„Game-Club“ steht auf dem Schild. Bilder von Rambos mit Phantasie-Waffen locken zum Besuch
Auf dem Sonnenschirm vor dem Eingang steht: „Live for now“. Schräg gegenüber befindet sich der neu und notdürftig angelegte Friedhof für die getöteten Soldaten des jüngsten Krieges. „Gefallene“ nennt man sie in unserer Sprache. Die Nicht-Gefallenen dürfen weiter Gefallen finden am Zeitvertreib in der virtuellen Schiessbude. Live for now!
Goris liegt in der südlichsten Provinz Armeniens, in Sjunik, auf fast 1400m über Meer. Es ist 150km von der iranischen Grenze und gegen Osten nur 40km von der Grenze zu Aserbaidschan entfernt. Dahinter liegt dann das armenisch bevölkerte Berg Karabach, das im letzten Herbst von den Azeris zurückerobert wurde.
Hunderte von schwerbeladenen iranischen Lastwagen mühen sich täglich laut und stinkend die langgezogene und steile Hauptstrasse hinauf Richtung Jerewan oder Georgien. Beim Stadteingang schaut der gütige Wladimir Putin auf einen herab und erinnert an die lange, traditionelle Verbundenheit Russlands und Armeniens. Die Stadt macht einen düsteren und armen Eindruck. Vieles ist am Zerfallen. „Das war zu Sowjetzeiten eine Markthalle…, das war eine Textilfabrik…, das war …“. Nur mit einem Auge für Skurriles oder Absurdes lassen sich besondere Schnäppchen einfangen. Wie seltsam ist es zum Beispiel, an einem verlassenen Verpflegungsstand vorbeizukommen und zu konstatieren, dass in beiden der dazugehörenden leeren Kühlschränken das Licht noch brennt und sie kühlend vor sich hin schnurren.
Von den leeren beleuchteten Kühlschränken kann man senkrecht hinunterschauen auf… – Auf den Ort, wo landet, wer seinem Leben mit einem Sprung von der Mauer ein Ende setzen will, genau neben dem Fussballfeld. Und dieses Fussballfeld, unter der hohen Mauer auf einem kleinen, flachen Plateau angelegt, das einzige in Goris, ist selber auch tot. Es ist der schmutzigen Geldmacherei des Stadtobersten zum Opfer gefallen. Ein Diaspora-Armenier hat der Stadt Geld zur Verfügung gestellt, um den Platz zu sanieren. Der Stadtvorsteher hat die erste Arbeit veranlasst, indem er Bagger auffahren liess, um den Platz zur eigentlichen Erneuerung bereitzumachen. Dabei ist es geblieben, und das restliche Geld ist verschwunden. Eine normale armenische Geschichte. Inzwischen sitzt er zwar im Gefängnis. Wegen Wahlbetrugs. Zu einem Gerichtsprozess ist es nur gekommen, weil ein anderer korrupter und ihn konkurrierender Politiker diesen angestrengt hat (eine normale armenische Geschichte). Das Gesicht des gütigen Verurteilten lächelt nach wie vor von Hunderten von Plakaten. Wenn ein Politiker wegen Betrügereien im Gefängnis gesessen ist, schadet dies seinem Ruf überhaupt nicht. Vielmehr gilt: „Schaut, da bin ich wieder!“ Seine Wiederwahl nach der Entlassung ist so gut wie sicher, denn die grosse Mehrheit vertraut trotz Enttäuschungen durch leere Versprechen immer wieder solchen Leuten. Und auch wenn alle wissen, dass dieses Söhnchen eines einflussreichen Vaters zudem mit Drogen zu tun hat, ist dies kein Hindernis (eine normale armenische Geschichte). (Mehr über die kranke Seele Armeniens ist in Vorbereitung)
Übergang zur grossen Fussball-Frage! Gibt es Fussball? Wo und wie? In Kapan, 80km südlich, der „iranischen Lastwagenstrecke“ folgend, habe ich vor sechs Jahren ein Spiel besucht, und das möchte ich wieder tun. Dies habe ich zu meinem Ziel erklärt: Von St.Gallen nach Kapan zum Matchbesuch – der Weg hat ein Ziel! Es scheint nun, als müsse ich da zurückbuchstabieren, aus zwei Gründen: Erstens führt die Bergstrasse nach Kapan hart an der azerischen Grenze entlang, welche als Folge des Krieges von Aserbaidschan (inklusive der Strasse) kontrolliert wird. Trotz der „Peacemaker“-Checkpoints der Russen kommt es zu willkürlichen Überfällen der Azeris, und sie verlangen Wegzölle in Dollars. Ob sie auch Schweizer Fränkli akzeptieren würden? Der zweite Grund ist der, dass dieser Club in Kapan gar nicht mehr existiert! Es gibt zwar noch eine armenische Meisterschaft, bestehend nur aus Jerewaner Clubs.
