Den Brexit sinnbildlich erlebt im heruntergekommenen
Küstenort im Norden
Was sagen denn die Leute zum Brexit? Wird er gefeiert? Wird er diskutiert? Meine Antwort: Sie sagen nichts. Meine These: Weil es nichts zu sagen gibt. Schon gar nicht zu feiern. Es geht nicht darum, ob England (ich schreibe nur über England) in der EU ist oder nicht. Es geht um die englische Mentalität und Identität. Um die Gegensätzlichkeit dieser Mentalität und Identität. Um das Offen-Sein oder Verschlossen-Sein. Nicht bezüglich der Welt, sondern bezüglich des eigenen Gartenzauns. (Gates!!) Jenseits des Gartenzauns wird es schwierig. All die Schilder mit all ihren Vorschriften helfen nur beschränkt. „Der“ Engländer ist freundlich und grüsst mit einem Lächeln, wenn man ihn auf einem Spaziergang trifft. Vielleicht wendet er sich noch dem Hund zu und findet ihn very nice. Hundert mal erlebt. Aber sonst lässt er sich nicht auf mehr ein. Auch hundert mal erlebt. „Der gleiche“ Engländer ist völlig überfordert, wenn ich das Auto auf einem grossen Parkplatz für ein paar Minuten auf eines der markierten, leeren Felder für Invalide stelle, weil sich dort ein Wasserhahn befindet und ich so den schweren Kanister nicht weit schleppen muss. Keine freundliche Erklärung fruchtet. Bei einem andern grossen Parkplatz (ohne irgendwelche Verbotsschilder, neben einem Cricketfeld, aber mit Reihenhäuschen hinter einem hohen Buschzaun auf der andern Seite) kommt „die gleiche“ Engländerin in ihren flauschig roten Hausschuhen und sagt, sie wisse, dass Wohnwagen hier nicht verboten seien, aber ihre Nachbarin habe schon mal der Polizei telephoniert. Kurz danach kommt ein junger Mann vorbei und fragt, wie mein Hund heisse und ob er ihn streicheln dürfe. Na doch.
Am gleichen Tag verfahre ich mich in eine schmale Strasse,
finde aber eine Stelle, die zum Wenden reichen müsste. Eine Anwohnerin – ich
bitte sie darum – muss in ihrem Kleinwagen einen Moment warten. Unverständnis,
Kopfschütteln, Erstarren. Wenn man
solches Verhalten häufig erlebt, darf man verallgemeinernde Schlüsse ziehen.
Isn`t it?
Noch ein Beispiel – ich kann es nicht lassen –, das zeigt,
dass es eine Grundmentalität braucht, um überhaupt auf gewisse Vorschriften zu
kommen. Und sich als Bürger/in verantwortlich zu fühlen, dass sie auch
eingehalten werden. An einer Tankstelle möchte ich zusätzlich meinen
10l-Reservekanister befüllen. Wie ich es seit Jahren in vielen Ländern tue.
Sogleich kommt die Chefin angerannt und zeigt entsetzt auf den Kanister. Als
würde ich bei laufendem Zapfhahn eine Zigarette anzünden. Was ich mit diesem
Kanister vorhabe! Sofort verschwinden lassen! Zu fragen warum (höflich und aus
Interesse) vergrössert das Entsetzen. Erst im Shop hat sie sich beruhigt und
erklärt, dass nur in GB zugelassene Kanister erlaubt seien. (Ich sehe welche im
Gestell – sie sind qualitativ nicht besser als meiner.)
Der Fussball-Plan führt von Birmingham nach Burton-on-Trent,
dann nach Rotherham und von dort nach Fleetwood.
In Burton treffe ich beim Vor-dem-Spiel-Spaziergang am Kanal
auf einen Mann, der mit einem Magneten Metall aus dem Kanal fischt. Der Magnet
wird an einer Schnur in die braune Brühe geworfen und langsam und gefühlvoll an
Land gezogen. Ziel: Zeitvertreib, mal etwas Überraschendes finden (und dies für
die Magnetfischergemeinschaft ins Netz stellen), und nebenbei wird der Kanal
gesäubert. Ums Stadion herum wird eifrig für Bedürftige gesammelt. Väter und
Mütter mit Kindern, für die es manchmal zur Belohnung einen Matchbesuch gebe. English people good people!
Burton
Albion („The Brewers“, Bierbrauerstadt) – Accrington Stanley 1 : 1
Rotherham
United („The Millers“) – Ipswich Town („The Tractor Boys“, Landwirtschaftsgebiet) 1 : 0
Auf das Brexit-Datum hin komme ich nach Fleetwood. Nein, der
Ort hat nichts mit der Band „Fleetwood Mac“ zu tun. Doch der psychedelische
Sound ihres Titels „Albatross“ müsste eigentlich in einer Endlosschlaufe durch
die langen, geraden und windigen Strassen getragen werden. In diesen Strassen
fällt auf, wie viele Läden für immer geschlossen haben. Ein Haushaltladen hat
geöffnet. Neben Nützlichem steht viel Ramsch und Kitsch herum. Von einer Ecke
her wärmt ein elektrischer Cheminée-Ofen den Raum. Vor dem Ladentisch steht ein
Sofa, worauf das Schosshündchen der Besitzerin mit einer gestrickten Decke
zugedeckt sein Schläfchen macht. Als ich sie frage, in welcher Richtung sich
das Zentrum befinde, fragt sie unsicher zurück, was für ein Zentrum ich denn
meine.
„Town
centre?“ „There is no town centre.” Sie zählt auf, was in den letzten 20
bis 30 Jahren alles verschwunden sei: Industrie, Fischerei, Bahnhof und Arbeit
natürlich. Auch die Bingo-Halle hat
ihren Glücksbetrieb eingestellt. Was geblieben ist, denke ich, ist der
Fussballclub, bei dem die Spieler 5`000 Pfund oder mehr pro Woche verdienen.
Neben den Läden, die dicht gemacht haben, fällt die Anzahl
der Beerdigungsinstitute auf. Zum Teil scheinen auch diese geschlossen zu
haben. Der Tod ist bereit. Im kleinen Schaufenster eines Anwaltsbüros fragt ein
Plakat: „Haben Sie Ihr Testament gemacht?“ Und fügt an: „If yes, very good“.
Gegenüber eines (auch geschlossenen) Hundesalons begegnet mir zum ersten Mal das Wort „Brexit“.
Ein Plakat kündet ebenso phantasielos wie unglaubhaft die Brexit-Party an.
Wann? Wo? Der nächste Hinweis, den ich finde, ist konkreter: Ein Pub bietet auf
seiner schwarzen Menu-Tafel einen Brexit-Burger an. Bestehend aus den gleichen
üblichen Zutaten…
Die Fussballer von Fleetwood Town werden „The Cod Army“
genannt. Als eben die beliebten Cods noch paniert und fett aus dem Meer
gefischt wurden.
Fleetwood Town – Doncaster Rovers 2 : 1
Zum Schluss noch ein Vorschriften-Schmankerl von Fleetwoods
Strand: Fünf Hunde sind einer zu viel.


















