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Dienstag, 7. September 2021

Bären-Hoch-Zeit


 

 

 

 

 

 

Wälder, Berge, Kirchen, Käse, Schnaps (und Cola), Ospitalitate, Kurven, Bären, Bräute und Hexen

 

 

Schon die dreisprachige Ortstafel ist ein kurzer Blick auf die Geschichte: Braşov – Kronstadt – Brasso. Die Sachsen, die Habsburger, die Osmanen, die Ungarn… Zehn Jahre lang hiess es auch Oraşul Stalin (Stalinstadt). Rumänien, ein Schmelztiegel der Geschichte, der Kulturen, der Sprachen, ein Schmelztiegel zwischen Fortschritt und Rückständigkeit, Gott und Sünde, Schön und Hässlich. Heute sind es in Braşov die Touristen, die die Altstadt völkerwandernd besetzen.  Die Menge frisst sich der langen Reihe von Strassencafés entlang, deren Sonnenschirme und Zeltdächer den Blick auf Fassaden und Plätze nur noch beschränkt ermöglichen. Die gebackene Entenbrust und der ungarische Rotwein des transsilvanischen Restaurants hinterlassen bei mir den tiefsten Eindruck. Einen Ausflug zum nahegelegenen Dracula-Schloss ziehe ich nicht in Erwägung. Der TpQ-Wert (Touristen pro Quadratmeter) soll dort noch höher sein. 





 

Durch die Weiten Siebenbürgens gelangt man zu den Südkarpaten. Hier befindet sich der Nationalpark Gradiştea Muncelului-Cioclovina, bzw. die frühere Römische Provinz Dakien. „Dacia“, (auch Namensgeber für die rumänische Automarke). Schon vor den Römern war es ein Zentrum für Handel, Religion und Spiritualität. Auch von Hexen ist die Rede. Von Archäologen freigelegte Tempelanlagen zeugen davon. Ebenso eine barfuss spürende und vor sich hin summende Besucherin. Lauter summen und frohlocken konnte und kann man über Goldfunde. Ein kleiner Zungenschnalzer der ausgegrabenen goldenen Spiritualität ist in einem Raum ausgestellt. 


 

Hinter dem hintersten Ort des Tales lebt Denisa. Sie ist daran, das Dringendste an ihrem Haus zu reparieren. Eigentlich müsste alles neu gemacht werden, vom Fundament bis zum Dach. Man hat ihr vorgerechnet, dass es weniger kosten würde, ein neues Haus zu bauen. Der Charme des jetzigen Grundstückes wäre so aber nicht zu retten. Denisas Charme geht so weit, dass ein Raum schnell in ein Gästezimmer umfunktioniert ist, inklusive ein reichliches Frühstück mit Steinpilzen der Umgebung unter der Traubenpergola. Mulţumesc mult! Die Eier sind von der Nachbarin (mit dem 4x4 und mutiger Fahrweise nur fünf Minuten entfernt).  Sie will sich – trotz Alter, Alleinsein, sehr kargem Leben und kaltem Winter – nicht von ihren Wurzeln trennen. Ihr 4x4 ist der Knecht. Die frühere Art der Knechte ist in Rumänien immer noch verbreitet. Arme, aber nicht unglücklich anmutende Seelen, von Kindheit an zum Tölpel geformt, die für den Patron gehorsam die Arbeit verrichten, nicht mal ein eigenes Zimmer haben, ihre tägliche Suppe kriegen und das wenige Geld, das sie für Bier, Schnaps und Zigaretten brauchen. Einer kommt über den Hügel vorbei, suckelt am Bierchen wie an einer Milchflasche und erzählt, er habe eine Schwester in Spanien. Wo ist Spanien?