Es gibt doch noch ein Fussballfeld in Goris! Zehnmal kleiner als nötig, aber mit Kunstrasenbelag. Hier werden die 12- bis 14-jährigen Jungs von einem älteren Mann trainiert. Und er macht seine Sache sehr gut. Er ist tatsächlich ein gütiger Chef! Er ist klar und väterlich zu den Boys, und klar und zielgerichtet sind die Übungen. Ich staune nicht nur über die Technik dieser jungen Spieler, sondern vor allem über das Verständnis für das Spiel: Laufen, sich freistellen und als Ballbesitzender den freistehenden Mitspieler sofort anspielen! Und sich über die gelungenen Spielzüge freuen – keine Gehässigkeiten, nur grosser Einsatz und gemeinsame Freude! Keine normale armenische Geschichte, wage ich zu behaupten.
Am Sonntag findet ein Kräftemessen in Sisian gegen die dortige Auswahl statt. Auf einem schlechten Platz zwar, jedoch mit den richtigen Ausmassen für ein Elf gegen Elf. Also doch: das Spiel ist das Ziel! Mit einem komfortablen Kleinbus werden die Jungs und die Betreuer hingebracht. Alle erhalten ein gelbes Shirt, und los geht`s. Ausgewechselt wird fliegend, und Offside zählt. Wieder staune ich über das Spielverständnis und über die Fairness. Mit einem Pokal für den 2:5-Auswärtssieg dürfen „wir“ nach Hause fahren. Nein, vorerst geht es zum Picknick an einen Wasserfall. 25 Jungs spielen, baden und tummeln herum, während die Betreuer Fleisch grillieren und alles Mitgebrachte bereit machen. Nach dem Essen bleiben wir älteren Herren unter uns, so dass dann auch die Wodka-Flasche hervorgenommen werden kann. Der Tradition entsprechend wird mit einem „Kenats“ auf dies oder das angestossen. Auch auf die Gefallenen des Krieges vom letzten Herbst.
Der Soldatenfriedhof für die Opfer aus Goris besteht aus einer Betonfläche, und die darin eingelassenen rechteckigen Aussparungen sind die Gräber. Ein Loch im Beton, ein Namensschild und die Flagge. Und tschüss. Als Vater von zwei Söhnen interessieren mich die Geburtsjahre. Zwischen 18 und 30 Jahre war das Alter der Burschen, die als Zielscheiben für den überlegenen Gegner herhalten mussten. Zwei Gräber fallen speziell auf: Beim einen ist das Bild des Opfers auf die Flagge gedruckt und die Worte, dass man ihn nie vergessen wird, und beim andern Grab fehlt eine Angabe, wer der Getötete war. Wer war er? Trauert jemand um ihn?
Ich verlasse die Gedenkbaustelle. Mit welchen Gefühlen? Trauer? – dazu bin ich nicht fähig. Wut? – auf wen denn? Unverständnis? – ja, aber wofür genau? Betroffenheit? – Inwiefern bin ich denn oder fühle ich mich betroffen? 50 Meter weiter weg steht mein Chevrolet Silverado, der mich mit seinen acht Zylindern und 5.3 Litern Hubraum hierhin gebracht hat. Auf dem Rücksitz wartet mein Hund. Vorne liegt eine Schachtel Zigaretten bereit. Und zehn Meter daneben steht eben diese idiotische Schiessbude, die mit „Game“ und mit „Live for now“ angeschrieben ist. Jetzt spüre ich ein Gefühl, das ich benennen kann: Irritation. Etwas weiter unten fällt mein Blick auf einen Kleiderladen, bzw. auf dessen Namen: „Realist“. Genau, Irritation und Realität. Und das dumpfe Gefühl, das dazwischen liegt, scheint mir auch das Gefühl der Menschen hier zu sein.



















