Und plötzlich ist sie da
Sie klopft nicht an die Tür – sie schüttelt gleich den ganzen Wohnwagen. „Hello, I`m the sister of Sabine. My name is Ciara“. Ein exotischer Name – ohne “h” nach dem “C”. Sie hält mich fest. No more „Rolling“, dafür jetzt „Rocking Sweet Home“.
Ob ich von ihrer Schwester gehört habe. Sie sei gerade
drüben in Europa. (Europa, muss man wissen, ist der Teil des Kontinentes, der
nicht „United Kingdom of Great Britain“ heisst. Stimmt auch nicht: Europa und
der Kontinent stehen für dasselbe und sind die Asien westlich bis zum Atlantik
vorgelagerten Länder minus das UK von GB.) Nächste Klammer: (Das war auch die
unverständliche, beidseitige Fehlannahme der Brexit-Verhandlungen: Man kann gar
nicht aus etwas austreten, zu dem man von God`s und Queen`s Gnaden nie gehört
hat.)
Verständlich ist daher aber, dass der Sturm, der seit Tagen
über die Asien westlich bis zum Atlantik vorgelagerten Länder minus das UK von
GB hinwegfegt, nicht derselbe sein kann wie derjenige, der seit Tagen in
England wütet. Und darum haben sie auch verschiedene Namen: Sabine der eine,
Ciara der andere.
Nach Fleetwood heisst das nächste Ziel Sunderland. Das
bedeutet, quer durch die nordenglischen Yorkshire Moors an die Ostküste zu
fahren. Das mache ich in zwei Etappen, um wieder mal beim geliebten Tan Hill
Inn, dem auf gut 500m höchstgelegenen Pub Englands, Halt zu machen. Es erwartet
mich die Abendsonne, aber auch Reste von Schnee, der am Morgen gefallen ist. Am
nächsten Tag ist von morgens bis abends blauer Himmel. Dog walking! In welche
Richtung spielt keine Rolle, überall die Weite der braunen Moorlandschaft,
manchmal unterbrochen von einem Hügel.
Das Stadion ist eines bis vor kurzem in der Premier League
spielenden Clubs würdig, nämlich modern und riesig. Und sein Name ist es auch:
Stadium of Light. Licht in die Herzen der Besucher – zum Match (dritte Liga)
kamen 33`000 Besucher! Wie überall wird man begrüsst von einem in Eisen
gegossenen Helden des Clubs, und wie fast überall herrscht im Clubshop ein
Gedränge. Das zahlreiche, proper eingekleidete Verkaufspersonal scheint
angewiesen zu sein, very friendly und helpful zu sein. Es scheint sich zu
lohnen – Licht in die Herzen und Licht in die Kassen! Alles geht über den
Ladentisch, von Kinder-Gummistiefeln bis Armbanduhren. Nicht wie überall sonst
ist, dass es kein Bierlokal gibt, in dem man sich in der schmuddeligen Ambiente
auf den Match einstimmen kann. Eben, man war mal upper class. Zahlt Eintritt,
kauft teure Club-Souvenirs und sauft das Bier drinnen an den Catering-Ständen. Ein
Lokal gibt es zwar, aber die Eingangskontrolle lässt nur die hinein, die
Champagner mögen. Schräg gegenüber dieses Eingangs (England ist England!)
nehmen zwei Frauen der Organisation „Food Bank“ nicht verwendete Lebensmittel
entgegen. Ich staune, was da in kurzer Zeit wie selbstverständlich zusammen
kommt.
Auch „wie selbstverständlich“ nehme ich die vielen leeren
Industriehallen, die sich überlassenen Backsteingebäude und die grossen brach liegenden Flächen auf
dem Weg zum Stadion wahr. 33`000 Menschen pilgern den abgesperrten Strassen
entlang oder auf Fusswegen durch dieses Gebiet zum Stadion des Lichts.
Die Black Cats besiegen die Tractor Boys mit 1 : 0
Jetzt hocke ich eben da, 10km südlich von Sunderland, auf
einem eigentlich fantastisch gelegenen grossen Parkplatz am Meer, und die Ciara
lässt mich nicht weiterziehen. Fahren scheint mir zu gefährlich, schon das
Stehen ist aufregend genug. Nach den Wetterprognosen wird das noch ein paar
Tage so bleiben. – Ciara rockt mich.












