An Stränden wird gestrandet.
Nur hat es in dieser Jahreszeit
niemand mehr, der dies tut. All die vielen, zum Teil kleinen und wilden Strände
sind verlassen. Sie gehören jetzt den Ü50-Überwinterern, die mit oder ohne Partner
und mit oder ohne Hund ihre gesunden Spaziergänge machen. Oder Ziegen tauchen
auf und bereiten den Strandboden für die nächsten „2-Wochen-Kreta-für598Fr.-alles-inklusive“-Touristen
vor. Nur der Wind unterbricht an gewissen Tagen die Ruhe, wenn er an einer Strandbaracke
am Plastikverschlag rüttelt und durch die Abfallsäcke der letzten Sundreamers
und Suncreamers fährt.
Mein jetziger Wohnort ist ein ebensolcher Strand. Auf einem
holprigen Natursträsschen von Paleochora aus erreichbar. Mit dem Auto in 10
Minuten. Mit dem Velo in 20 Minuten. Zu Fuss im Wandertempo 45 Minuten. Rennen
ist verboten!
Nebst den Ziegen und Rentnern gibt es an den Stränden noch
die wirklich Gestrandeten. Die da leben. Die sich nachts an einer geschützten
Stelle dem Halbschlaf ergeben und tagsüber nach verwertbaren Überresten der
Profiteure von „2-Wochen-Kreta-für598Fr.-Flug-und-alles-inklusive“ suchen. Mit
geringem Erfolg, wie man ihren Rippen ablesen kann. Gemeint sind die
Strandhunde.
Ja, es musste sein. Am Grameno-Beach. Habe ich mir einen angelacht.
Oder er hat mich angelacht. Wir uns beide. Wie im richtigen Leben. Er ist er.
Das habe ich als bisheriger Hunde-Ignorant doch schnell herausgefunden. Er hat
weisse, gesunde Zähne. Also ist er jung. Er beisst nicht. Was mir wichtig ist
als Beziehungsgrundlage. Er reagiert auf Futter. Also ist er hoch intelligent.
Er ist sehr anhänglich. Also hat er kein Problem, Gefühle zu zeigen. Nichts von
„Zu viel Nähe ist nicht gut für mich“ und „Ich brauche viel Freiheit, sonst fühle
ich mich eingeengt“. Die Eier hat er noch. Also möchte er einmal eine Familie
gründen. Dafür bin ich selber noch nicht reif. Wahrscheinlich müssen wir mal
reden… Aber vorläufig geniessen wir das Neue. Wir machen lange
Strandspaziergänge (schon früh in den noch dunklen Morgen hinein), wir sagen
„Gute Nacht“, bevor wir schlafen gehen, tagsüber üben wir Sitzen und Scheissen
und keine Angst zu haben. In einer Art Geben und Nehmen. Während das Sitzen
eher meine Stärke ist, macht er mir vor, wie einfach das Herumliegen ist. Was das
Einkaufen und Zubereiten der Mahlzeiten betrifft, sind die Rollen des Gebens
und Nehmens vorläufig klar. Ist aber kein Thema, wenn man frisch zueinander
gefunden hat. Vielleicht müssen wir später auch darüber mal reden. Über die
Rollenverteilung. Ein wichtiges Thema in jeder Beziehung. Wer räumt auf? Wer
giesst die Pflanzen? Wer entwurmt wen? – Später.
Grameno heisst er.