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Freitag, 2. Juli 2021

Still stehen

 


 

 

 

 

 

 

 

Das Leben auf der Scholle geht weiter.

 

Oder steht es still? Weiss nicht. Ist auch gar nicht von Bedeutung. Es ist einfach. Und es ist gut.

Giorgos und Zakis sind inzwischen fertig mit ihrer Arbeit. Als Letztes mussten die unerwünscht wuchernden Gestrüppe entfernt werden. Nicht mit Chemie – mit der Säge. Viel Arbeit – für bessere Öl-Qualität. Manchmal war`s kalt – also Pause im Wohnwagen. Zakis tanzt mit dem mobile phone und zeigt, dass der Wohnwagen 5 Grad Neigung hat. Das habe ich selber auch gemerkt, da sich das Öl in der Bratpfanne nur in einer Hälfte verteilt. Aber der Beweis mit dem Handy belegt es mit einer gemessenen Zahl, und somit ist auch die Tragweite des Problems ernster zu nehmen… 


Doris spricht Berndeutsch. Aber nur mit mir. Mit andern spricht sie Griechisch. Vor mehr als 30 Jahren hat sie die Schweiz verlassen, um in Kreta ein anderes Leben zu führen. Eines, das schmutzige Hände macht, aber den Herzschlag spüren lässt. Dolce vita mit Arbeiten da und dort und ein paar Taler monatlich. Ohne Fangnetz. Chapeau!

Durch sie wird mir der Zugang zur High Society erleichtert.  Da ist zum Beispiel Gurutis, der ein Leben führt, das einen früh sterben oder ewig leben lässt. Er hat immer einen Schreibblock dabei, denn wenn er mal nicht redet (kommt vor), dann schreibt er – von einem Olivenöltropfen auf Kreta und der Aphrodite. Sein Sohn ist weggerannt und wird jetzt als Langstreckenläufer gefördert. Zäh und knorrig sind sie, wie die Olivenbäume.


Viele Frauen wollen nicht mehr mit ihren Männern zusammen sein. Und die Männer verstehen nicht warum. Müssten die Olivenbäume beweglicher werden?

Vangelis lebt allein in einem kleinen Dorf, das am steilen Abhang klebt. Weiter hinauf schaffen es nur noch die Ziegen. Weiter unten hat er seine Olivenbäume. Hier verbringt er seine Zeit. Mit Steinmauern hat er das Gelände über Jahre terrassiert – es ist ordentlicher hier als in seinem Haus. Unter den grossen Bäumen befindet sich ein Bänklein, eine Harasse mit einem Brett drauf, wo er sitzen, rauchen und Raki trinken kann. Einmal ist sein Pick-up den Hang hinuntergestürzt, weil zu viel Raki im Tank war. Manchmal geht er bei Doris vorbei. Um zu schwatzen und bekocht zu werden.  Sie besorgt ihm Zigaretten in der Zivilisation, er bringt mal einen Honig mit.

Letzten Sonntag hat er uns zu sich nach Riza eingeladen – zum Zwiebeln Setzen. Heile Welt! Erde, Zwiebeln, weiss getünchte Häuser, die Schaukel auf dem Platz vor der Kirche rostet vor sich hin (gibt`s noch junge Menschen hier?), eine umwerfende Aussicht – und ein Schlückli Raki.    









Auf meinem Grundstück bin ich weiter am Markieren. Spuren setzen. Steine setzen. Spuren hinterlassen? Ob mich auch meine Frau nicht mehr aushalten würde? Meine Selbstzufriedenheit auf der Scholle?

Das Handy verbindet mich mit der „richtigen“ Welt. Mit den Corona-Sterbe-Zahlen in Grossbritannien, mit den Corona-Überdruss-Krawallen in St.Gallen, mit Fussballberichten, mit Kochrezepten, mit Reiseberichten aus Russland, mit Staumeldungen zwischen Bern und Zürich und mit lesbischen Hochzeiten in Vietnam.

Ich sende zurück: Ein Stein-Whatsapp aus Pyrovolopetra.