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Sonntag, 15. September 2019

Tag 14 - 234km - nach ...










Adiö Dnjepr, es geht weiter ostwärts.



Richtung Donbass, Richtung sowjet-nostalgische Befreier. Zur Stadt, die ein paar Kilometer vor der Frontlinie am Asow`schen Meer liegt – nach Mariupol.
Zunächst stehen jedoch noch einige Kilometer meist schnurgerade Strasse durch flaches Ackerland an. Sonnenblumen-, Getreide- und Maisfelder. Langgezogene Hügel und kleine Wälder sind da schon eine Abwechslung. Man ist auch hier dabei, die Strasse zu erneuern. Vorne wird für die Verbreiterung abgeholzt, weiter hinten die Unterlage vorbereitet und dann gleich asphaltiert. So fahre ich bei wenig Verkehr (wie immer) über taufrischen Belag und von „Radio Rock“ mit alten Songs unterhalten dem Donbass entgegen. Ab und zu gibt`s einen Kaffee-Halt in einer der wenigen, weit voneinander liegenden Ortschaften. Und vielleicht einen Schwatz mit einem Andrej oder Sergej, die grad auch zu Tanjuschka gehen, um sich mit Bier und Zigaretten zu versorgen. Diese kleinen Läden sind oft die Lebensader kleinerer Orte. Man kann das Nötigste kaufen, und es gibt immer eine Kaffeemaschine.
Ein anderer Grund für einen Halt ist das Gassi-Gehen mit dem Hund. Bzw. das Feldi-Gehen. Die Weite der Landschaft erlebt sich noch intensiver, wenn man irgendwo die Strasse verlässt und es wieder irgendwo in die Weite geht. Einfach Weite. Wenige Häuser, weit verstreut. Überall Weite, die scheinbar immer weiter geht. Und genau an einer Stelle in der Irgendwo-Weite entdeckt der Hund etwas und beginnt zu bellen. Ein Mann liegt auf dem Grasweg. In der einen Hand hält er einen Stock, mit der andern versucht er eine Plastikflasche zu greifen. Dann kommt ein anderer älterer Mann aus den Büschen hervor. Laut und freundlich begrüsst er mich und sagt und fragt auf Russisch, was man halt so sagt und fragt in dieser Situation. Ich erkläre ihm auf Schweizerdeutsch das Nötigste und ein bisschen mehr. Während er sich mit vorbereitetem Zeitungspapierchen und grobem Tabak eine Zigarette rollt, zeigt er auf den Liegenden, der versucht, den Kopf zu heben und ihn mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder fallen lässt. Es handelt sich offensichtlich um den Vater und seinen behinderten Sohn. Aber wie ist dieser mit seinen ungelenken Beinen hierher gekommen? Der Vater bückt sich zu ihm herunter und weiss jeweils, was zu tun ist – Bein beugen, zu trinken geben. Der Sohn kriegt auch eine Zigarette in den Mund gesteckt. Nein, kein Feuer geben, er soll sie nicht rauchen. Mal zeigt der Alte in die Weite und sagt „khorosho“. „Ja, sehr schön“, sage ich.
Ja, sie ist schön und ruhig, diese Weite. Dazu gibt ihr die Herbstsonne den gelbwarmen Glanz. Und immer noch viel Wärme. Täglich.