Seiten

Montag, 13. September 2021

Romania este Romania


 

 

 

 

 

 

 Und nochmals geht`s in die geliebten Karpaten

 

 

Von Braşov aus in südöstlicher Richtung. Bei einem in Wald- und Weidegebiet angelegtem Stausee, dem Lacul Siriului, gefällt es mir. Also den schönsten Platz für einen Aufenthalt finden. 300m diesen steilen Naturweg hinauf zum kleinen Plateau! Und es macht „Bumm“! Very bumm. Hinten hängt der Anhänger an einem zu grossen Stein ein. Der Rahmen der Hintertür wird von unten her bis oben herausgerissen. „Open end“ quasi. Very open end. Nichts zu machen, ausser nur etwas für den Moment: Positiv denken – auch auf Englisch: „Positive sinking“. Das sind konkret zwei Gedanken: 1. zum Glück ist das in Rumänien passiert, 2. erst mal wie geplant den herrlichen Platz geniessen. Ich bleibe drei Tage. Mit der Exklusivität, ein Schlafzimmer mit Aussicht zu haben.



 

In Buzau (stellvertretend empfohlen als Besuch einer durchschnittlichen rumänischen Stadt, wo aber nur der Fan auf die Rechnung kommt) suche ich eine Werkstatt. Die erste Werkstatt sagt, sie könne das nicht machen, man beratet aber und telephoniert herum, wohin man mich schicken könnte. So lande ich bei einem Betrieb, der Fenster herstellt. Aha: Aluminiumrahmen! Jetzt wird es noch „rumänischer“. Erst kommt so etwas wie eine Absage. Es wird aber genauer hingeschaut und jeder, vom Chef über den Büroangestellten bis zu den Arbeitern, inspiziert den Schaden und diskutiert. Der, der am wenigsten sagt, sagt scheinbar am meisten. Nämlich, wie es gemacht werden könnte. Fazit: Sie wüssten nicht, wo ich das in der Stadt repariert bekommen könnte, also würden sie es versuchen. Da sie aber sonst viel zu tun hätten, müsse ich schon mit zwei, drei Tagen rechnen. Und ich könne auch hier auf dem Gelände übernachten.

Ich fahre mal (ohne Wohnwagen) ins Zentrum. Wie überall hat es auch hier (zu) viele Kleiderläden. Mir gefallen immer die präparierten Leichenteile, über die die Hosen und Blusen zur Präsentation gestülpt werden. Beine, amputierte Beine, geköpfte Oberkörper, armlose Oberkörper, bemalte Skalps mit Hüten drauf, alles oft mit Schrammen und Beulen. Das Meiste draussen vor dem Laden in Reih und Glied. Dazu treffe ich auch den schönsten Blumenladen und den schönsten Geldspender Rumäniens an. Alles hat seinen Stil.





 

Als ich von der Stadt zurückkomme – es ist schon dunkel – wird es noch rumänischer: Tatsächlich sind sie schon jetzt zu dritt im Scheinwerferlicht am Arbeiten. Alles ist demontiert, auf dem Boden ausgebreitet und wird zurechtgebogen und -gehämmert. Rumänisch – 3: Der Patron, ein ruhiger Typ, bittet mich in sein Büro, zum Plaudern und Kaffee Trinken. Vor allem aber holt er eine grosse Pet-Flasche hervor. Ţuica natürlich, und wie immer selber gebrannt und 100% Natur! Es ist schön, mit Cornel zu reden. Er erzählt, wie er den Betrieb nach Ceauşescu nach und nach aufgebaut hat. Je mehr Pflaumensaft fliesst, desto besser wird mein Rumänisch. (Die Grammatik ist zwar nicht einfach, aber auch viele Rumänen scheinen es mit Pronomen, Präpositionen und Präservativen nicht immer genau zu nehmen.) Am Schluss – man sieht das ziemlich gut voraus – wird aus der XXL-Flasche eine XL-Flasche zum Mitnehmen für mich abgefüllt. Inzwischen ist es schon fast Mitternacht. Ein Arbeiter kommt uns entgegen. „Gata“, sagt er (fertig). Ich staune und bedanke mich für ihren Sondereinsatz und für das Resultat. Das Trinkgeld wollten sie erst gar nicht annehmen – sie hätten doch einfach gemacht, was gemacht werden musste. Aşa este Romania!



