Zunächst geht es ans Ufer zu den Kobolden
Die Kathedrale von Lincoln ist imposant. Eine der vielen geckigen Kobold-Figuren (engl. „imp“), mit denen sie innen und aussen verziert ist, ist zum Wahrzeichen der Stadt geworden: „The Lincoln Imp“. Bei einem Rundgang durch die Stadt kann man diesem Symbol mehrmals begegnen.
Fussballerisch bedeutet das, dass ich den Match der „Imps“
gegen die Bolton Wanderers (bzw. gegen die „Trotters“) besucht habe.
Das Stadion ist weniger imposant. Es ist ein Flickwerk von
alten und neu hinzugekommenen Tribünenteilen. Es befindet sich am Ufer eines
kleinen Stadtflusses und heisst dementsprechend Sincil Bank. Die Fans gehen also „to the Bank“ zu den „Imps“.
Warum eine Querstrasse zur Sincil Bank mit Scorer Street benannt ist, lasse ich
als „Huhn – Ei“-Frage offen.
Die 90 Minuten vor dem Spiel dürfen nie fehlen. Es sind ja eigentlich mehr als 90 Minuten:
Stadion finden, Ticket abholen, Umgebung und wenn möglich das Innere des
Stadions unter die Lupe nehmen und den Fan-Shop nach Bettwäsche, Baby-Pijamas
und Türvorlegern in den Clubfarben absuchen. Die Angestellten des Shops haben
nach dem draussen wartenden Hund gefragt: „Is this your dog? How nice! What`s
his name? Why don`t you bring him in?“ Schnell wird etwas Futter geholt und „how
lovely“! Das arme Tier und ich armer Hund mussten dann gemeinsam an den überteuerten
rotweissen Artikeln schnuppern. „Wie wär`s mit clubeigenen Hundenäpfen?“ „Good
idea! Wir werden es weiterleiten“. – Welche chinesische Fabrik erhält den
Zuschlag?
Später – Phase 2 – treffen nach und nach die Fans ein, ein
Querschnitt von alten und jungen Leuten, Gatten begleitende Gattinnen (nein, es
gibt`s auch umgekehrt!), Familien mit kleinen Kindern, pensionierte Männer, die
dem Rock `n Roll und dem Club seit Jahren treu sind. Auffällig (auffällig
englisch?) ist der Anteil derjenigen, die dem gängigen Schönheitsideal
erfolgreich den Kampf angesagt haben. Children of our time. Hinter den Verkaufswagen
tuckern die Stromgeneratoren, damit die Produkte vorne warm und fettig herausgegeben
werden können. Einige streicheln im Vorbeigehen der prominent platzierten
Gusseisenstatue, die nicht fehlen darf, kurz und andächtig den Fuss.(Aus der
Ferne grüsst die Heilige Maria, die Solches auch gerne mit sich geschehen
lässt.) Die Bierlokale des Stadions haben ihren eigenen Charme. Etwas zwischen
heruntergekommener Spelunke und karitativer Verpflegungsstätte. Man kann da auch richtig
schön essen… – der Hilfskoch trägt die entsprechende Berufskleidung. Für die
hungrigen Abwesenden gibt`s auch etwas: Die Einrichtung der „Food Bank“, bei
der die Matchbesucher ihre mitgebrachten Spenden abgeben können, scheint sich
durchzusetzen. Ein Blick in die bereitgestellten Schachteln dämpft meine
aufkommende Begeisterung. Immerhin war noch ein Parfüm dabei.