 

 



 

An einem Abend treffen wir unten an der Strasse auf einen Treffpunkt solcher verstreuter Seelen. Aus einem alten Wohnwagen (die Schweizer Vignetten kleben noch an der Scheibe) wird Bier, Schnaps und Cola verkauft. Und Schokolade! Es gibt sie immer noch, die Schokoladenmarke „Africana“ aus der Zeit von Ceauşescu. Mit dem Preis von 2.50 Lei viel günstiger als früher , als man mit Millionen-Scheinen bezahlt hat! Oder, als härtere Währung, mit westlichen Kent-Zigaretten. Von einem der nächtlichen Bankdrücker, mit dem wohlklingenden Namen Gavrilaş, die Arme auf den Tisch gelegt und seine Pepsi-Flasche vor den Augen (er macht gerade einen selbstverordneten Entzug), erfahre ich, dass er auch in einem Wohnwagen lebt. Me-too-Solidarität! Mit oder ohne Vignette. 





Das nächste Ziel ist Curtea de Arges, südlich der Karpaten in der Walachei gelegen. Es hat natürlich auch seine Geschichte, war mal die Hauptstadt von… Jetzt wird es viel besucht wegen seiner berühmten Kirche. Wer hier eine Kerze anzündet, dem ist der Lottogewinn zwar nicht sicher, aber sicher sicherer. Was dem Autocar-Reisenden sicher sicher ist, ist der verlockende Souvenir-Ramsch. Das Angebot ist breit – es gibt nicht nur die obligaten Heiligenbilder, es reicht bis zu Maschinengewehren für die Kleinen unter den Wallfahrern. Das (wenigstens vordergründige) Bekenntnis zum „Dumnezeu“ (Herrgott) ist im ganzen Land gross. Man dankt ihm mit dem Bekreuzigungszeichen für jeden Furz oder Nicht-Furz. Beim Eingangstor zum Kirchengelände sitzt eine Zigeunerin und bettelt, gegenüber steht eine ärmlich gekleidete Frau mit Traktätchen und versucht, die Vorbeigehenden von der Richtigkeit des Richtigen zu überzeugen. An der Haupt-Avenue (es gibt keine andere) spielt sich das profane Leben mit Läden und Restaurants ab. Curtea de Arges, eine Provinzstadt, die dank Dumnezeus Eigenheim und Richtigkeit eine Verbindung zur richtigen Welt bewahren kann. 






 

In Curtea de Arges beginnt auch die Transfagaraşan, die 120km lange und auf 2000m führende Passstrasse in den Norden nach Transsilvanien. Und wer hat sie erfunden? – Der Nicolausi Ceauşescu! Wenn man sich, fast zuoberst, im Tunnel befindet, dessen Bau eine unbekannte Zahl an Todesopfern gefordert hat, und wenn gerade keine Motorräder hindurch rattern, meint man die Einflüstererstimme von Ceauşescus Elena zu hören: „Du schaffst das, Klausi, zeig`s ihnen!“ Dieselbe Stimme, die am Vortag von ihres Gatten Sturz, hoch oben auf einem Balkon, unten die grölende und pfeifende Menge, er perplex und hilflos mit hochhaltender Hand vergeblich Ruhe gebietend, die ihm also zugeflüstert hat: „Sag ihnen, das Brot werde morgen 10 Lei günstiger!“ Nicht unbedingt günstig ist der Bergkäse, der an Ständen am Strassenrand feilgeboten wird. Ist aber verständlich, wenn man sieht, dass er von weit unten im Tal hinauf zu diesen Ständen gekarrt und so zum Bergkäse wird…

Und plötzlich zeigt er sich – der Bär! Ruhig steht er am Strassenrand, interessiert sich nicht für das Auto, das neben ihm anhält, sondern für das frische Grün nebenan. Na und, halt einer der vielen Karpatenbären. „Na und, halt einer der vielen Karpaten-Touristen“, denkt er. Ein Stück weiter bewegt sich auf einem Vorsprung oberhalb der Strasse etwas Weisses. Ein Brautpaar wird in dieser imposanten Ambiente in Szene gesetzt. – Honey-moon ziehe die Bären an, sagt man.