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Donnerstag, 21. Oktober 2021

Goris 3


 

 

 

 

Ein Bilderbogen

 

Trotz tagelangem Nebel und Regen fahre ich mal weg von Goris, ein Stück weit Richtung Berg Karabach. Ein roter Schirm leuchtet in der monoton gefärbten Landschaft:




Ein leerer Raum, keine Gäste. Auf einem der Tische steht eine Vase mit Rosen:



Zum Kaffee serviert mir die anwesende Frau ein paar Süssigkeiten:



Der flinke Fussballer meiner Gastfamilie hat auch flinke Finger. Grossartig, wie er Klavier spielt:



Der Grossvater wurde in die sowjetische Zeit hinein geboren. Er arbeitete als Lastwagenfahrer. Der Lastwagen ist später (wie die Blockwohnung) in seinen Besitz übergegangen und fristet im Hinterhof sein Dasein:



Der Grossvater heisst Melsik zum Vornamen. Ein armenischer Name halt. Nein, kein gewöhnlicher: Man nehme die Anfangsbuchstaben von Marx, Engels, Lenin und Stalin und füge ein abrundendes „ik“ dazu. Kein Witz:



Wahlsonntag in Goris – der neue Stadtpräsident ist derselbe wie der alte. Nur sitzt er immer noch im Gefängnis. Wegen Wahlmanipulationen in seiner ersten Amtszeit… Drei Tage vor dem Urnengang gab es in unbeleuchteten Strassen plötzlich Licht… Am Abend nach dem Urnengang fiel bei der definitiven Ermittlung des Resultates die Elektrizität aus. Und es wurde dunkel im Stadthaus. Das sei „Tradition“:



In Goris steht ein Eiffelturm:



Altes Auto – neue Geldmaschine – und die armenische Schrift:


 

3-Tages-Ausflug nach Jerewan. Der Unterschied zwischen Jerewan und dem ganzen Rest des Landes ist riesig, und die Schockstarre ist hier nicht offensichtlich. Ein Besuch in einem Spital wirkt jedoch erschütternd – die täglich ohne Termin und stundenlang im Korridor auf eine Konsultation Wartenden werden von der endlich auftauchenden gestylten Ärztin keines Blickes gewürdigt.  – Auf dem Heimweg: Fische der nahegelegenen Teiche werden an der Strasse zum Kauf angeboten. Heute habe er nur wenige Fische, sagt der Verkäufer, weil er nicht zu den Teichen gehen könne. Die Grenze zu Aserbaidschan verläuft nämlich nahe der Strasse entlang. Es wird wieder mal geschossen. In der Ferne sieht man ein Haus und Rauch darüber. Mache ich ein Photo des Karpfen und dessen letzten Zuckungen, oder drehe ich mich zur andern Seite und versuche, das beschossene Haus heranzuzoomen? :  



    

Meine Privatresidenz bei schönem Wetter:


   

12. Geburtstag von Davit:



Nach wenigen Kilometern von Goris zum Fluss Vorotan hinunter stösst man auf einen armenischen Checkpoint. Ende Armenien, bzw. Unterbruch Armenien. Ein russisches Fahrzeug eskortiert die wartenden Fahrzeuge (armen. PKW`s, armenische und iranische Lastwagen) durch die 10km lange von azerischen Soldaten bewachte Strecke zu wiederum armenischem Gebiet. Stündlich ist Abfahrt. Der Fluss würde sich als natürliche Grenze anbieten: „Rechts du – links ich“. Aber Macht- und Schickanierspiele funktionieren anders:



Machtspiele im Kleinen – sind nun die heimgebrachten Granatäpfel azerische oder armenische? :



Machtspiele im Grossen – Russland und der Iran streiten sich um den Korridor Armenien. Russland will die Kontrolle, der Iran will die freie Durchfahrt für den Gütertransport. Armenien möchte die Unabhängigkeit – aber Armenien ist „nur“ ein Korridor:



Auf einem schmalen Weg einem Menschen begegnen – kein Blick, kein Gruss, keine Erwiderung des Grusses, nichts. Da tut es gut, am Familienfest zum Anlass von Mutterns 65igstem für einmal Fröhlichkeit und Ausgelassenheit zu erleben. Mit viel zu viel Essen! Melsik ist besorgt dafür, dass mein Cognac-Glas auch nicht für einen kurzen Moment nur halbvoll ist:


 

Ja, ich habe mitgetanzt. Ist das der leichte Schluss eines nicht nur leichten Aufenthaltes in Armenien?