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Mittwoch, 6. Oktober 2021

Goris 2


 

 

 

 

Das armenische Kind und das armenische Khachapuri

 

Anmerkung vorneweg: Vieles, was ich als Beobachtungen oder Tatsachen hinstelle, kann nicht nur von mir selber sein. Es entstammt glaubwürdigen Erzählungen von mir vertrauten Menschen. Die Schilderungen persönlicher Eindrücke und Erlebnisse stützen sich auf oftmals gemachte Erfahrungen. Die Dinge einordnen oder verstehen zu können ist schwierig. Vieles beschäftigt, Vieles bedrückt, Anderes ärgert auch. Mit dem mir zur Verfügung stehenden (vorgeprägten) Sensorium versuche ich aufzunehmen und schreibend zu verarbeiten.  

Geschichte und Diaspora

Die Geschichte Armeniens der letzten 250 Jahre ist uns bekannt: Verfolgung, Genozid, Unterwerfung, Fremdbestimmung, Armut, Drangsalierung, Krieg. Eine der Folgen ist, dass sich drei Viertel des Volkes ins Ausland abgesetzt haben und über die ganze Welt zerstreut leben. Wer es dort zu Wohlstand gebracht hat, vergisst sein Heimatland nicht und unterstützt es. Sagt man. Vielleicht mit grosszügigen Gesten für Kultur, Sport, öffentliche Plätze usw. Wer aber in der neuen Heimat auch nicht auf der Sonnenseite steht (sei das als einfacher Arbeiter in einem westeuropäischen Land oder als Gemüseverkäufer in einer russischen Nicht-lustig-Stadt), bleibt zwar auch mit Armenien verbunden. Wenn jedoch jemand durchaus mal 100Euro springen lassen könnte, ist seine Verbundenheit mit Armenien nicht mehr so klar. Es wäre dann nicht mehr nur eine abstrakte Verbundenheit, sondern eine ganz konkrete mit der Familie des Bruders oder mit der Tante. Und hier beginnt es (wie man auf Schweizerdeutsch treffend sagt) zu „menschelen“. Die Anteilnahme zeigt sich mehr in der „moralischen Unterstützung“: „Seid tapfer, verteidigt unser Armenien, kämpft für unsere Heimat! Viele Grüsse aus dem sonnigen Frankreich“. Wie klingen diese Stimmen von weither in den Ohren der im Schlammassel stehenden Ausharrenden?

Khachapuri

Eine georgische Spezialität – in feinen Bätterteig eingebackener Käse. Khachapuri gibt es auch in Armenien. Nur viel dünner und fast ohne Käsefüllung. Warum? Weil es zu wenig Käse gibt? Weil der Käse zu teuer ist? Nein, wird mir gesagt. Warum denn? – Weil das Armenien ist. Weil man es nicht anders machen möchte. – Leer schlucken, im wörtlichen Sinn. Verstehen?...

Das Zusammenleben

In andern osteuropäischen Ländern werde ich oft von Leuten angesprochen oder gefragt, woher ich komme. Sei das ein Smalltalk in einem Laden oder ein Gespräch aufgrund eines grösseren Interesses. In Armenien ist das nie der Fall. Es geht mir nicht um Bewunderung oder einen Kniefall. Es ist einfach so. (Wie das umgekehrt in der Schweiz ist, ist eine andere Frage.) Meine Feststellung ist die, dass ich in den andern Ländern andere Gesichter gesehen habe. Offenere, entspanntere, freundlichere. Ein Beispiel für einen Vergleich ist auch die Hilfsbereitschaft: Zweimal brauchte ich bisher für die verklemmte Hintertür einen grösseren Hammer. In Moldawien ging ich in ein kleines Büro, dessen Tür offen stand, um zu fragen, wo ich einen herbekommen könnte. Die Frau ging mit mir zwei Häuser weiter, klopfte an eine unscheinbare Türe, und der Besitzer der kleinen Werkstatt gab mir ohne Zögern seinen Hammer. Zurückbringen ist Ehrensache. In Goris versuche ich es bei einer Werkstatt mit angegliedertem Werkzeugladen. Sie haben nur einen kleinen im Gestell. Der Mann dreht sich also um und läuft grusslos weg. Ich frage noch hinterher, wo ich das Gewünschte wohl finden könnte. Er zeigt mit einer flüchtigen Geste abwärts und wendet sich wieder ab.

