Immer mal wieder etwas Unerwartetes
Das streichelt die Reiseseele. Dass Balţi (sprich: Balz) weder umwerfend schön noch atemberaubend interessant sein wird, habe ich erwartet. Es ist die zweitgrösste Stadt Moldawiens, man spricht grossenteils Russisch und fühlt sich auch so. Eine Altstadt gibt es nicht, ein Zentrum auch nicht, ausser man bezeichnet die Hauptstrasse, an der sich alte und neue Läden befinden, als solches. Parallel zu dieser Strasse verläuft die Flaniermeile mit ein paar amerikamässigen Coffeeshops und Fastfoodbuden.
Hier stosse ich auf ein grösseres, echtes(!) Restaurant mit Gartenwirtschaft. Haben die wirklich alles, was auf der Karte schön präsentiert daherkommt? Sie haben`s. Ich esse eine marokkanische Tajine mit Couscous, Gemüse und Pflaumen. Dazu trinke ich einen sehr guten moldawischen Rotwein, und zuletzt gibt`s einen Espresso mit (auch einem sehr guten moldawischen) Cognac. Sicher können sich dies im nach Statistik ärmsten Land Europas nicht alle leisten, andererseits machen mir die Gäste nicht den Eindruck von Reichen und Angebern. Sicher gibt es Armut in diesem Land, aber ich sehe, was ich antreffe, und auf den vielen Kilometern über zum Teil holprige, löchrige und unasphaltierte Nebenstrassen habe ich das klassische Armenhaus-Bild nicht zu sehen bekommen. Mir scheint, das Problem liegt mehr im Gefangensein in der Rückständigkeit. Es fehlt der Anschluss an die Welt rundherum, es fehlen Möglichkeiten und Perspektiven. Auch in Balţi preist ein Büro mit grossen Buchstaben Arbeit in Europa an. Was ja schon mal heisst, dass man hier nicht in Europa ist. Ion hat gesagt: „Wir Alte haben uns eingerichtet, aber für die Jungen ist es ein Problem“. – Wie oberflächlich ist meine Sicht? – Die Herren Marx, Engels und Lenin sind im doppelten Sinn zu weit weg, um in die Tajine zu spucken. Und die Photoausstellung mit dem Titel „Realitate“ können sie auch nicht sehen, da sie an der falschen Seite des Zaunes hängt.
Eine andere Überraschung ist der Besuch eines Fussballspiels. Die oberste Liga, die „Divizia Naţionalâ“, besteht aus acht Teams. Mit dabei sind zwei Mannschaften aus dem abtrünnigen Transnistrien, dem nicht anerkannten, sowjetnostalgischen Kleinstaat östlich des Flusses Dnister. Sie fallen schon mal durch ihre Namen auf: Dinamo-Auto Tiraspol und Sheriff FC. Letzterer spielt auch international und wird alimentiert von einem transnistrischen Möchte-gern-Oligarchen, der unter dem Namen „Sheriff“ auch Tankstellen und eine Supermarktkette unterhält. Überhaupt werden die Clubs propaganda- und wohltätigkeitsmässig von Politikern bezahlt. Eintritt muss keiner bezahlt werden, das Stadion befindet sich in einem bescheidenen Zustand, das Publikumsinteresse hält sich in Grenzen und die Atmosphäre hat Dorfcharakter. Für den Einlass gilt die Maskenpflicht, aber wirklich nur für diese kurze Zeit… Was dann aber während des ganzen Spiels streng eingehalten werden muss, ist das Rauchverbot (gilt übrigens auch für den Aussenbezirk von Restaurants) – Der FC Balţi gewinnt gegen den Letzten aus Floreşti mit 3:1.











