Was für ein Satz!
Was für eine akrobatische Aussage!
Schau dir an, was du verpassest! Schau dir an, was du nicht siehst! „See what
you`re missing“! Leer schlucken und geniessen…
Musste ich zwei Wintermonate in England verbringen, um auf
diesen Satz zu treffen? Nichts sei Zufall, sagen sie. Alles gewollt. Der Sinn
erschliesse sich einem vielleicht erst später. Wenn überhaupt. Sagen sie.
Na also! Dieser Satz ist das Extrakt aus zwei Monaten
England. Eine Reise durch Verbotstafeln und Winterstürme, um zuletzt auf diese
Lebensweisheit zu stossen. Und wo? Angebracht an einem verlotternden
Fussballstadion!
Die Sturmwind-Symbole im Wetterbericht wechseln zwischen
rot-weisser und schwarz-weisser Windfahne. Stormy winds likely, wie es die
Cream-Tea-Trinker artig formulieren. Wie die Gefahren-Signale am Strassenrand
vor einer Senkung: Flood likely. – „No, I don`t likely.“ Zwar gibt es immer
noch ältere Männer, die mit kurzen Hosen dem Kanal entlang spazieren!
Auf die Fahrt zum Match nach Blackpool (die „Seasiders“
gegen die „Gills“), also wieder zurück von der Ost- an die Westküste, verzichte
ich wegen des Wetters, fahre aber ein paar Tage später doch weiter. Nach
Rochdale, in eine der vielen ehemaligen Industriestädte im Ballungszentrum von
Manchester. Angesagt ist das Spiel der „Dale“ gegen die „Superwhites“. Weil die
Superwhites aus Tranmere (Birkenhead, Liverpool) auch „The Superwhite Army“
genannt werden, ist es schon zu Problemen gekommen. Ein entsprechendes
Transparent musste entfernt werden. „Army“ ist eh nicht ein phantasievoller
Beiname, und „The Cod Army“ (Fisch-Armee) bei Fleetwood geht durch, aber hier
sei es um die Assoziation der Weissen, die farbige Völker verdrängt und
unterdrückt haben, gegangen. Geht es darum? Wo beginnen der Rassismus und
Faschismus im Fussball? Trägt im Fall der Tranmere Rovers der alte lateinische
Slogan des Clubs etwas zur Klärung bei: „Ubi fides ibi lux et robur“? – Wo
Treue ist, sind auch Licht und Stärke. Erinnert doch mehr an weniger lichte
Momente der Geschichte. Aber wenn man es nur auf den Fussball bezieht, so ist
die Haltung eben eine primitive und einfache: Man will gewinnen, man will den
andern besiegen, man will stärker sein, und das ist emotionaler und schöner,
wenn man seinen Verein hat und ein Spiel nicht (nur) als neutraler
Fussballgeniesser verfolgt. Daher die zweideutige Eindeutigkeit: Du kannst
miterleben, was du sonst verpassen würdest – „See what you`re missing!“
Genau dieses Spiel habe ich verpasst. Wie üblich bin ich
früh genug beim Stadion, das von seinem Äusseren her nichts Grosses verspricht,
zwischen Quartierstrasse und Niemandsland gelegen, auf der einen Seite eine
alte Kirche, auf der andern ein Fish&Chips Shop. Also alles angerichtet für
dirty und primitive football. Nur sind alle Tore geschlossen, alle Rollläden
heruntergelassen, und kein Mensch ist zu sehen. Ich ahne richtig: Auch die
Engländer erreichen mal den Punkt, wo sie keine Lust mehr haben auf kurze
Hosen. Das Spiel ist abgesagt. – Einen Kaffee trinken im Stadtzentrum? Draussen
am weissen Tischlein?
Meine Lust auf Kurze-Hosen-Temperaturen steigt andererseits.
Ich schaue Wetter- und Strassen-Karten an und addiere Distanzen. Von Rochdale
nach Valencia wären es 1`400 Kilometer…
Habe ich genug gesehen? Habe ich genug verpasst?







