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Mittwoch, 20. Mai 2020

Die kleinen Wunder










Verena Brassel hat heute Geburtstag!


Je  t`embrassel, mit mehr als dem vorgeschriebenen Abstand, aus dem Minervois – mit seinen Hügeln, unspektakulär schönen Dörfern, Wäldern, Bächen und Reben. Es riecht gut hier.

Du bist überrascht, weil wir uns ja gar nicht kennen, uns noch nie begegnet sind und noch nie voneinander gehört haben. Das hindert dich aber nicht daran, heute Geburtstag zu haben.
Du bist eines der vielen, kleinen Wunder. Daher gratuliert dir die gesamte Besatzung des RollingSweetHome, der Reiseleiter, der Chauffeur, der Koch, der Raumpfleger, der Reiseberichterstatter und das Schicksal (der kretische Hund Grameno, was eben auf Deutsch Karma und auch Ausgestossener bedeutet) zu deiner Wiege ganz feste.

Ich stelle mir vor: Mai 1949 – Nachkriegsaufbruchskind. Beim nächsten Aufbruch 1968 schon 19 Jahre alt – Peace, love and music? Zumindest peace, nehme ich an. Und heute? – besteigst du den Zug, weil du weisst, wo es den besten Grappa zu kaufen gibt.
(Ich möchte dich ja nicht von deinen Gewohnheiten abbringen, aber auf dem Splügenpass, ennet der Grenze, in Montespluga, steht die Enoteca la piu alta d`Italia mit sicher 50 Grappasorten zur Auswahl. Mit Postauto zu erreichen, Bergwandern mit Polenta-Hütte, am Abend im Ristorante richtig gut essen, Übernachtung auch möglich, dann mit der Beute ab nach Hause!)
Auch der Grappa gehört ja zu den kleinen Wundern. Wie auch der Geruch hier an meinem momentanen Aufenthaltsort. Vom Boden her röchelt der wilde Rosmarin, und oben lüfteln die Pinien. Das Pfeifen der Vögel macht die Stille greifbar, die Motocross-Bubis erinnern einen, wie der Muezzin, zweimal täglich an die Endlichkeit des Seins (und an das kleine Wunder des Benzinmotors).




Da die Rebhühner einem doch nicht gerade bien cuit in den Mund fliegen, gibt es fünf Kilometer talwärts einen grossen Supermarché, wo auch die unmaskierten Kunden (ich war nie ein Fasnächtler – und du?) Eier in der Bio-Sechser-Schachtel, viereckige Milch mit einer abgebildeten Kuh darauf und Hühnerschenkel, die vor lauter Freilauf den Heimweg jeweils kaum mehr fanden, kaufen können. Dazu sehr günstig. Ein kleines Wunder?
Du wunderst dich sicher auch: Nicht alle Wunder sind wunderbar. Ein knusprig gebratener Pouletschenkel ist es doch, rein gaumenmässig. Aber etwas bleibt störend zwischen den Zähnen haften. Mit dem Zahnstocher pieksen wir dann unser Gewissen. Ich weiss, ein Wort mit dem Glanz der Abgeschliffenheit, wie die alten Steinstufen eines Tessiner Bergdorfes. Sagen wir also kürzer: das Wissen. Wir wissen um unsere Widersprüche – diese sind die wahre Wundertüte!
Die zarte, neugierige, lust- und lebensfreudige Seite der Widersprüchlichkeit lässt sich ja gut ertragen. Man kann sich räkeln in ihr, man kann ihr auch mal die Sporen geben oder ihr einfach Danke sagen. Aber der fucking andere Pol! Vom Schlachthof bis zum Schlachtfeld, von der Dummheit zur Arroganz, vom Gartenzaunbollwerk zu den Aggressionsförderanlagen… Die Lebensfreude möchte wegschauen. Dem Denken ist es aber nicht wohl dabei. Die Widersprüchlichkeit wirkt, und der Allmächtige kann nichts dafür, dass er bloss eine Erfindung von Antwort suchenden Verwirrten und Verirrten ist. Was macht sie mit dir, the Widersprüchlichkeit of the life, Verena?

