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Freitag, 2. Juli 2021

Unter Geiern

 

 






 

 

 

Nur einige Meter von mir entfernt...

Zu dritt oder viert stehen sie auf dem Felsvorsprung. Über ihre Geierschultern gucken sie nach hinten zu mir. „Tot stellen“ denke ich reflexartig. „Bei Geiern nicht zu empfehlen“ google ich, auch reflexartig. Derweil kreist ein halbes Dutzend ihrer Kollegen über mir.

 

Damit ist das aussergewöhnlichste Erlebnis der letzten Wochen erzählt. Sonst habe ich nichts erlebt. Einfach nichts. Keine Abenteuer, keine Überraschungen, keine Begegnungen. Eine grosse vorbeiziehende Schaf- und Ziegenherde lässt einen Tag sich bereits von den andern abheben. 


 

Vielleicht könnte ich noch den auf dem steilen Weg neben meinem Wohnsitz stecken gebliebenen roten, altersklapprigen Pickup als einschneidendes Erlebnis erwähnen. Nach drei der fünf härtesten Kilometer zur Höhe hinauf gibt der Motor seinen Dienst mit heissem Husten auf. Die auf der Ladebrücke eng zusammengepferchten Geissen können eh nichts anderes als stehen zu bleiben. Der weisshaarige und weissschnäuzige Fahrer steigt aus, setzt sich auf einen Stein und zündet sich ruhig eine Zigarette an. Dann ein Startversuch, ohne Erfolg, also die nächste Zigarette. Dann die Motorhaube öffnen (sofern man etwas öffnen kann, das sich gar nicht mehr schliessen lässt), den überhitzten Motor einfach nur anschauen, von mir offeriertes Wasser oder Öl stoisch ablehnen, auch einen Kaffee oder Raki für ihn himself, und sich wieder in den Schatten des Baumes setzen. Keine Aufregung, der Tag dauert ja noch einige Stunden, und morgen kommt bestimmt wieder einer. (Die inzwischen ausgegangenen Zigaretten könnten dann zu etwas Aufregung führen.) Da kann der Schweizer noch lange grossherzig und anteilnehmend sein Überbrückungskabel und Abschleppseil schmackhaft machen. Nach einer Weile kommt die Rettung. Von unten. Ein weiterer geissenüberladener Pickup kämpft sich heran. Und jetzt gibt`s „action“ (zur Hälfte zwar gespielte)! „Du kümmerst dich einen Scheiss drum, ob dein Auto Wasser und Öl hat! Wichtig ist dir nur, dass du deinen eigenen Ranzen füllen kannst, malaka!“ Und ich solle mit meinem Hund das Weite suchen! (Für Kreter ist ein Hund evolutions- und genmässig per se unerziehbar.  Man hat sie einfach, wie einen Toyota, aber da man sie beide ohne Wasser und Pflege sich selbst überlässt, ist ihnen nicht zu trauen.) Die Ziegen werden freigelassen – in kürzester Zeit springen sie vom Pickup und verschwinden hinter den Bäumen und Felsen. Mit einer Formel1-Drehung rückwärts wird der Toyota talwärts gerichtet, und der Fahrer holpert im Leerlauf zurück ins Dorf hinunter. Und die Ziegen? Sie wandern seither durch die Gegend, befreien alle angeketteten Hunde und planen, zusammen übers Meer zu schwimmen und sich im Elsass oder Allgäu anzusiedeln. (EU-Niederlassungsfreiheit)



Bienen bringen den Nektar in die ihnen zugewiesene farbige Holzkiste. An vielen Plätzen stehen solche in mehreren Reihen. In diesen Holzkisten entsteht dann – magic! – Honig. Je mehr Holzkisten, desto mehr Bienen, desto mehr gefüllte Honiggläser. Desto mehr glückliche, honigverschmierte Frühstücksmünder. Frage: Wie viele Bienen ertragen die Bäume? Haben die zum Teil schwarzen (wie angebrannten) Stämme der Kiefern einen Zusammenhang mit den vielen von weither gebrachten Bienenvölkern? Sind die bienensterbenden Bienen die Ursache eines Bienenwaldsterbens? Weiss der Geier! Falls es den überhaupt interessiert. Jedenfalls gebe ich täglich einen Löffel dieses Bienengesummes ins Griechische Yoghurt.  



