Verbockt und verloren
Wie sind sie denn, die Kretenser?
Seit vier Monaten erlebe ich sie nun, mal von näher, mal mit
dem Blick aus gewisser Distanz. Das Fazit vorneweg: Sie sind verloren. Sie
hängen in ihrem Gefühl von Freiheit und schaufeln an ihrem eigenen Grab. Sie
zelebrieren ihre traditionelle Ununterdrückbarkeit und drücken sich vor den
Aufgaben der Gegenwart. Sie fluchen über den Staat und die Welt und denken
nicht über die Nasenspitze hinaus. Sie verweigern sich als wäre es genetisch
bedingt.
Ja, die Gene. Wie schwierig und gefährlich ist, was ich zu
beschreiben versuche. Keine schamlos-völkische Rassentheorie soll entworfen
werden. Aber Beobachtungen und Eindrücke der Festgefahrenheit, der
Verstocktheit und der Verweigerung von Verantwortlichkeit wollen formuliert
werden.
Von der Wildheit und der damit verbundenen Toleranz und
Gastfreundlichkeit habe ich schon geschrieben. Und diese ist phänomenal. Ich
bewege mich seit vier Monaten völlig ungestört und willkommen in diesem Land.
Ich habe bisher noch kein Arschloch angetroffen. Jeder Bauer oder Bar-Besitzer
oder Klapper-Pick-up-Fahrer (das sind eh fast alle) ist offen und freundlich.
Ja, die Pick-up-Fahrer! Und die Autofahrer überhaupt. Ihnen
fehlt wohl ein Gen. (Das Verhalten im Verkehr ist nicht ungeeignet für die
Analyse eines Volkes!) Keiner ist arrogant. Keiner will auf der Strasse seine
Macht beweisen. Der Verkehr ist so friedlich wie die meisten Pick-ups schrottreif
sind. Aber die sanften Wilden haben kein Gespür für den Verkehrsfluss. Sie
fahren in den Engpass bis es nicht weitergeht. Und halten dann schön in der
Mitte an. Ohne Gefühl für die Breite von Gefährt und Strasse. Nix
vorausschauend. Nix mitdenkend. Nix „lösungsorientiert“. Für mich irgendwie symbolisch.
Vom Wagen Abstellen an engen Strassenecken zu schweigen. Kein bewusstes „Ist
mir egal“, sondern ein unbewusstes.
Ein anderes Thema des Nicht-Wahrhaben-Wollens ist die
Ernährung. Es gibt so viele überfettete Menschen. Vor allem Kinder. Das
Sich-gern-Haben und die Zuneigung laufen übers Fressen. Fressen statt Nähe.
Fressen statt Zärtlichkeit. Möglichst viel Fett und viel Zucker. Ich weiss: ein
weltweites Thema. Hier ist`s extrem.
Der Müll: Dass es meinem Nachfragen zufolge keine
Kehrichtverbrennungsanlage gibt, ist nicht die Schuld des Einzelnen. Dass man
aber den Abfall nicht in die bereitgestellten separaten Container wirft, ist es
eher. Ob Glas oder Karton oder was auch immer drauf steht, in allen befinden
sich Plastik und Schafsköpfe und Flaschen und aussortierte Tomaten. Überall. We
don`t care. Klar: Die Container kommen vom Staat. Und auf diesen pfeifen wir.
Wir sind wild und frei.
Höhe 70cm
Wie werden die Tiere behandelt? Nicht so, wie es von den
wilden und freien Indianern überliefert wird. Nicht so, wie es einem mit und
von der Natur lebenden Volk zustehen würde. Das Tier ist Ware. Tierquälerei ist
kein Tabu.
Eine spezielle Tiergattung sind die Frauen. Auch sie sind
Ware. Es gibt zwei Arten von ihnen. Die einen sind die hier geborenen. Ihr
Schicksal ist nach der Heirat besiegelt. Die andern sind die touristischen oder
lebensexperimentierenden aus dem Ausland. Für sie dauert die Jagdsaison 12
Monate. Unerbittlich. Aufdringlich. Rücksichtslos. Wir sind bärtige Kreter und
wollen nur das Eine: unsern Überdruck ablassen. Abweisungen turnen an.
Enttäuschungen können zu Drangsalierung führen.
Auf dem Bau, in den Olivenhainen und in den Gewächshäusern
arbeiten vor allem Ausländer. Viele sind Albaner. Sie seien gute Arbeiter und
die täglichen 25 Euro wert. Auch viele Pakistanis und andere aus
no-job-no-future-Ländern werden beschäftigt. Einheimische kämen vielleicht eine
Woche lang und blieben lieber arbeitslos, habe ich mir sagen lassen. Für sie
ist es inzwischen jedoch schwieriger geworden, unrechtmässige Blinden- oder
what ever Renten zu ergattern. Es muss hier aber erwähnt werden, dass es viele
Kleinbauern gibt, die täglich für wenig Ertrag wirklich arbeiten. Die erhalten
dann z.B. für einen Liter Olivenöl 3 oder 4 Euro. (Das wäre das politische und
wirtschaftliche Thema.)
Höhe 1m
Christine hat mir vor zwei Monaten aus der Schweiz ein Buch
geschickt. An eine Adresse in Mirtos. Es ist (noch) nicht angekommen. Hier ist
nicht Europa. Hier ist das wilde Griechistan.
In den Bergdörfern ist es oft so wie im letzten Dorf vor dem
Schloss von Graf Dracula. Knobläuche hängen im Türrahmen um die bösen Geister
(die bösen Nachbarn) fernzuhalten. Dorf- und Familienzwiste. Wer ist Chef, wer
hat das Nachsehen. Geredet wird nicht. Friss oder stirb.
Die Dörfer… geschichtlich gesehen: Seit X Jahren leb(t)en
die gleichen Familien dort. Geheiratet wurden Dorfmitglieder. Die Hälfte der
Dorfbewohner trägt den gleichen Vor- und Nachnamen – eine Indoor-Veranstaltung.
Es gäbe noch einen andern Begriff dafür. Gibt es wissenschaftliche Beweise,
dass dies zu Stumpfheit führt? Oder begebe ich mich mit solchen Vermutungen in
die rassistische Ecke?
Oft staune ich über die Landschaft und über die Natur. Alles
sieht aus als wäre es archaische Ewigkeit. Und alles sieht gleichzeitig aus als
wäre es soeben hingeworfen worden. Steine und Felsen sind nicht verankert und
scheinen im instabilen Gleichgewicht zu verharren. Bäume wachsen schräg und
trotzig ohne Erdreich aus den Felsen heraus. Blumen blühen auch im Winter.
Kargheit und Fruchtbarkeit ergänzen sich in unverständlicher Harmonie. Die
Sonne scheint auch an Regentagen. Höhlen und Schluchten gibt`s wie Touristen im
Sommer. Und wie Autowracks in den Olivenhainen. Wild. Unzähmbar. Frei über den
Abgründen. Die Natur denkt nicht. Sie klammert, sie wächst, sie verschlingt,
sie darbt, sie trotzt, sie überlebt. – Wie ihre Menschen, hoffentlich.
Höhe 80cm