Vor vielen Jahren hat mir mein Freund Bernard eine Episode aus seiner Rotkreuz-Tätigkeit erzählt. Wenn man mitten in den Hotspots des Leidens und des Grauens war, im damaligen Peru oder El Salvador, in Ruanda, in Afghanistan, in Somalia und Haiti, dann ist man sehr unmittelbar mit der Frage des „Und was macht es mit mir?“ konfrontiert.
Es war in einem südamerikanischen bürgerkriegsgeplagten Land. Bernard „durfte“ ein Gefängnis mit politischen Gefangenen „begutachten“. Heute, mehr als 30 Jahre später, lebt die Erinnerung in ihm weiter. Und in mir als Lehrstück des Lebens.
Die befestigte 0-Stern-Herberge für die Insassen, viele gepeinigt und gefoltert, wurde für den Gast aufs Bestmögliche herausgeputzt. Alle erhielten eine Mahlzeit, serviert auf weissen Tischtüchern. Wie in einem alten italienischen Film: Tutta la grande famiglia sitzt im Innenhof bei Speis und Trank. Nur dass viele ausser den Padrones blaue Flecken um den traurigen Blick hatten. „Und dann, wenn du zurückfährst im weissen Jeep?“ „Der Weg führte über eine fantastische Bergkette. Oben musste ich anhalten, habe eine Kassette mit Verdis Rigoletto eingelegt,  laut aufgedreht, bin ausgestiegen und habe die Abhänge hinunter auf die Welt geschaut und habe gestaunt. Es war das Hier und Jetzt“.

Die Kassiererin im Supermarkt ist gut geschützt. Durch eine Plexiglaswand und mit Mundschutz und einer Art Helmvisier vor dem Gesicht, so dass ich ihre Frage erst beim dritten Mal verstehe, nachdem ich durchs näher Herangehen den Kopf an der Schutzwand angeschlagen habe: „Vous avez la carte du magasin?!“. Situationskomik – ihre Augen lachen.

Der greise Mann im Eckhaus sitzt immer am Fenster. Fast wie im Piloten-Cockpit. Durch ein Fenster sieht er geradeaus, durch das andere nach links Richtung Strasse. Die Fenster sind ziemlich hoch angesetzt für den im Lehnstuhl  Sitzenden. Der Pilot sieht das Land nicht, nur den Himmel. Ich bleibe stehen und winke ihm. Keine Reaktion – er ist ganz auf den Flug konzentriert.





Hast du das Video über Dato Vanishvili im Kapitel „Der Kanal lebt“ gesehen? Ich komme nicht von ihm los. „What should I do? Kill myself?”, fragt er in einem andern Video. „Ich habe kein Brot, ich habe nichts” und „Wohin soll ich denn gehen? Was kann ich denn tun?“ , fragt er über den Stacheldraht. Bizarr, absurd und doch real. Wunderlich?





Ist es zynisch, wenn ich alles, was erstaunlich und unerklärlich ist, als Wunder bezeichne? Immerhin, denke ich, ist es nicht zynischer als alles mit dem Willen des Big Master Almighty zu erklären. Es geht mir darum, das Unerklärliche als unerklärlich (oder als nur begrenzt erklärbar) anzunehmen, ohne es mit Gebetsmühlen in saubere und leichter tragbare Mehlsäcke zu packen.
Ich möchte mich weder als Generalsekretär bei den Zynikern, noch als Chef-Ideologe bei den Nihilisten bewerben. Da ist mir meine Teilzeitstelle bei den Ethikern und Sozialkritikern lieber. Denn: Die „Wunder“-Haltung schliesst eine persönliche Meinung und ein persönliches Engagement keineswegs aus. (Siehe Bernard!)

Ach, liebes Geburtstagskind, es hat doch so schön angefangen mit der Gratulation  von hinter den sieben Hügeln.  Leichtfüssig sollte diese dich erreichen.  Und jetzt habe ich dich in die Tiefe von hochfahrigen Versimplifizierungen gezerrt. Oder doch in die Höhen des tieffliegenden Normalverbrauchers?

Als Erklärung des Erklärlichen möge dir dienen:
Meine Reise hat mich das winterlich kalte England erfahren lassen, hat mir ein warmes Aufatmen in Spanien gewährt und mir dann in Frankreich am Canal du Midi für neun Wochen die Narren-Corona aufgesetzt. In England hat mich Freund Egon für zehn Tage besucht (eine schöne Abwechslung, nicht nur wegen der besuchten Fussballspiele der dritten Liga), und erst kürzlich habe ich am Canal du confinement die Hausbootkapitäne Bea und Paul kennengelernt (Danke nochmals für die exzellenten Tomatenspaghetti – ein kleines und veganes Wunder!).
Der Rest war Alleinsein. Gutes Alleinsein. Inklusive das kleine Wunder der langen Weile. Und inklusive Telephone und Wozzäpps der Allerliebsten aus der Schweiz, aus Rumänien, aus Spanien, aus den Philippinen, aus Armenien, aus Kirgistan (Dank an euch und Dank ans Internet, und speziellen Dank an my sister Felicity – du weisst wofür!). Bald geht`s, nach fünf Monaten, zurück nach Sao Galo.

Wie es gemeinplätzig immer wieder heisst: „ Jede Reise führt dich zu dir selber“. Es stimmt!  . . . und zu kleinen Wundern . . . , gell Verena. – Happy Birthday!