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Donnerstag, 13. Februar 2020

Ciara rockt










Und plötzlich ist sie da


Sie klopft nicht an die Tür – sie schüttelt gleich den ganzen Wohnwagen. „Hello, I`m the sister of Sabine. My name is Ciara“. Ein exotischer Name – ohne “h” nach dem “C”. Sie hält mich fest. No more „Rolling“, dafür jetzt „Rocking Sweet Home“.
Ob ich von ihrer Schwester gehört habe. Sie sei gerade drüben in Europa. (Europa, muss man wissen, ist der Teil des Kontinentes, der nicht „United Kingdom of Great Britain“ heisst. Stimmt auch nicht: Europa und der Kontinent stehen für dasselbe und sind die Asien westlich bis zum Atlantik vorgelagerten Länder minus das UK von GB.) Nächste Klammer: (Das war auch die unverständliche, beidseitige Fehlannahme der Brexit-Verhandlungen: Man kann gar nicht aus etwas austreten, zu dem man von God`s und Queen`s Gnaden nie gehört hat.)
Verständlich ist daher aber, dass der Sturm, der seit Tagen über die Asien westlich bis zum Atlantik vorgelagerten Länder minus das UK von GB hinwegfegt, nicht derselbe sein kann wie derjenige, der seit Tagen in England wütet. Und darum haben sie auch verschiedene Namen: Sabine der eine, Ciara der andere.

Nach Fleetwood heisst das nächste Ziel Sunderland. Das bedeutet, quer durch die nordenglischen Yorkshire Moors an die Ostküste zu fahren. Das mache ich in zwei Etappen, um wieder mal beim geliebten Tan Hill Inn, dem auf gut 500m höchstgelegenen Pub Englands, Halt zu machen. Es erwartet mich die Abendsonne, aber auch Reste von Schnee, der am Morgen gefallen ist. Am nächsten Tag ist von morgens bis abends blauer Himmel. Dog walking! In welche Richtung spielt keine Rolle, überall die Weite der braunen Moorlandschaft, manchmal unterbrochen von einem Hügel.





      
Dann Sunderland. Stadionbesichtigung heisst auch Stadtbesichtigung. Ob es hier noch eine alte Kirche oder ein Theater gibt und wie die Einkaufsmeile aussieht, interessiert mich nicht. Aber die Atmosphäre und den Zustand solcher Städte kann man auf dem Weg zum Stadion erleben. Viel Seelenloses, viel Darniederliegendes und neue Gebäude, die nicht verraten, was sich in ihnen drin befindet.
Das Stadion ist eines bis vor kurzem in der Premier League spielenden Clubs würdig, nämlich modern und riesig. Und sein Name ist es auch: Stadium of Light. Licht in die Herzen der Besucher – zum Match (dritte Liga) kamen 33`000 Besucher! Wie überall wird man begrüsst von einem in Eisen gegossenen Helden des Clubs, und wie fast überall herrscht im Clubshop ein Gedränge. Das zahlreiche, proper eingekleidete Verkaufspersonal scheint angewiesen zu sein, very friendly und helpful zu sein. Es scheint sich zu lohnen – Licht in die Herzen und Licht in die Kassen! Alles geht über den Ladentisch, von Kinder-Gummistiefeln bis Armbanduhren. Nicht wie überall sonst ist, dass es kein Bierlokal gibt, in dem man sich in der schmuddeligen Ambiente auf den Match einstimmen kann. Eben, man war mal upper class. Zahlt Eintritt, kauft teure Club-Souvenirs und sauft das Bier drinnen an den Catering-Ständen. Ein Lokal gibt es zwar, aber die Eingangskontrolle lässt nur die hinein, die Champagner mögen. Schräg gegenüber dieses Eingangs (England ist England!) nehmen zwei Frauen der Organisation „Food Bank“ nicht verwendete Lebensmittel entgegen. Ich staune, was da in kurzer Zeit wie selbstverständlich zusammen kommt.
Auch „wie selbstverständlich“ nehme ich die vielen leeren Industriehallen, die sich überlassenen Backsteingebäude  und die grossen brach liegenden Flächen auf dem Weg zum Stadion wahr. 33`000 Menschen pilgern den abgesperrten Strassen entlang oder auf Fusswegen durch dieses Gebiet zum Stadion des Lichts.

Die Black Cats besiegen die Tractor Boys mit 1 : 0









Jetzt hocke ich eben da, 10km südlich von Sunderland, auf einem eigentlich fantastisch gelegenen grossen Parkplatz am Meer, und die Ciara lässt mich nicht weiterziehen. Fahren scheint mir zu gefährlich, schon das Stehen ist aufregend genug. Nach den Wetterprognosen wird das noch ein paar Tage so bleiben. – Ciara rockt mich.