Adiö Dnjepr, es geht weiter
ostwärts.
Richtung Donbass, Richtung sowjet-nostalgische Befreier. Zur Stadt,
die ein paar Kilometer vor der Frontlinie am Asow`schen Meer liegt – nach Mariupol.
Zunächst stehen jedoch noch
einige Kilometer meist schnurgerade Strasse durch flaches Ackerland an. Sonnenblumen-,
Getreide- und Maisfelder. Langgezogene Hügel und kleine Wälder sind da schon
eine Abwechslung. Man ist auch hier dabei, die Strasse zu erneuern. Vorne wird
für die Verbreiterung abgeholzt, weiter hinten die Unterlage vorbereitet und
dann gleich asphaltiert. So fahre ich bei wenig Verkehr (wie immer) über
taufrischen Belag und von „Radio Rock“ mit alten Songs unterhalten dem Donbass
entgegen. Ab und zu gibt`s einen Kaffee-Halt in einer der wenigen, weit
voneinander liegenden Ortschaften. Und vielleicht einen Schwatz mit einem
Andrej oder Sergej, die grad auch zu Tanjuschka gehen, um sich mit Bier und
Zigaretten zu versorgen. Diese kleinen Läden sind oft die Lebensader kleinerer
Orte. Man kann das Nötigste kaufen, und es gibt immer eine Kaffeemaschine.
Ein anderer Grund für einen
Halt ist das Gassi-Gehen mit dem Hund. Bzw. das Feldi-Gehen. Die Weite der
Landschaft erlebt sich noch intensiver, wenn man irgendwo die Strasse verlässt
und es wieder irgendwo in die Weite geht. Einfach Weite. Wenige Häuser, weit
verstreut. Überall Weite, die scheinbar immer weiter geht. Und genau an einer
Stelle in der Irgendwo-Weite entdeckt der Hund etwas und beginnt zu bellen. Ein
Mann liegt auf dem Grasweg. In der einen Hand hält er einen Stock, mit der
andern versucht er eine Plastikflasche zu greifen. Dann kommt ein anderer
älterer Mann aus den Büschen hervor. Laut und freundlich begrüsst er mich und
sagt und fragt auf Russisch, was man halt so sagt und fragt in dieser
Situation. Ich erkläre ihm auf Schweizerdeutsch das Nötigste und ein bisschen
mehr. Während er sich mit vorbereitetem Zeitungspapierchen und grobem Tabak
eine Zigarette rollt, zeigt er auf den Liegenden, der versucht, den Kopf zu
heben und ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder fallen lässt. Es handelt
sich offensichtlich um den Vater und seinen behinderten Sohn. Aber wie ist
dieser mit seinen ungelenken Beinen hierher gekommen? Der Vater bückt sich zu
ihm herunter und weiss jeweils, was zu tun ist – Bein beugen, zu trinken geben.
Der Sohn kriegt auch eine Zigarette in den Mund gesteckt. Nein, kein Feuer
geben, er soll sie nicht rauchen. Mal zeigt der Alte in die Weite und sagt „khorosho“.
„Ja, sehr schön“, sage ich.
Ja, sie ist schön und ruhig,
diese Weite. Dazu gibt ihr die Herbstsonne den gelbwarmen Glanz. Und immer noch
viel Wärme. Täglich.