Ein weiterer Vergleich mit den bereisten andern Ländern ist der mit der Hausumgebung. Wie viele schöne Gärten und Sitzplätze habe ich dort gesehen! Und Leute, die vor den Gartenzäunen auf Bänken sitzen. Moldawien und Rumänien sind diesbezüglich die Spitzenreiter. Armenien? Nichts. Verrostende Metallteile, Abfall, Steinreste von eingebrochenen Mauern und (artig formuliert) Humus (der bei Regenwetter besonders eindrücklich zur Geltung kommt).   

Wie ist steht es denn um die Hilfsbereitschaft untereinander? Mein persönlicher Blick bekommt da zu wenig mit. Also versuche ich es mit Nachfragen. Ich erfahre erstens, dass es damit nicht weither sei. „Hopeless“, wird auch gesagt. Warum, frage ich nach. Seit dem letzten Krieg sei die Haltung der Menschen (noch) mehr eingeknickt. Man interessiere sich kaum mehr für die Andern, man traue niemandem mehr. (Zu Sowjetzeiten habe übrigens die gegenseitige Hilfe und Unterstützung am besten funktioniert.) Warum hat der Krieg nicht den umgekehrten Effekt gehabt (Wir müssen uns gegenseitig unterstützen!)? Das Vertrauen der Menschen (in die Regierung, ins Land, in die Andern?) sei durch den letzten Krieg nochmals kleiner geworden, weil viele keinen Sinn in diesem Krieg gesehen hätten. Wiederum weil: Erstens, weil es zu einem grossen Teil um azerische und im vorletzten Krieg von Armenien eingenommene Gebiete gegangen sei, für die die Regierung in den letzten 25 Jahren keine Lösung angestrebt habe. Zweitens, weil vor allem die Menschen der unteren Klasse eingezogen und als Kanonenfutter an die Front geschickt worden seien. „Geht und kämpft für unser Armenien!“. Dabei seien nicht nur viele Menschenleben für die innerarmenische  verlogene Machtstruktur geopfert worden, sondern auch viele Seelen tief verletzt worden.  Mit der Folge, dass man sich um nichts mehr kümmern mag – es herrscht gewissermassen eine psychologische Anarchie. Und der Wodka ist immer noch relativ günstig erhältlich.        

Ablenkung Vögeln

Wenn man (vor allem frau) mit 25 noch nicht verheiratet ist, stimmt etwas nicht. Dass Mann und Frau unverheiratet zusammenleben, kommt nicht vor. Der Moral und dem hiesigen christlichen Glauben entsprechend sind aber sexuelle Beziehungen nicht verboten.

Beim 50-jährigen Automechaniker mit einer kleinen Werkstatt sieht es so aus: Unten ist die Werkstatt und zugleich der Treffpunkt seiner Kollegen, und oben ist die Wohnung. Unten ist auch immer genügend Wodka für alle vorhanden, und oben ist eben seine Ehefrau für alle vorhanden. For free. Man weiss es, er weiss es, soweit dies ein säuselnder Kopf zulässt. So rattert täglich der Kompressorschrauber, so säuseln täglich die Köpfe, und so vibrieren dazu auch andere Körperteile. Nicht immer wird mit derlei Episoden so grosszügig umgegangen. Aber oft. Es läuft einfach ab.   

Es war einmal eine Frau. Die war ziemlich schön. Sie heiratete einen gutmütigen Mann. Inzwischen sind drei Kinder da. Keines ist von ihrem Mann. Als der Gehörnte auf einen der Gratis-Freier trifft (man kennt sich…), richtet er sich mit einer Bitte an diesen: „Sieh zu, dass du ihr kein weiteres Kind machst. Drei reichen mir“.

