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Samstag, 24. Februar 2018

Wild und frei











Verbockt und verloren



Wie sind sie denn, die Kretenser?
Seit vier Monaten erlebe ich sie nun, mal von näher, mal mit dem Blick aus gewisser Distanz. Das Fazit vorneweg: Sie sind verloren. Sie hängen in ihrem Gefühl von Freiheit und schaufeln an ihrem eigenen Grab. Sie zelebrieren ihre traditionelle Ununterdrückbarkeit und drücken sich vor den Aufgaben der Gegenwart. Sie fluchen über den Staat und die Welt und denken nicht über die Nasenspitze hinaus. Sie verweigern sich als wäre es genetisch bedingt.
Ja, die Gene. Wie schwierig und gefährlich ist, was ich zu beschreiben versuche. Keine schamlos-völkische Rassentheorie soll entworfen werden. Aber Beobachtungen und Eindrücke der Festgefahrenheit, der Verstocktheit und der Verweigerung von Verantwortlichkeit wollen formuliert werden.


Von der Wildheit und der damit verbundenen Toleranz und Gastfreundlichkeit habe ich schon geschrieben. Und diese ist phänomenal. Ich bewege mich seit vier Monaten völlig ungestört und willkommen in diesem Land. Ich habe bisher noch kein Arschloch angetroffen. Jeder Bauer oder Bar-Besitzer oder Klapper-Pick-up-Fahrer (das sind eh fast alle) ist offen und freundlich.
Ja, die Pick-up-Fahrer! Und die Autofahrer überhaupt. Ihnen fehlt wohl ein Gen. (Das Verhalten im Verkehr ist nicht ungeeignet für die Analyse eines Volkes!) Keiner ist arrogant. Keiner will auf der Strasse seine Macht beweisen. Der Verkehr ist so friedlich wie die meisten Pick-ups schrottreif sind. Aber die sanften Wilden haben kein Gespür für den Verkehrsfluss. Sie fahren in den Engpass bis es nicht weitergeht. Und halten dann schön in der Mitte an. Ohne Gefühl für die Breite von Gefährt und Strasse. Nix vorausschauend. Nix mitdenkend. Nix „lösungsorientiert“. Für mich irgendwie symbolisch. Vom Wagen Abstellen an engen Strassenecken zu schweigen. Kein bewusstes „Ist mir egal“, sondern ein unbewusstes.
Ein anderes Thema des Nicht-Wahrhaben-Wollens ist die Ernährung. Es gibt so viele überfettete Menschen. Vor allem Kinder. Das Sich-gern-Haben und die Zuneigung laufen übers Fressen. Fressen statt Nähe. Fressen statt Zärtlichkeit. Möglichst viel Fett und viel Zucker. Ich weiss: ein weltweites Thema. Hier ist`s extrem.
Der Müll: Dass es meinem Nachfragen zufolge keine Kehrichtverbrennungsanlage gibt, ist nicht die Schuld des Einzelnen. Dass man aber den Abfall nicht in die bereitgestellten separaten Container wirft, ist es eher. Ob Glas oder Karton oder was auch immer drauf steht, in allen befinden sich Plastik und Schafsköpfe und Flaschen und aussortierte Tomaten. Überall. We don`t care. Klar: Die Container kommen vom Staat. Und auf diesen pfeifen wir. Wir sind wild und frei.

Höhe 70cm

Wie werden die Tiere behandelt? Nicht so, wie es von den wilden und freien Indianern überliefert wird. Nicht so, wie es einem mit und von der Natur lebenden Volk zustehen würde. Das Tier ist Ware. Tierquälerei ist kein Tabu.
Eine spezielle Tiergattung sind die Frauen. Auch sie sind Ware. Es gibt zwei Arten von ihnen. Die einen sind die hier geborenen. Ihr Schicksal ist nach der Heirat besiegelt. Die andern sind die touristischen oder lebensexperimentierenden aus dem Ausland. Für sie dauert die Jagdsaison 12 Monate. Unerbittlich. Aufdringlich. Rücksichtslos. Wir sind bärtige Kreter und wollen nur das Eine: unsern Überdruck ablassen. Abweisungen turnen an. Enttäuschungen können zu Drangsalierung führen.
Auf dem Bau, in den Olivenhainen und in den Gewächshäusern arbeiten vor allem Ausländer. Viele sind Albaner. Sie seien gute Arbeiter und die täglichen 25 Euro wert. Auch viele Pakistanis und andere aus no-job-no-future-Ländern werden beschäftigt. Einheimische kämen vielleicht eine Woche lang und blieben lieber arbeitslos, habe ich mir sagen lassen. Für sie ist es inzwischen jedoch schwieriger geworden, unrechtmässige Blinden- oder what ever Renten zu ergattern. Es muss hier aber erwähnt werden, dass es viele Kleinbauern gibt, die täglich für wenig Ertrag wirklich arbeiten. Die erhalten dann z.B. für einen Liter Olivenöl 3 oder 4 Euro. (Das wäre das politische und wirtschaftliche Thema.)

Höhe 1m

Christine hat mir vor zwei Monaten aus der Schweiz ein Buch geschickt. An eine Adresse in Mirtos. Es ist (noch) nicht angekommen. Hier ist nicht Europa. Hier ist das wilde Griechistan.  
In den Bergdörfern ist es oft so wie im letzten Dorf vor dem Schloss von Graf Dracula. Knobläuche hängen im Türrahmen um die bösen Geister (die bösen Nachbarn) fernzuhalten. Dorf- und Familienzwiste. Wer ist Chef, wer hat das Nachsehen. Geredet wird nicht. Friss oder stirb.
Die Dörfer… geschichtlich gesehen: Seit X Jahren leb(t)en die gleichen Familien dort. Geheiratet wurden Dorfmitglieder. Die Hälfte der Dorfbewohner trägt den gleichen Vor- und Nachnamen – eine Indoor-Veranstaltung. Es gäbe noch einen andern Begriff dafür. Gibt es wissenschaftliche Beweise, dass dies zu Stumpfheit führt? Oder begebe ich mich mit solchen Vermutungen in die rassistische Ecke?
Oft staune ich über die Landschaft und über die Natur. Alles sieht aus als wäre es archaische Ewigkeit. Und alles sieht gleichzeitig aus als wäre es soeben hingeworfen worden. Steine und Felsen sind nicht verankert und scheinen im instabilen Gleichgewicht zu verharren. Bäume wachsen schräg und trotzig ohne Erdreich aus den Felsen heraus. Blumen blühen auch im Winter. Kargheit und Fruchtbarkeit ergänzen sich in unverständlicher Harmonie. Die Sonne scheint auch an Regentagen. Höhlen und Schluchten gibt`s wie Touristen im Sommer. Und wie Autowracks in den Olivenhainen. Wild. Unzähmbar. Frei über den Abgründen. Die Natur denkt nicht. Sie klammert, sie wächst, sie verschlingt, sie darbt, sie trotzt, sie überlebt. – Wie ihre Menschen, hoffentlich.

Höhe 80cm