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Freitag, 29. Oktober 2021

Letzter Halt Gjumri

 






Die Nächte werden kalt, der Gefrierpunkt wird erreicht.

 

Das heisst für mich, dass ich über die Berge fliehe, bevor der erste Schnee fällt. Nach einer ersten Etappe erreiche ich die fruchtbare Ebene südlich von Jerewan, welcher entlang die Grenze zur Türkei verläuft. Dahinter, auf türkischem Boden (so hat es Stalin gewollt), thront das Wahrzeichen Armeniens, der 5140m hohe Ararat. Auf armenischem Boden in Jerewan (990m) steht immerhin der beste Cognac-Produzent des Landes, auch mit dem Namen Ararat.


Von Jerewan aus führt die Strasse in den nordwestlichen Teil Armeniens. Nach einem 100km langen Anstieg durch karges und dünn besiedeltes Gebiet kommt man nach Gjumri (1500m).


Erinnerungen an meine zwei ersten Armenien-Reisen steigen auf: Die freundlichen Polizisten auf dem Hauptplatz, der FC Shirak Gjumri, das witzige sowjet Restaurant im Stadtpark und der Idiotenfahrer, der meinen damaligen Wohnwagen zerlegt hat.

Es ist Dienstag, ein Tag, an dem man nicht an Fussball denkt. Aber hinter dem Stadtpark steht das Stadion des inzwischen abgestiegenen FC Shirak. Dort finde ich sicher einen guten Standplatz. In der 80. Minute komme ich an. Das Spiel steht 1:0 zwischen den oberklassigen FC Ararat (wie denn sonst!) und FC Van. Der Austragungsort des Matches musste wegen einer andern Veranstaltung in Jerewan hierhin verlegt werden. Ich treffe alte Bekannte. Da ist Mamma Shirak, wie ich sie nenne, die Stadion-Chefin im Hintergrund. Beim letzten Mal hat sie in der VIP-Loge Kaffee und Tee ausgeschenkt – ich war der einzige Gast. Am Tag darauf hat sie die Leibchen der Spieler gewaschen. Sie lebt in den verlotterten kleinen Häusern hinter dem Stadion. Diesmal hat sie mir den alten Container gezeigt, wo sie Tauben hält. An der Pressekonferenz nach dem Spiel treffe ich Vardan, den damaligen Trainer des FC Shirak (Vardan Bichakhchyan), der jetzt den FC Ararat trainiert. Er erzählt mir, der Präsident des Clubs sei ein Schweizer aus Genf, ein Mister Sirmakes. Google weiss Genaueres: ausgewanderter Armenier, Besitzer einer Luxusuhrenmarke, zwielichtiger Geschäftsmann in verschiedenen Bereichen (z.B. Goldgräber auf azerischem Gebiet – Haftbefehl liegt vor!) und x-facher Millionär. Auch Geldgeber beim Schweizer Club Lausanne-Ouchy. Er gibt gerne etwas, aus Liebe zu Armenien und aus Liebe zum Sport. Ob er die Hinterbliebenen der bildungsfernen 18-jährigen an die Front geschickten Burschen auch grosszügig unterstützt?  




In einem Aussenbezirk von Gjumri ist eine (unbedeutende) Strasse nach Margaret Thatcher benannt. Sie habe mal auf einer Auslandreise in den wilden Osten hier Halt gemacht und in einer Rede…, na, was hat sie wohl gesagt? Jedenfalls ist sie nicht auf taube Ohren gestossen, denn der Kapitalismus – ich meine die „freie Marktwirtschaft“ – blüht in den gottverlassenen Steinruinen und Blechhütten dieses Stadtteils: Schuhflickerei, Uhrenflickerei, Autoflickerei, Zahnflickerei… Auf dem Weg zurück fährt ein Bentley vorbei. Will Mister Sirmakes das Quartier kaufen?





Im Stadtpark stehen sie immer noch. Doch die meisten still. Die Attraktionen. Riesenrad, Karussells, Autoscooters, Schaukeln. Dazu Plastikramsch und Zuckerwatte. Und gelbes Herbstlaub. Unten am Hügel steht der ausgediente Käfig, in welchem vor fünf Jahren ein Löwe den Gitterstäben entlang hin und her streichen musste. Die Telephonnummer wartet auf einen Käufer.



Ich spreche mit zwei jungen Frauen. Beide studieren in Jerewan. Beide wollen nach der Ausbildung nach Westeuropa. Irgendwie halt. Die eine als Zahnärztin nach Deutschland, die andere als Sängerin nach Salzburg. „Brain draught“ heisst das auf gut Deutsch. Wer etwas drauf hat, setzt sich ins Ausland ab. Die Erfolglosen bleiben zurück und unter sich. Über Generationen. Wenn sie Pech haben, werden sie an die Front geschickt, wenn sie Glück haben, dürfen sie an die Fussballspiele von Mister Sirmakes.  Und Putin hält die schützende Hand über sie. Ein Stück vom Stadion entfernt steht auf einem Hügel die mächtige Statue von „Mother Armenia“. Doch sie steht im Abseits.