Mit oder ohne Streit, mit oder ohne verlassene Kinder, mit oder ohne Messer – Es läuft einfach ab. Und sie seien zahlreich, diese Geschichten in dieser Stadt, die eher ein zu gross gewordenes Dorf ist.

Ablenkung Auto

Wie fahren die Spanier? Wie fahren die Russen und wie die Deutschen?  Meine Erfahrung ist die, dass ich mich auf den armenischen Strassen am unsichersten fühle. Die Autolenker hier warten mit vielfältigsten Überraschungsmomenten auf. Wenig mitdenken, wenig Vorausschauen, auch wenn das zum eigenen Nachteil führen könnte. Es geht nicht um Arroganz und nicht um das Machtspiel des Stärkeren (ausser bei den neureichen SUV-Fahrern). Ein einziges Beispiel soll genügen: Man hält abrupt am Strassenrand an und öffnet gleich die Tür, obwohl von beiden Richtungen her Verkehr herrscht. Kann das Unwissen sein? Ist es Gleichgültigkeit? Dumpfheit? (Das Wort „Dummheit“ verbiete ich mir grundsätzlich. Sonst befände ich mich auf dem „Die-Neger-sind-dumm“-Niveau.) Muss man das verstehen und erklären können? Kann ich es übersehen? Auch bei Hunderten von solchen Beispielen? Soll ich es dem Khachapuri-Effekt gleichstellen? – Es mag gutes Khachapuri geben, aber wozu soll unseres auch gut sein?

Um zum Führerschein zu kommen (ab 14 Jahren) gibt es zwei Wege: Entweder man lernt die Regeln und absolviert eine praktische Prüfung (Erfolgschance 50%), oder man lässt bei der Prüfungsbewerbung ein paar Scheine auf dem Schreibtisch liegen (Erfolgschance 100% plus der Vorteil, keine Theorie lernen zu müssen). Ich frage hartnäckig nach: Aber viele Leute haben das Geld gar nicht! Antwort: Die kratzen das lieber irgendwie zusammen, damit sie nicht dafür lernen müssen.  

 Ablenkung Glaube

Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Man weiss, dass man der erste christliche Staat war. Man weiss, dass man an Gott glauben muss. Aber eine Kraft scheint nicht damit verbunden zu sein. – Kerzenschmelzer-Glaube. Am Souvenirstand vor dem Wasserfall von Shaki fordert der Verkäufer die wenigen Besucher zum Kaufen auf, mit den Worten „Kauft und glaubt!“. Buy and believe. – B&B-Glaube.

Die kapputte Kinderseele

Kann man die verletzte Seele der Armenier, diejenige der zurückgebliebenen, mit der Seele eines missbrauchten Kindes vergleichen?

Ich stelle mir ein Kind vor, das in eine Welt und in eine Familie hinein geboren wurde, die kalt und ungesund waren. Zudem wurde es auch missbraucht. Wusste jemand davon? Ging es jemanden etwas an? Dieses Kind wurde älter, und seine Welt blieb die gleiche. Es musste unter den gegebenen Bedingungen leben und überleben. Es wurde erwachsen, das Leben nahm seinen Lauf. Wahrscheinlich heiratete es. Vielleicht wurde es Mutter oder Vater. Die Welt blieb aber, wie sie war, oder sie wurde mitunter noch schlimmer. Armut, materielle und seelische, rundherum. Kein Verstanden-Werden, und die Hoffnung starb nicht zuletzt – sie muss schon lange vorher gestorben sein.

Von diesem Kind war in den vorangehenden Abschnitten die Rede. (Es fährt übrigens Auto und macht oft halsbrecherische Überholmanöver.)

 

 Empfangsgerät, auf Abfall stehend, innen leer, Antennen bedeckt

 
 
Blick hinters Haus

                   Ein Kind, 5. Oktober 2021