswille liess sie ein Biwak bauen aus
dem, was sich finden liess. Was sich aber eben nicht finden liess, war etwas zu
essen, auch kein Lämmchen, kein deutsches Bier, geschweige denn ein reichlich
überladenes Buffet, wie sie es sich von unten vom Creta Resort gewohnt waren.
Kein Meer, kein Swimming Pool, kein Hallenbad, kein eucalyptisiertes Wellness-
Gesprudel mehr. Nur noch drei Badewannen aus uralter Zeit. (Der Gast von Zimmer
214 nimmt gerade ein Eselsmistregenbad.) Nein, lustig ist oder war das nicht –
da stehst du da mit der Digi-Kamera, die du kaum stillhalten kannst im
rüttelnden Wind und machst das, was die Ohnmacht oder die Dummheit dir vorgibt,
nämlich hinschauen und abdrücken.
Die Bilder:
Wer die Überquerung
schafft, dem bietet sich am Ende ein wunderbarer Blick hinunter auf die
Hochebene. Er sieht die Dörfer, die sich wie die Ziffern auf der Uhr rundherum
am Rand verteilen. Später wird er mit dem Auto oder dem Velo den Weg des
Uhrzeigers gehen, von Dorf zu Dorf, oder mal auf einem geraden Weg quer durch
die Gemüsefelder fahren. Wie muss das
früher ausgesehen haben, als die Hunderte von Windrädern zum Wasserpumpen noch
funktionierten! Auf Reichtum trifft man nicht, aber auf ein gschaffiges
Völklein, das am Abend in der Taverne seine mitgebrachten Kartoffeln im Feuer
des Ofens brätelt.
Ausser dem Freundlichkeits-Gen sitzt in den Kretioten auch
ein minoisches. All die Überreste von Grundmäuerchen (sichtbaren oder durch ein
Hinweisschild behaupteten) zeugen von der minoischen Vergangenheit. Von
Palästen natürlich, nicht von Einzimmer-Studios minoischer Singles.
Von Padre Padrone Zeus gibt es hier natürlich auch eine
dicke Spur. Bzw. von Baby Zeus, das in einer Höhle beim Dorf Psichro
grossgezogen worden sei (siehe dazu Blog 2016).Eine andere, nicht bestätigte
Spur vermute ich auf einer Anhöhe am
Rand der Lasithi-Ebene. Hier muss ER einst mit seinem Feuerwagen gelandet sein.
Warum es Zeus und sein Gefährt war, liest sich aus dem unübersehbaren und
unmissverständlichen Zeichen „Evergreen“. Ja, die Evergreen Platane, unter
welche der Everhorny an Land gegangen ist. Zeus!
Die Bilder:
Zurück zum minoischen Erbgut: Das minoische
Grundmäuerchen-Bauen und dann meinen, dies sei ein Palast, das scheinen die
Tzermiaden von Tzermiado auch drauf zu haben. Im Ort weist ein Schild zur auf
Englisch geschriebenen Town Hall. Was man aber dort vorfindet, sind, neben einem
grossen, leeren, asphaltierten Parkplatz, Betonmäuerchen. Und kleine, ganze
oder halbe, Brücken, die diese verbinden. Und dürres Unkraut. Ein
Gegenwarts-Archäologe und Heute-Historiker könnte, wenn man ihn denn auf eine
hohe Bockleiter setzen würde, den Grundriss im Überblick sauber interpretieren
und uns jeden Raum und dessen Funktion der ganzen Town Hall genau erklären –
Garderobe, Sitzungszimmer, Cafeteria, Ausstellungsraum, Besenkammer usw.
PS: Bei der Zufahrt steht eine grosse Tafel, wie sie bei
grossen Baustellen zur Information über das entstehende Bauprojekt hingestellt
werden. Leider alles auf Griechisch. Was ich als Einziges verstehe, sind die
griechische Flagge und die der Europäischen Union. Zur weiteren Interpretation
brauche ich keine Bockleiter.
Zum Schluss: Die Lasithi-Ebene hat ein kleines
Schwesterchen. Das Nisimos-Plateau. Zwei Kilometer entfernt, etwas höher
gelegen. Man muss es finden, zufällig. Und sich dann freuen.