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Dienstag, 21. Januar 2020

Von den Kobolden zu den Drosseln










Zunächst geht es ans Ufer zu den Kobolden

Die Kathedrale von Lincoln ist imposant. Eine der vielen geckigen Kobold-Figuren (engl. „imp“), mit denen sie innen und aussen verziert ist, ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden: „The Lincoln Imp“. Bei einem Rundgang durch die Stadt  kann man diesem Symbol mehrmals begegnen.
Fussballerisch bedeutet das, dass ich den Match der „Imps“ gegen die Bolton Wanderers (bzw. gegen die „Trotters“) besucht habe.
Das Stadion ist weniger imposant. Es ist ein Flickwerk von alten und neu hinzugekommenen Tribünenteilen. Es befindet sich am Ufer eines kleinen Stadtflusses und heisst dementsprechend Sincil Bank.  Die Fans gehen also „to the Bank“ zu den „Imps“. Warum eine Querstrasse zur Sincil Bank mit Scorer Street benannt ist, lasse ich als „Huhn – Ei“-Frage offen.
Die 90 Minuten vor dem Spiel dürfen nie fehlen.  Es sind ja eigentlich mehr als 90 Minuten: Stadion finden, Ticket abholen, Umgebung und wenn möglich das Innere des Stadions unter die Lupe nehmen und den Fan-Shop nach Bettwäsche, Baby-Pijamas und Türvorlegern in den Clubfarben absuchen. Die Angestellten des Shops haben nach dem draussen wartenden Hund gefragt: „Is this your dog? How nice! What`s his name? Why don`t you bring him in?“ Schnell wird etwas Futter geholt und „how lovely“! Das arme Tier und ich armer Hund mussten dann gemeinsam an den überteuerten rotweissen Artikeln schnuppern. „Wie wär`s mit clubeigenen Hundenäpfen?“ „Good idea! Wir werden es weiterleiten“. – Welche chinesische Fabrik erhält den Zuschlag?
Später – Phase 2 – treffen nach und nach die Fans ein, ein Querschnitt von alten und jungen Leuten, Gatten begleitende Gattinnen (nein, es gibt`s auch umgekehrt!), Familien mit kleinen Kindern, pensionierte Männer, die dem Rock `n Roll und dem Club seit Jahren treu sind. Auffällig (auffällig englisch?) ist der Anteil derjenigen, die dem gängigen Schönheitsideal erfolgreich den Kampf angesagt haben. Children of our time. Hinter den Verkaufswagen tuckern die Stromgeneratoren, damit die Produkte vorne warm und fettig herausgegeben werden können. Einige streicheln im Vorbeigehen der prominent platzierten Gusseisenstatue, die nicht fehlen darf, kurz und andächtig den Fuss.(Aus der Ferne grüsst die Heilige Maria, die Solches auch gerne mit sich geschehen lässt.) Die Bierlokale des Stadions haben ihren eigenen Charme. Etwas zwischen heruntergekommener Spelunke und karitativer  Verpflegungsstätte. Man kann da auch richtig schön essen… – der Hilfskoch trägt die entsprechende Berufskleidung. Für die hungrigen Abwesenden gibt`s auch etwas: Die Einrichtung der „Food Bank“, bei der die Matchbesucher ihre mitgebrachten Spenden abgeben können, scheint sich durchzusetzen. Ein Blick in die bereitgestellten Schachteln dämpft meine aufkommende Begeisterung. Immerhin war noch ein Parfüm dabei.

