Noch zwei lachende Grenzen
Erst lachen die Georgier: „Welcome to Georgia!“ Die Zöllner sind locker, so wie ich es schon erfahren habe. Ich werde jedoch dem Land diesmal nicht gerecht werden, denn jahreszeitmässig betrachtet ist es besser, gleich das nächste Land anzupeilen. Um nach Armenien zu gelangen, muss man ja erstens den Umweg über Georgien machen (die Türkei will das so), und zweitens auch einen grossen Bogen innerhalb Georgiens, bedingt durch die miserablen Strassen auf dem direkteren Weg durch die Berge. So bekomme ich ausser 500km auf neu und gut ausgebauten Strassen immerhin ein paar Muster der speziellen Architektur mit. Bei neuen Gebäuden (das Zollgebäude oder eine Autobahnraststätte als Beispiele) durften die Architekten etwas wagen. Auf der neuen Autobahn, die an Stalins Geburtsstadt Gori vorbeiführt, sind es die Kühe, die etwas wagen. Was in der Schweiz eine Unterbrechung des Radioprogramms für eine dringende Durchsage zur Folge hätte, ist in Georgien Normalität. Und es scheint mir, dass nicht nur die Rindviecher und die Architekten die Freiheit geniessen, sondern dass im Land überhaupt eine Freiheit westlicher Prägung zu spüren ist.
Es lacht die nächste Grenze – die armenische. Auch hier ist man locker und freundlich, auch hier „Welcome to Armenia!“. Zeit für Lockerheit ist genug da, denn es sind nur wenige Georgier und Armenier, die über den (einzigen offenen) Grenzposten wollen. Die erste Etappe führt der Grenze Aserbaidschans entlang durch kurviges Berggebiet zum Sewansee.
Dort halte ich Ausschau nach einem ganz bestimmten Übernachtungsplatz, nämlich nach dem Eisenbahn-Schlafwagen, der nahe am Ufer sein letztes Dasein fristet. – Voilà! Da steht schon ein Camper, mit iranischem Kennzeichen. Mann und Frau und Tochter. Selbstgemacht (der Camperaufbau). Mit allem Drum und Dran und guter technischer Ausrüstung. Bald folgen noch drei weitere. Die Basisfahrzeuge deutscher, japanischer und chinesischer Herkunft sind einwandfrei eingerichtet. Natürlich werde ich in die illustre Sippe aufgenommen. Nimm Platz und trinke Wodka mit uns! Dieser scheint einer der Gründe für den mehrtägigen Ausflug zu sein. Wer ein bisschen Englisch kann, fragt, erklärt und übersetzt. Ali ist in meinem Alter und ein echter Freak. Manchmal reise er mit seiner Frau, manchmal mit seiner Mutter, so wie jetzt. Mahmut erklärt mir mit seinem lustigen Englisch und seiner Chorknabenstimme (ich höre immer Gerhard Polts Parodie über den bayrischen Ratzinger-Papst), wie schön doch das Leben mit Essen, Trinken und Zusammensein sei . Dann kommt er näher an mein Ohr und wispert: „And sex!“ Auf dass der chinesisch-iranische Wohnwagen schaukle!
Zwei Passüberquerungen hält der Weg noch bereit, bis er das Ziel (fast) erreicht hat. Der Weg hat ja ein Ziel! Ob dieses aber wirklich erreicht werden kann, wird noch ein Weilchen offen bleiben. Die Strasse hinauf auf den Selim-Pass (2400m) und hinunter ins fruchtbare Gebiet um Yeghegnadzor ist eindrücklich. Ebenso diese, welche in endlosen Kehren hinauf zum 2350m hohen Vorotan-Pass führt. Iranische und armenische Lastwagen kämpfen und stinken sich vorwärts. Oben wird man von einem klotzigen Monument, Gemüse, Obst und Honig verkaufenden Ständen und viel weggeworfenem Abfall erwartet.
Nach insgesamt fast 9000km – Frankreich, Deutschland, Polen, Ukraine, Moldawien, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Armenien – kommt es in Goris zum geplanten Wiedersehen mit Ara und seiner Familie. Beim Treffpunkt weigert er sich, einen Kaffee zu trinken – nicht gesund und nicht nötig. Gesund und nötig ist aber das Abendessen, das Nelli zubereitet. Und reichlich. Dazu ein erstes Gläschen armenischer Cognac. „Ararat“, benannt nach dem auf türkischem Boden stehenden Wahrzeichen Armeniens, dem Berg Ararat. „Kenats!“ – zum Wohl!
Zu meinem endgültigen und „richtigen“ Ziel (jedem seine Eigenheiten…) sind oder wären es jetzt noch etwa 70 mühsame, bergige Kilometer weiter südwärts Richtung Iran. Aber nix is gwiss.

