 

Nach einer Übernachtung in der Prärie (der Südosten ist ziemlich flach) bin ich am nächsten Tag in Costanţa am Schwarzen Meer. Meine Erinnerung daran ist das alte und verlotterte Casino und der Karikaturist, mit dem ich damals gesprochen habe. Angeschlossen an Costanţa, auf einer Landzunge gelegen, ist Mamaia, das Rimini Rumäniens. Hotels, Restaurants und Clubs für die Sommertouristen. Da jetzt September ist, finde ich hier einen relativ ruhigen Platz. Auf der einen Seite die Lagune, auf der andern die Hauptstrasse mit einem Fussgängerübergang, der aussieht wie eine Attraktion eines Vergnügungsparkes. Das Zentrum von Costanţa ist einerseits erneuert und mit Strassenrestaurants attraktiv gemacht für die Besucher, andererseits stehen dazwischen alte, zerbröckelnde Gebäude und unfertige Neu-Ruinen. Man hat mit diesen das gemacht, was der Künstler Christo zur Kunst erhoben hat: Man hat sie eingepackt. Auch das alte Casino präsentiert sich so, dahinter scheint aber eine Renovation vorgenommen zu werden. In alter Frische präsentiert sich der Karikaturist. Tatsächlich ist er hier am Quai, gleiche Staffelei, gleich freundlich und offen, gleich wie damals. Wir erinnern uns beide gut an unser Zusammentreffen. Auch nach sieben Jahren sind wir beide noch auf den Tag genau gleich alt. Er lebt fast hier, nur schlechtes Wetter lasse ihn zuhause bleiben. Als Geschenk zeichnet er (wieder!) eine Karikatur von mir. Sanft ist er und wach, der Florin.   







 

Heute ist Samstag. Auch in Rumänien. Ich sehe den Samstag hier als besonderen Tag. Der Tag der Hochzeiten ist der Tag der Fetele, genauer der Beinele der Fetele. Das bedarf einer sexistisch und sprachlich korrekten Erklärung: Der Samstag ist augenscheinlicher als anderswo der Tag der Hochzeiten. Nicht nur vor den Kirchen, auch in Parkanlagen und auf Plätzen, überall und um jede Ecke rum trifft man auf weisse Bräute. Sie und ihre Eskorte werden inszeniert, zelebriert und hundertfach abgelichtet. Dabei interessiert mich vor allem der weibliche Teil der Eskorte. Ihre Aufgabe besteht darin, schön zu sein, d.h. schön hergerichtet zu sein. Wie viele Dosen an Make-up und Crèmen werden da landesweit an einem Samstag aufgetragen? Weiter wird, in den Kategorien Juniorinnen und Elite, viel Bein gezeigt. Auf hohe Absätze gestellt. Da nun die Frauen, die man auf Deutsch „girls“ nennt, auf Rumänisch „fetele“ heissen, ist das schon mal ein sprachlicher Genuss. Autobusse sind „autobusele“. -ele, -sele, -lele, -lui und -ului! So sieht man an den Samstagen viele fetele, die alle ihre Beinele zeigen. Aşa este! Ausweichen könnte man dieser Soap opera gar nicht. Also halte ich mich mit gebührendem Corona-Abstand im Hintergrund, das Hundele an dem Leinele. Eine der Bräute deutet auf den Hund. Ich verstehe. Nein, herkommen soll ich mit ihm, sie wolle ihn für ein Photo haben! Nebendran versucht einer der Hochzeitsgäste, seine Schöne abzulichten, hat aber ein Problem mit der Kamera. Sie wartet geduldig, ihr Füssele aufs Mäuerle gesetzt, während ich ihm die Arbeit aus besserer Perspektive abnehme. – Rumänisch ist eine schöne Sprache.