Dienstag, Abendspiel :  Lincoln City – Bolton Wanderers  5 : 1






Samstag, nachmittags :  Lincoln City – Blackpool FC  1 : 0




In den Feldern und Wiesen Mittelenglands hat der Wohnwagen einen ruhigen Platz für ein paar Tage gefunden. Bis mich an einem Morgen ein grosser Motorenlärm beim Kaffee-Ritual aufschreckt. Ach, es ist nur ein Flugzeug, das direkt neben mir landet. Man kann nie wirklich sicher sein in England. „This is not a campsite, this is an airplane runway!“ Nein, er ist nett, der Pilot, der aussteigt. Dort hinter den Büschen sei sein Hangar. Ob ich ihm helfe, das Flugzeug hineinzuschieben. Fliegen könne er immer noch gut, aber die Kraft habe mit 87 Jahren schon etwas nachgelassen. Sein Flugzeug, eine ehemalige Aufklärungsmaschine aus dem Zweiten Weltkrieg, ist einige Jahre jünger als er. Auch hinter den Büschen, in einem Auto, wartet, Biscuits knabbernd, seine Frau. Es kommt noch ein anderer Mann dazu. Der müsse auf seine Frau aufpassen, sie liebe es gar nicht, wenn er in der Luft sei, und sie sei dement. Auf ein anderes Mal, er nehme mich dann gerne mit.






Ich fahre wieder ein Stück südwärts, nach Birmingham. Dort gibt es auch Flugobjekte, nämlich Drosseln. „The throttles“. Oder auch „the Buggies“ genannt. Die würden eigentlich gar keinen Übernamen gebrauchen, denn „West Bromwich Albion Football Club“ ist doch bereits ein Zungenschnalzer.

 
Eine Stadtbesichtigung (ich weiss es von einem früheren Besuch) ist ein Muss. Nicht London muss man besuchen, sondern den Moloch Birmingham. Eine Stadt ohne schönen Kern, einfach eine riesige Ansammlung von alten Industriegebäuden, anonymen Wohnhäusern und modernen Bausünden. Das Alte ist verrottet, das Neue geschmacklos. Zum Teil wohl auch ein Produkt von good iron Margaret Thatcher, die gerade solchen Städten den Gnadenstoss versetzt hat. Sie, alles Linke hassend, hat ein Stück Sowjet-Welt geschaffen.
Ist es ein Zufall, dass es hier mehrere gute Fussballclubs gibt? – Birmingham City, Wolverhampton Wanderers, Aston Villa und eben West Bromwich Albion. Der Club-Schal als Identität und Zugehörigkeit.
Passend zu diesen Gedanken ein Auszug aus einer Mail, die mir ein Freund geschrieben hat:

(…) England ist immer gleich - und doch jedes Mal anders. Unglaublich, dass diese trashige Fussballkultur in den Stadien der Provinz noch existiert, obwohl wegen der TV-Millionen auch die Tschutter-Beine in verrotteten Stadien wie in Sheffield vergoldet werden. Dass sich viele die Tickets nicht mehr leisten können, ist dann halt der Preis dafür. Aber die Klub-Treue endet bekanntlich nie.

Nun - deine Liebe zu England ist spürbar, auch deine Wut über ein Land, in dem die traditionelle - linke! - Solidarität nur noch punktuell und unerwartet sichtbar ist. Thatchers rechte Message hat alles platt gemacht und den öffentlichen Raum verwüstet. Ihr ewiger Hass auf die gewerkschaftliche Linke und ihr sicherer Instinkt dafür, genau im Moment der grossen Wirtschaftskrise die Überlegenheit des Privateigentums, der grenzenlosen Aktienmärkte, des Bankenwesens mit Steuerprivilegien in Endlosschlaufe zu behaupten…Wenn es den Reichen gut geht, geht es allen besser …langweilig ist die Botschaft und öde die Kritik daran, und doch nötig. (…)




Etwas hat aber Birmingham ausser Hässlichkeit und Fussball noch zu bieten: Mehr Kanal-Kilometer als Venedig und Amsterdam! Wie sich diese stillen, schmalen Gewässer den Backsteinmauern entlang schlängeln, ist fantastisch. Und keiner schaut hin! Das zur Zeit der Industrialisierung zum Zweck des Transportes gebaute Kanalnetz bringt Funktion und Ästhetik zusammen. Ein Meisterwerk all over England! Stein und Eisen kombinierend.
Und es gibt ihn doch, den Stadtkern. Dort, wo vier Kanäle aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen. In der Mitte des entstandenen Bassins hat es eine kleine Insel mit Wegweisern. Englands erstes Roundabout!





 
West Bromwich Albion – Stoke City  0 : 1