Dienstag, Abendspiel :
Lincoln City – Bolton Wanderers 5
: 1
Samstag, nachmittags :
Lincoln City – Blackpool FC 1 : 0
In den Feldern und Wiesen Mittelenglands hat der Wohnwagen
einen ruhigen Platz für ein paar Tage gefunden. Bis mich an einem Morgen ein
grosser Motorenlärm beim Kaffee-Ritual aufschreckt. Ach, es ist nur ein
Flugzeug, das direkt neben mir landet. Man kann nie wirklich sicher sein in
England. „This is not a campsite, this is an airplane runway!“ Nein, er ist nett,
der Pilot, der aussteigt. Dort hinter den Büschen sei sein Hangar. Ob ich ihm
helfe, das Flugzeug hineinzuschieben. Fliegen könne er immer noch gut, aber die
Kraft habe mit 87 Jahren schon etwas nachgelassen. Sein Flugzeug, eine
ehemalige Aufklärungsmaschine aus dem Zweiten Weltkrieg, ist einige Jahre jünger
als er. Auch hinter den Büschen, in einem Auto, wartet, Biscuits knabbernd, seine
Frau. Es kommt noch ein anderer Mann dazu. Der müsse auf seine Frau aufpassen,
sie liebe es gar nicht, wenn er in der Luft sei, und sie sei dement. Auf ein
anderes Mal, er nehme mich dann gerne mit.
Ich fahre wieder ein Stück südwärts, nach Birmingham. Dort
gibt es auch Flugobjekte, nämlich Drosseln. „The throttles“. Oder auch „the
Buggies“ genannt. Die würden eigentlich gar keinen Übernamen gebrauchen, denn „West
Bromwich Albion Football Club“ ist doch bereits ein Zungenschnalzer.
Eine Stadtbesichtigung (ich weiss es von einem früheren Besuch)
ist ein Muss. Nicht London muss man besuchen, sondern den Moloch Birmingham.
Eine Stadt ohne schönen Kern, einfach eine riesige Ansammlung von alten
Industriegebäuden, anonymen Wohnhäusern und modernen Bausünden. Das Alte
ist verrottet, das Neue geschmacklos. Zum Teil wohl auch ein Produkt von good iron
Margaret Thatcher, die gerade solchen Städten den Gnadenstoss versetzt hat. Sie,
alles Linke hassend, hat ein Stück Sowjet-Welt geschaffen.
Ist es ein Zufall, dass es hier mehrere gute Fussballclubs
gibt? – Birmingham City, Wolverhampton Wanderers, Aston Villa und eben West
Bromwich Albion. Der Club-Schal als Identität und Zugehörigkeit.
Passend zu diesen Gedanken ein Auszug aus einer Mail, die
mir ein Freund geschrieben hat:
(…) England ist immer
gleich - und doch jedes Mal anders. Unglaublich, dass diese trashige
Fussballkultur in den Stadien der Provinz noch existiert, obwohl wegen der
TV-Millionen auch die Tschutter-Beine in verrotteten Stadien wie in Sheffield
vergoldet werden. Dass sich viele die Tickets nicht mehr leisten können, ist
dann halt der Preis dafür. Aber die Klub-Treue endet bekanntlich nie.
Nun - deine Liebe zu England ist spürbar, auch deine Wut
über ein Land, in dem die traditionelle - linke! - Solidarität nur noch
punktuell und unerwartet sichtbar ist. Thatchers rechte Message hat alles platt
gemacht und den öffentlichen Raum verwüstet. Ihr ewiger Hass auf die
gewerkschaftliche Linke und ihr sicherer Instinkt dafür, genau im Moment der
grossen Wirtschaftskrise die Überlegenheit des Privateigentums, der grenzenlosen
Aktienmärkte, des Bankenwesens mit Steuerprivilegien in Endlosschlaufe zu
behaupten…Wenn es den Reichen gut geht, geht es allen besser …langweilig ist
die Botschaft und öde die Kritik daran, und doch nötig. (…)
Etwas hat aber Birmingham ausser Hässlichkeit und Fussball
noch zu bieten: Mehr Kanal-Kilometer als Venedig und Amsterdam! Wie sich diese
stillen, schmalen Gewässer den Backsteinmauern entlang schlängeln, ist
fantastisch. Und keiner schaut hin! Das zur Zeit der Industrialisierung zum
Zweck des Transportes gebaute Kanalnetz bringt Funktion und Ästhetik zusammen.
Ein Meisterwerk all over England! Stein und Eisen kombinierend.
Und es gibt ihn doch, den Stadtkern. Dort, wo vier Kanäle
aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen. In der Mitte des entstandenen
Bassins hat es eine kleine Insel mit Wegweisern. Englands erstes Roundabout!
West
Bromwich Albion – Stoke City 0 : 1





















