Zurück im Karpatenbogen
Von Osten , von Moldawien kommend, erreiche ich Rumänien – das Land der unbeschränkten Möglichkeiten. Es ist fast wie nachhause kommen. Fahrend, vom Auto aus erlebt, treffe ich Vertrautes. Die langgezogenen Ortschaften (auf beiden Strassenseiten zwei Häuserreihen, kilometerlang, ohne Zentrum, die Kleinläden, „Magazin mixt“, zwischen Strasse und Häusern verläuft ein Graben, jedes Haus mit einer kleinen Brücke zugänglich, vor dem obligaten Zaun eine Sitzbank, Leute mit Handwägelchen, eine oder mehrere Kirchen, Kruzifixe). In den Dörfern und auch über Land Pferdefuhrwerke und viele Verkaufsstände (Früchte, Beeren, zur Zeit viele Melonen, Gemüse, Schnäpse), grössere Stände oder ganz kleine, mit zwei, drei Sachen auf einem Schemel, man sitzt dahinter und wartet – und eben: alle bieten das Gleiche an. Die Strassen sind gut, aber man hüte sich vor Bahnübergängen. Nicht dass man von einem Zug erfasst werden könnte, denn die Bahnlinien sind fast alle stillgelegt. Die Übergänge an sich sind in einem desolaten Zustand, und man muss sie früh genug erkennen. Weiter fallen (auch vertraut – Rumänien ist Rumänien) zwei andere Dinge auf: Das eine sind die Wegweiser, die auf ein Kloster aufmerksam machen, das andere „Ding“ (die beiden halten sich zahlenmässig die Waage) sind die Frauen, die sich am Strassenrand anbieten. Nicht als aufgemotzte Prostituierte, sondern „einfach“ als Frauen zwischen 20 und 40.
In Rumänien einen Übernachtungsplatz zu finden, ist sehr einfach. Auf eine Nebenstrasse abbiegen und auswählen. Am Morgen gehen Hündchen und ich spazieren. Nach fünf Minuten treffen wir auf ein Kloster! Nein, nach weiteren zehn Minuten sind wir nicht auf eine Prostituierte gestossen! Aber auf ein kleines Paradies. Wo man kein Haus mehr erwartet, steht auf der andern Seite des Baches ein schönes, mit Blumen üppig geschmücktes Haus. Hingehen und anschauen – und schon sitze ich im Schatten eines Baumes beim Kaffee. Und was folgt fünf Minuten später? Der Ţuica! Oder ist es ein Palincâ? In welchem der osteuropäischen Länder heisst welcher Schnaps wie? Ein Ţuica ist ein klarer Pflaumenbrand. Wer nach Rumänien kommt, lernt als Erstes „Buna ziua“ (Guten Tag), „Ce faci?“ (Wie geht es dir?) und dann gleich „Ţuica“. Meistens selber gebrannt und immer „der Beste“. Gigi, so nennt sich der 77-jährige Gheorghe, bringt aber einen roten, likörähnlichen Schnaps. Wie üblich abgefüllt in eine Plastikflasche. „Foarte bun!“ Ein Gläschen folgt dem andern – es ist Morgen und ich habe noch nichts gegessen… Tatiana, seine Frau, hält tapfer mit. Und da kommen wieder mal Lebensgeschichten zusammen! Sie zeigt mir alte Photos von ihrem ersten Ehemann. Er sei mit 36 Jahren gestorben. Oh! Erschlagen worden wegen einer Geldgeschichte. Sie habe dann (alles in der Zeit von Ceauşescu) in einem Lebensmittel-Import-Export-Betrieb gearbeitet und habe so einige Länder kennengelernt. Sie und auch Gigi haben je eine Tochter, die in Deutschland, bzw. Frankreich leben. Gigi scheint mir ein ruhiger, offener und zufriedener alter Mann zu sein. Er zeigt mir, wie er hinter dem Garten Schnaps brennt. Wenn Tatiana nicht dabei ist, kommt er auf Frauen zu sprechen. „Fickificki, inţeles!“. Wichtig um fit zu bleiben. Schön, sage ich. Bei der nächsten Gelegenheit (während Tatiana in der Küche etwas zubereitet) zeigt er mir Photos auf seinem Handy. Cristina, 28, aus… und Mihaela, 26, aus… Gigi l`Amoroso! Mit seinen alterssteifen Hüften und den krummen Beinen. Tatianas Suppe ist eine Wucht – „Foarte bun“! Und nicht genug – wir sind ja in Rumänien – plötzlich piepsen unsere Handys, gleichzeitig. „Alert de ursu“ – Bärenalarm! Ein Bär befinde sich in der Nähe, warnt mich auch das Schweizer Handy. Oh rumänisches Paradies!
Im späteren Nachmittag, ich sitze im Wohnwagen und lasse den Schnaps und das Erlebte sich mal setzen, steht auf einmal jemand vor der Tür. Tatiana mit ihren zwei Pekinesen-Hündchen. Wir trinken Kaffee, und sie erzählt vom Leben. Ist es mein Rumänisch oder ist es die Sprache des Lebens, die mich alles verstehen lässt? Das Leben sei hart, meint sie abschliessend, und ich sehe vor mir das paradiesische Haus, das beinahe versinkt im Blumengarten.