Eben: Wenn zahme Geier, ein gestrandeter Toyota und überfleissige Bienen als Abwechslung und Inspiration herhalten müssen, lässt sich daraus ablesen, wie unheimlich spannungsgeladen mein Leben auf der Alm ist. Und immer dieser gleiche Blick auf diese immer gleichen Bäume vor und hinter dem Rolling Home. Bei immer diesem gleichen Wetter – Sonne bei 23 Grad, Abkühlung auf die Nacht. Und immer diese Entscheidung am Morgen: Erster Kaffee und erste Zigarette im Bett oder draussen bei aufgehender Sonne? Immer wieder – auch – die sich meldende Frage, wenn ich Lockerheit und Glück vortäuschend mit übereinandergeschlagenen Beinen durch die sturen Steineichen starre: „Habe ich soeben etwas gedacht oder nicht?“ Doch, ich habe gerade gedacht, was der Hund wohl denkt hinter seinen halb geschlossenen Augen. Weiss der Geier…





Das Mini-Kirchlein gleich unter mir am Strässchen könnte zur Wegbeschreibung für private Besucher dienen („Gleich nach der Kirche links!“).  Es leuchtet in seinen hellen Farben wie die echte Kirche von Kalami, einem bis auf drei bewohnte Häuser  ausgestorbenen und verfallenden Dorf zwischen den steilen, trockenen Hängen. Frisch gestrichen strahlt das Kirchlein inmitten der grauen und braunen Hausruinen, deren arme Seelen sich in den Himmel oder in die Metropole Athen verabschiedet haben. Doch das Domizil des Allmächtigen wird für dessen allfällige Rückkehr bereitgehalten.   




Das Ziel aller an mir vorbeiziehenden Schafe, Geissen und Pickups ist die Omalos-Hochebene, quasi die Endstation der sich von Kato Simi weitere 600 Höhenmeter hinaufschlängelnden Strasse. Dieses relativ kleine Plateau (ca 5 Quadrat-Km) ist rundum von Bergen umgeben. Im Frühling bildet sich durch das Schmelzwasser ein kleiner See, dessen Austrocknen besagte Meckerer und Blöker in ihrer Sömmerung mitverfolgen können. Manchmal zieht ein Adler seine Kreise in den Lüften, geduldig auf seinen Moment wartend. Die Bäume sind noch mehr vergreist und verknorzt hier oben, aber sie sind standhaft und überzeugt, dass sie den Kampf gegen die Ewigkeit gewinnen werden.





Soll ich mich in dieser Umgebung über mangelnde Erlebnisse beklagen? – Die Umgebung ist das Erlebnis.  Und niemand soll mich fragen, was ich denn die ganzen Tage tue. Wenn doch, lautet die Antwort: Eigentlich nichts. Doch: Ein Buch habe ich gelesen während den letzten vier Monaten. Ergibt durchschnittlich fünf Seiten pro Tag.

Wie schön und erfüllend ist es, alles auf den Beinahe-Stillstand zu bringen. Doch es gab in diesen vier Monaten auch die andere Seite. Die Verbindung zur entfernteren Welt. Das Internet schafft es ja, in jede entlegene Ecke zu kriechen. Telephongespräche mit Freunden können sehr intensiv sein, auf dem Olivenhain nahm ich gedanklich an der Heirat eines meiner Söhne teil, ein paar Spiele des FC St.Gallen konnte ich mir live im Kleinformat ansehen, und die Zeitung war jederzeit druckfrisch abrufbar. Das Schicksal der armenischen Familie war immer präsent. Ist es zu schaffen, sie aus ihrem zwischen Azerbaidschen, der Türkei und Russland zu zerquetschen drohenden Land hierher zu bringen? „I am watching the helicopters above us in the sky, and listening to the moving of artillery.” – “Even Russia is not my favourite country, it is the only option for us now. Should I move there with the family? I am scared to get away from the fire and then to get drowned in the water… The war can start again any minute, then it will be too late to escape”.  Und ich schwafle von der Schönheit des Lebens in der Abgeschiedenheit und trinke ein Glas Wein, wenn der FCSG gewinnt (oder verliert). 

Lapidar-philosophisch geht es darum, das Gleichgewicht zwischen dem einfachen Schönen und dem schwer fassbaren Schlechten zu finden. Dieses einfache Schöne war tagtäglich spür- und erlebbar, wohl auch deshalb, weil es zwischen den ewigen Steinen Bäumen gar nicht möglich ist, sich im Zuviel des Unnötigen zu verzetteln.

Den Schlusssatz kriege ich nicht wirklich hin: Ich möchte etwas formulieren über das Dasein unter echten Geiern im Vergleich zu den getarnten und bedrohlicheren der „richtigen“ Welt.

 Nun denn, die Fähre zurück ist gebucht, und Kreta ist bereit für die Sommergäste. Ein Tipp: Fly safely with Geier Air!